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12. Mai 2014

Barbara Kotzulla

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MMA ist nicht nur Männersache – Eine Sportlerin im Interview

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UNICUM sprach mit Mixed Martial Arts-Kämpferin Dr. Anne Merkt

"Man weiß nie, was auf einen zukommt"

UNICUM: Anne, erzähl uns, wie du zum MMA gekommen bist. Dr. Anne Merkt: Ich bin sehr früh in den Kampfsport hineingewachsen, habe mit neun Jahren in einer Ju-Jutsu-Kindergruppe angefangen. Dabei bin ich dann geblieben. Ju-Jutsu ist eine Sportart, die für die deutsche Polizei entwickelt wurde und auf Selbstverteidigung abzielt. Inzwischen habe ich auch Trainingseinheiten im Kickboxen oder im Bodenkampf. Ju-Jutsu vereint verschiedene Kampfsportarten, genau wie Mixed Martial Arts. MMA ist für mich zudem ein herausfordernder Sport – und Herausforderungen mag ich.

Welche Herausforderung reizt dich beim MMA? Es geht beim MMA nicht einfach darum, selber in Top-Leistung zu sein. Man muss sich auf einen Gegner einstellen. Man weiß nie, was auf einen zukommt. Mich reizt diese Risiko-Situation, in der man voll da sein und alles aus sich herausholen muss. Dabei geht man oft über seine eigenen Grenzen hinaus. Ich bin ein Fan solcher Sportarten und gehe auch gerne Snowboarden und Kitesurfen. Dieser Nervenkitzel ist ein super Ausgleich zu meinem Job, der sehr kopflastig und kontrolliert ist.

Mit Wettkampferfahrung in die Uni-Prüfung

Du hast einen Doktor in Psychologie – kannst du daraus einen Vorteil für den Sport ziehen? Nein, es ist eher so, dass ich aus meinem Sport ganz viel für mein Studium und meinen Beruf mitnehmen kann. Diese Extremsituationen, in denen man auf dem Punkt da sein muss, kommen ja auch an der Uni vor. Ich hatte etwa als Diplom-Studentin sieben mündliche Abschlussprüfungen, jede eine halbe Stunde. In diesen Momenten musste ich immer voll da sein. Die Prüfer haben im Nachgang angemerkt, dass ich sehr entspannt und locker war. Das lag tatsächlich an meiner Wettkampferfahrung und der Tatsache, dass ich dadurch meine Nerven ganz gut im Griff habe. In letzter Zeit sind mir im Sport aber noch die Zusammenhänge zur Motivationspsychologie bewusst geworden: Man erkennt schon die Muster, wie verschiedene Kämpfer an verschiedene Wettkampfsituationen herangehen.

Gibt's ein Ritual, dass dir vor einem Wettkampf wie vor einer Prüfung hilft?Eigentlich nicht, aber die Einstellung ist in beiden Situationen ähnlich: Ich weiß, ich muss mich auf mich konzentrieren, ich muss mein Ding durchziehen, ich darf mich nicht aus dem Konzept bringen lassen. Und, dass ich weiß, dass ich mich auf mich verlassen kann, und ich weiß, dass ich mich gut vorbereitet habe.

Dr. Anne Merkt bei der WLMMA 7 im Kampf gegen Luana Souza

"Im Gespräch lassen sich alle Vorurteile klären"

Wie gehen deine Kollegen an der Uni mit deinem Sport um? Ich gehe sehr offen damit um und erzähle auch allen, dass ich Kampfsport mache – und, dass es sein kann, dass ich auch einmal mit einem blauen Auge an die Uni komme. Die meisten lernen mich aber erst als Wissenschaftlerin kennen und reagieren dann sehr interessiert, wenn ich von MMA erzähle. Im Gespräch lassen sich immer alle Vorurteile gegen den Sport aufklären. Ich habe aber schon Angst, dass der Kampfsport ein negatives Bild auf mich wirft – gerade bei Leuten, die mich nur googeln und vielleicht ein Video von mir sehen. Es fehlt dann der persönliche Kontakt, da mache ich mir schon Gedanken.

MMA ist bei uns noch lange nicht so anerkannt wie in den USA... Das stimmt, MMA hat ein extrem negatives Image in Deutschland. Das liegt zum einen daran, dass wir den Sport in einem Käfig beziehungsweise in einem Kämpferschutzgitter ausüben. Das transportiert nach Außen ein Gefühl des Eingesperrt-Seins: Wenn man am Boden liegt, kommt man da erst einmal nicht mehr raus. Das Gitter ist aber ein Schutz davor, aus dem Ring zu fallen, und sowohl Kämpfer als auch Coach können jederzeit abbrechen. Zum anderen sind die meisten Leute nicht gut aufgeklärt – viele denken, dass es keine Regeln gibt und wir bis zum bitteren Ende kämpfen, dabei gibt es viele Regeln und der Schutz der Kämpfer steht immer im Vordergrund. Aber wie gesagt: Ich habe noch nie erlebt, dass jemand nach einem persönlichen Gespräch diese Vorurteile noch hatte. Leider wird uns Sportlern nicht oft die Möglichkeit gegeben, MMA zu erklären.

Gibt es denn etwas, was du im MMA erreichen willst? Mir geht's wenig um irgendwelche Titel oder ums Gewinnen. Dafür wird MMA in Deutschland auch einfach zu wenig unterstützt. Ich bin einfach froh, um jeden Kampf den ich bekomme. Es sind so wenige Frauen dabei, dass ich oft keine Gegnerin finde oder, wenn sich jemand verletzt, kein Ersatz da ist. Ich möchte einfach von Kampf zu Kampf mein Bestes geben.

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