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21. Jun 2016

Almut Steinecke

Archiv

Master mit Mama

-ARCHIV-

An den Unis herrscht neuerdings Elternalarm

Ab durch die Qualitätskontrolle

Es ist der ganz normale Wahnsinn im Wintersemester an der juristischen Fakultät der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Der ganz normale Alltag mit durcheinanderwuselnden Studenten im brechend vollen Hörsaal, der sich ihm da als Anblick bietet. Und doch traut Professor Thomas Hoeren seinen Augen nicht an diesem Montagabend, als sich drei Personen vor ihm aufbauen. 

"Da stand eine 17-jährige Erstsemestlerin vor mir – aber nicht alleine, sondern in Begleitung von Mama und Papa! 'Wir wollten uns mal anschauen, wo und wie unsere Tochter studiert und was sie so alles bei Ihnen lernt‘, sagten die Eltern zu mir." Der Prof war baff. 

Nach der Vorlesung zum Thema "Informationsrecht" ist die Mutter der Studentin zu ihm gekommen, "'Sie machen das ja alles so lustig, unsere Tochter ist gut aufgehoben bei Ihnen‘, hat sie zu mir gesagt", erzählt Hoeren. Klar, das Lob hat ihn gefreut, "aber ich finde es schon echt strange, wenn der Trend jetzt dahin geht, dass ich als Professor erst einmal durch die Qualitätskontrolle von Mama muss, bevor die Kinder an der Uni alleine gelassen werden".

Eltern wollen Vorgespräch mit Professor ihres Kindes

Geht der Trend dahin? Nehmen Eltern heute mehr als früher Einfluss auf ihre studierenden Kinder? Der Münsteraner Professor Hoeren glaubt: "Ja!" Zumindest hat er die erziehungsberechtigte Front bereits an Orten auf dem Campus gesichtet, an denen er sie noch vor ein paar Jahren niemals angetroffen hätte, "auch in meinen Sprechstunden waren schon Studenten mit ihren Eltern", zeigt er sich amüsiert-irritiert. "Ich hatte sogar schon den Fall, dass die Eltern erst alleine kamen, weil sie für ihren Sohn eine Art 'Vorgespräch' führen wollten, um zu gucken, was für ein Typ ich bin, wie das Studium läuft und so weiter. Und vor allem Mamas und Papas, die selbst studiert haben, wissen dabei immer alles besser", regt sich Hoeren auf.

"Im vergangenen Wintersemester 2010/2011 hatte ich bestimmt rund zehn solcher Gespräche – früher wäre das nicht vorgekommen!" Aber früher ist nun mal nicht heute, in Zeiten von "Bologna" und "G8". 

Die bereits 1999 von europäischen Bildungsministern im italienischen Bologna angestoßene Bologna-Reform hat die deutschen Unis durch die Bachelor- und Master-Studiengänge stark verschult; der Leistungsdruck hat sich durch die Kombi von hoher Lernstoffdichte und verkürzter Studiendauer heftig erhöht. Einen Druck neuer Art aber produziert der zwischen 2007 und 2008 von der Ständigen Konferenz der Kultusminister der Länder (KMK) ausberufene Beschluss, nach dem seither an deutschen Gymnasien sukzessive im Bundesländerwechsel das Abitur nach Klasse 12 eingeführt wird.

Eltern auf dem Kümmertrip

Druck durch Leistung und Lebensalter bei den Studenten definieren die Rolle der Eltern neu, glaubt Malte Eilenstein von der Berliner Studienberatung "plan-z". "In den vergangenen Jahren achten Eltern immer mehr darauf, dass bei ihren Kindern alles richtigläuft, denn wenn sie ihr Abitur machen, sind sie ja zum Teil noch unter 18. Wenn man noch so jung ist, ist es schwer, Entscheidungen über seine berufliche Zukunft zu fällen!" Und wenn die Eltern die Immatrikulationsbescheinigung unterschreiben müssen, kommt Mama und Papa so eine völlig neue Bedeutung zu. Die Berliner Studienberatung plan-z bietet deshalb seit einiger Zeit "Elternseminare" an, um Eltern eine neue Form von Halt zu vermitteln.

 "Ich versuche", sagt der Berliner Studienberater Eilenstein, "den Eltern Gelassenheit für den Rückhalt ihrer Kinder hinsichtlich ihrer Studienwahl zu geben." Ein solcher Rückhalt scheint gewünscht. Die "Shell"-Jugendstudie von 2010 zumindest bescheinigt jungen Erwachsenen ein gestiegenes Faible für Nestwärme. "In Zeiten, da die Anforderungen in Schule, Ausbildung und den ersten Berufsjahren steigen, findet der Großteil der Jugendlichen bei den Eltern Rückhalt und emotionale Unterstützung (…)", so ein Auszug aus dem Studienresümee.

Und auch das Statistische Bundesamt beobachtet den neuen Kuschelkurs: "Im Jahr 2010 wohnten in Deutschland 64 Prozent der 18- bis 24-Jährigen noch mit ihren Eltern in einem Haushalt zusammen" – 2008 seien es noch 56 Prozent gewesen. Ein "Zuhause"-Gefühl biete die große, oft anonyme Uni-Welt nicht gerade, was einstmals aber stets auch ein Kick für Orientierungslose war: Sich freizuschwimmen fürs Leben an einem intellektuell stimulierenden, lebendigen Ort, an dem Lernen und Laisser-faire zugleich praktiziert wurde.

Über 70 Prozent der Eltern tragen die Studienbeiträge 

Doch diesen "Sozialromantizismen" dürfe man heute nicht mehr erliegen, man müsse pragmatisch an die Sache gehen, findet Dr. Jürgen Unverferth, Soziologe von der Universität Osnabrück. "Über 70 Prozent der Eltern unserer  Erstsemester tragen die Studienbeiträge", verrät Unverferth. Und weil das so ist, führt die Universität Osnabrück seit 2008 einmal im Jahr einen "Elterntag" für die Erstsemester durch.

"Vormittags organisieren wir zentrale Informationsveranstaltungen zum Beispiel über die neuen Bachelor- und Master-Abschlüsse und die Karrieremöglichkeiten der Studenten mit diesen Abschlüssen in der Wirtschaft", erzählt Unverferth. "Nachmittags können die Eltern dann in die einzelnen Fachbereiche ihrer Kinder schnuppern, mit Professoren sprechen, vor allem sehen, wo ihre Studienbeiträge bleiben." Rund 1.000 Teilnehmer nehmen das Angebot wahr.

Die Uni Osnabrück ahmt damit die Vorreiter Münster und Freiburg nach. Seit 2005 gibt es an der Uni Münster den "Elternalarm", mit dem die Hochschule Eltern und Studenten gleich für ein ganzes Wochenende zu einem Mix aus Tag der offenen Tür und Elternsprechtag einlädt. Das traditionsreichste Angebot gleichwohl weist die Uni Freiburg vor: In der südlichsten Großstadt Deutschlands lockt schon seit 15 Jahren ein „Erstsemesterfamilientag“ die Massen. "Zum Wintersemester 2011/2012", erzählt der Unisprecher Rudolf Dreier stolz, "hatten wir 4 000 Teilnehmer!" Den Zulauf begründet er mit neuer Partnerschaftlichkeit, „der Generationenkonflikt hat sich entkrampft – Eltern sind heute Vertrauensperson, weniger Autoritätsperson."

Vorsicht, Overprotecting-Gefahr!

Entsprechend zutraulich zeigen sich die Studenten. Lutz Holtappels, der Grundschullehramt in Münster studiert, war Anfang 2010 mit Mama und Papa beim münsterschen "Elternalarm", alles ganz locker, sagt der 22-Jährige. "Wenn meine Eltern an einer meiner Vorlesungen teilgenommen hätten oder meinen Stundenplan hätten sehen wollen, hätte ich mich kontrolliert gefühlt", gesteht Lutz zu. "Aber so haben sie sich nur darüber informiert, wie und wo ich studiere; meine Eltern finanzieren mir das Studium, da finde ich es nur gerecht, wenn ich sie in meinen Unialltag gucken lasse."

Das finden nicht alle Studenten. Caitlin Boas zum Beispiel studiert im fünften Semester Psychologie an der Uni Hamburg; die 22-Jährige würde sich von Mama und Papa, ebenfalls Akademiker, nicht ans Händchen nehmen lassen wollen, "es ist doch wichtig für junge Menschen, möglichst früh Fehler zu machen, nur so können sie doch daraus lernen". 

Auch Rita Marx, Professorin für Sozialarbeit und Sozialpädagogik an der Fachhochschule Potsdam, die dort die "Eltern-Uni" mitgestaltet, eine Vortragsreihe mit Tipps zur Beziehungsgestaltung zwischen Eltern und Kindern, befürchtet Overprotecting. "Die Uni ist das erste Feld, das junge Menschen ganz alleine für sich im Leben betreten, das sollten dann nicht auch noch die Eltern okkupieren", sagt Marx. Tun sie es und glucken sie dabei, könnte, so Marx, Hintergrund sein, "dass einige Eltern eigene ungelebte Wünsche, Ideale und Aspirationen in und durch ihre Kinder befriedigt sehen wollen, was dann dazu führt, dass jene quasi an allen Schritten der Kinder teilhaben wollen“.

Familienstudium an der Uni Hamburg

Besser ist es, wenn sie die Schritte selber gehen, so wie Margrit Paul: Seit fünf Semestern ist die 58-Jährige aus Hamburg im "Kontaktstudium für ältere Erwachsene" an der Uni Hamburg eingeschrieben – ein Studienangebot für Menschen ab 50 von der unieigenen Arbeitsstelle für wissenschaftliche Weiterbildung (AWW). Paul ist seit 1989 aus ihrem Beruf raus, hat sich 22 Jahre nur um ihre Kinder Lennart und Mareike gekümmert, die (heute 22 und 18 Jahre) ebenfalls studieren, ebenfalls an der Uni Hamburg – und auch noch an ein- und derselben Fakultät!

Denn ebenso wie Sohn Lennart (Geografie) und Tochter Mareike (Geologie) legt Mutter Paul ihren Schwerpunkt ihrer Vorlesungen auf Natur- und vor allem Geowissenschaften – "ich war auf einem Mädchengymnasium, da habe ich Nachholbedarf, was Naturwissenschaften angeht!" Auf dem Campus gehen sich Mutter Paul und ihre Kinder gezielt aus dem Weg, erzählt Lennart: "Meine  Mutter und ich klären vorher ab, welche Vorlesungen ich besuche und welche sie besucht", das ist ihm auch lieber so; im Hörsaal neben Mama zu sitzen, "das wäre mir echt nicht so angenehm". Aber zum Glück sieht die Mama das genauso, denn "irgendwie kann man sich ja nie so ganz aus seiner Mutterrolle lösen, und das würde mich zu sehr ablenken, wenn meine Kinder mit im Raum wären – ich will schließlich was lernen!"


WAS HALTET IHR VOM STUDIUM MIT DEN ELTERN?

 
 
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  • Dass einer von meinen Eltern mit mir im Seminar sitzt, könnte ich nicht ertragen. Dann würde ich lieber die Uni wechseln.
  • Ich fände das toll, mit Mama oder Papa zusammen zu studieren. So kommt man intellektuell besser auf einen Nenner.
 
 

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