Turbostudenten
Flotten Schrittes durch das Studium – die Turbostudenten verraten, wie's geht! | Foto: Thinkstock
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20. Aug 2013

Anna Gumbert

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Mit Vollgas durchs Studium: die Turbo-Studenten im Interview

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Warum elf Semester studieren, wenn man es auch in vier schaffen kann?

"Wir liegen weder dem Staat noch unseren Eltern auf der Tasche"

UNICUM: Wie kamt ihr auf die Idee, euer Studium um ganze sieben Semester zu verkürzen?
Marcel Pohl: Wir fühlten uns mit der Ausbildung und dem Studieninhalt nicht ganz ausgelastet. Dann kam uns die Idee, doch ein bisschen mehr zu machen. Wir wollten schnell auf eigenen Beinen stehen, einen tollen Job haben und eine besondere Leistung erbringen. Also haben wir uns zu dritt zusammengeschlossen und einen Plan ausgeheckt.

Wie sah der konkret aus?
An unserer Hochschule, der FOM,  ist es möglich, die Vorlesungen freier zu wählen, zum Beispiel am Wochenende oder abends in der Woche. Zudem hat diese Hochschule verschiedene Standorte in ganz Deutschland – so konnten wir mehrere Vorlesungen parallel abarbeiten und nicht jeder von uns musste den jeweiligen Unterricht besuchen. Im Anschluss haben wir uns über die Inhalte der Vorlesungen abgesprochen. Das bedurfte einiges an Organisationstalent!

Was sind eurer Meinung nach die Vorteile des verkürzten Studiums?
Die Zeit unseres Turbostudiums war sehr intensiv. Wir durften eine Menge Lebenserfahrung sammeln. Auch viele Soft Skills, die im Studium vielleicht nicht so gelehrt werden, haben wir uns angeeignet. Da wäre die Teamarbeit,  der Zusammenhalt in der Gruppe, das Empathievermögen und die Willenstärke, das alles durchzuziehen. Der Aspekt, relativ früh auf eigenen Beinen zu stehen, ist natürlich auch nicht zu verdenken – wir sind schon mit Anfang Zwanzig im Job und liegen somit weder dem Staat noch unseren Eltern auf der Tasche. Auch die beruflichen Perspektiven, die sich uns eröffnen, sind enorm. Unsere Geschichte hört sich ja zunächst ziemlich verrückt an, bei einem Bewerbungsgespräch lehnte mich eine Personalerin ab, weil sie mir nicht glaubte! Andere wiederum sind sehr beeindruckt. Ich arbeite derzeit parallel zu meinem Job an einer Promotion und als Dozent.



"Manche meinen, wir hätten unser Leben weggeschmissen"

Kurze Nächte, lange Lerntage, kamt ihr dann nicht irgendwann auch an eure Grenzen?
Doch, auf jeden Fall. Wir sind an unsere Belastungsgrenze gegangen und auch drüber. Irgendwann lagen die Nerven, auch aufgrund von Ermüdungserscheinungen, blank. Einmal hatte ich nicht genügend für eine Prüfung in Steuerrecht gepaukt. Kurz vor der Prüfung wollte ich mich abmelden – ich konnte einfach nicht mehr! Aber das hätte unseren gesamten Lernplan durcheinandergewürfelt. Deswegen haben die anderen beiden auf mich eingeredet und mich schließlich umgestimmt. Wir haben uns gegenseitig so  sehr motiviert, was uns über alle Schwierigkeiten hinweggeholfen hat.

Ist das für jeden etwas? Was würdet ihr jemandem raten, der das auch versuchen möchte?
Nein, ein Turbostudium ist sicherlich nicht für jeden etwas. Nicht jeder ist bereit, seine Freunde und Familie so zu vernachlässigen, nicht jeder bringt die Disziplin auf und nicht an jeder Hochschule ist eine Verteilung der Kurse und Seminare in dieser Form möglich. Wir konnten das Studium so durchziehen, weil wir genau wussten, was unser Ziel war, und welchen Beruf wir ausüben wollten. Jemand, der sich noch nicht sicher ist, was er werden will, der sollte sich definitiv die Zeit nehmen und ab und an über den Tellerrand blicken.

ABER, und das ist unsere Kritik an der Bologna-Reform: Jeder, der ein solches Turbostudium anstreben möchte, dem ein normales Studium zu lange dauert und es als Zeitverschwendung betrachtet, sollte die Möglichkeit haben, diese Zeit zu sparen. Natürlich war das Turbostudium nicht unbedingt das Beste für unsere Gesundheit. Man muss sich zwischendurch auch was gönnen und die wenige Freizeit, die bleibt, intensiv genießen. Es ist wie mit dem Laufen: Wenn man es zu übereifrig beginnt und zu schnell ist, geht einem irgendwann die Puste aus. Also: Kräfte immer schön einteilen.

Habt ihr nicht das Gefühl gehabt, etwas zu verpassen? Die Studiumzeit ist mit den ganzen Partys, dem langen Ausschlafen usw. doch die schönste Zeit im Leben …
In den 20 Monaten sind wir vielleicht jeder einmal in den Urlaub gefahren. Und  die Partys kamen etwas zu kurz. Aber dafür haben wir uns ja bewusst entschieden! Dadurch, dass wir das zu dritt durchgestanden haben, konnten wir uns auch immer gegenseitig motivieren und dann war es nur halb so schlimm, wenn man mal auf etwas verzichten musste.

Gibt es bereits Nachahmer? Oder Leute, die euch beneiden?
Ja, es gibt ein paar, die es uns nachmachen wollen. Andere nennen uns Schmalspurstudenten und schließen aus dem verkürzten Studium darauf, dass die Qualität darunter gelitten hätte. Manche meinen, wir hätten unser Leben weggeschmissen. Aber dem ist nicht so. Wir hatten klare Ziele, wir wollten diese Herausforderung, es war unsere ganz eigene Entscheidung. Und aus unserer Sicht haben wir sehr für unser Leben profitiert und Erfahrungen gemacht, die wir in dieser Form sobald nicht wieder machen werden.

Der Abschied von eurer Hochschule war nicht ganz so schön …
Die FOM beanspruchte die Studiengebühren für die Regelstudienzeit und wollte nicht akzeptieren, dass ich seit meiner Kündigung zum Ende des Sommersemesters 2011 nicht mehr gezahlt hatte. Die Hochschule begründete dies damit, dass die Gebühren für das Studium schon im Vorfeld feststehen – unabhängig von der Dauer des Studiums. Ich habe mich auf das Kündigungsrecht berufen, das die Hochschule ihren Studenten zum Ende eines jeden Semesters einräumt. Vor Gericht hat die Hochschule aber leider vor kurzem Recht bekommen. Das muss man akzeptieren.

Wo arbeitet ihr jetzt?
Ich bin Projektleiter bei der Commerzbank in Frankfurt am Main, die beiden anderen haben sich mit einer Online-Plattform für akademische Freelancer selbstständig gemacht.


UNICUM Buch-Tipp

Marcel Pohl, Robert Grünwald und Marcel Kopper haben auch ein Buch mit dem passenden Titel "Die Turbo-Studenten" (GABAL Verlag) veröffentlicht. Darin: Alle Details zu ihrem Studium, Tipps und Ratschläge für effizientes Studieren und Teamwork sowie wichtige Denkanstöße zur Bologna-Reform.

Mehr Infos findet ihr unter turbostudenten.de

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