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02. Jan 2013

Heike Kruse

Archiv

Power hoch drei: Politisch engagierte Studenten aus Burkina Faso

-ARCHIV-

UNICUM im Gespräch mit den Drillingen Lassané, Adama und Ousseini Ouédraogo

Voller Zuversicht im Jetzt

Alle drei Brüder sind sich einig: Das Studium in Deutschland ist ganz anders als in Burkina Faso. Hier in Deutschland holte sie schnell der stressige Alltag ein. "Wir mussten uns einen Terminplaner zulegen. Nicht, dass wir nicht auch in Burkina Faso einen Wochenplan hatten, aber als Deutscher hat man nicht so viel Zeit. Wenn in Afrika ein Auto eine Panne hat, dann stehen drei Afrikaner an dem kaputten Auto, reden und lachen, während einer arbeitet." Aber auch die vielen Partys der deutschen Studenten haben die Brüder mit Freude für sich entdeckt. Ständig hören die drei afrikanische Studenten "Hast du Lust auf Party?" und sind sich einig: "Das Studium muss Spaß machen." Wenn man dazu kommunikativ und offen ist, verbesserten sich auch die Sprachkenntnisse umso schneller.

Deutsche Sprache, schwere Sprache

Bereits zu Studienbeginn im Jahr 2004 konnten die Brüder Deutsch, erhielten sie doch in Burkina Faso im Gymnasium Unterricht darin. Mittlerweile haben Lassané, Adama und Ousseini keine Sprachschwierigkeiten mehr, lediglich ein starker Akzent färbt ihre Aussprache. Am Anfang fiel es ihnen jedoch gar nicht leicht, Deutsch zu lernen. "Wenn man bis dahin nur Französisch und afrikanische Sprachen kannte, kann man sich kaum vorstellen, dass es so lange Wörter wie 'Fluggesellschaftsbehördengelände' gibt", erklärt Ousseini ihre Anfangsschwierigkeiten. Lachend erzählen sie, dass sie trotz alledem Deutschlehrer werden wollten. Zunächst haben sie in 2001 angefangen, in der Hauptstadt Ouagadougou gemeinsam Germanistik zu studieren. Doch sie ergriffen ohne zu zögern die Möglichkeit, sich bei der Botschaft für ein Studium in Deutschland zu bewerben. Denn "für jeden Afrikaner ist es ein großartiges Angebot, mit einem Abschluss in der Tasche wieder zurück in ein Entwicklungsland gehen zu können", meint Adama.

Politik-Studium in Deutschland

Neben dem Traum in Deutschland zu studieren, zogen sie ihre Motivation aus Geschenken, die sie als Kinder aus Deutschland bekamen. Eine Patenfamilie, die Eheleute Gretel und Werner Pissarius, haben sich den Drillingen schon als Babys angenommen und finanziell unterstützt. "Einmal haben wir in einem Brief an die Familie Pissarius um ein Wörterbuch gebeten und kurze Zeit später bekamen wir dieses auch zugeschickt. Das war grandios und ein erster Vorgeschmack darauf, was wir mit der deutschen Sprache alles erreichen können." Auf die erste Seite dieses Wörterbuchs schrieb Herr Pissarius: "Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir." Dieser Spruch hat Lassané, Adama und Ousseini von ihrer Heimatstadt Ouahigouya bis nach Essen immer im Herzen begleitet. Dort studieren momentan Lassané, Adama und Ousseini im Bachelor-Studium Politikwissenschaften, das Master-Studium soll ebenfalls in Deutschland erfolgen.

Schatten in der Vergangenheit

Auf die Frage, welchem Land sie sich verbundener fühlen, antwortet Lassané: "Afrika ist unser Zuhause, aber Deutschland ist für uns eine Wahlheimat." Auch wenn ihre Kindheit in Burkina Faso von Not, Verlust, Wut und Leid geprägt ist, lieben sie ihr Land, verbinden sie doch auch schöne Momente mit ihm. 1979 wurden die Drillinge in Ouahigouya geboren. Sie kommen unterernährt mit ihrer Mutter Bintou Guiraud in ein Krankenhaus, ein Zentrum für unterernährte Kinder (CREN). Eine schöne Zeit verbrachten die Brüder im Krankenhaus.

Dagegen hat ihre Mutter in der Großfamilie als Zweitfrau ihres Vaters Boureima Ouédraogo einen schweren Stand. Bintou besitzt nur wenig Einfluss innerhalb der Familie. Je älter Lassané, Adama und Ousseini werden, desto bewusster wird ihnen die schwierige Situation ihrer geliebten Mutter. Es wird zunehmend eine Belastung, bis es 1993 zum Bruch kommt, da sind die Drillinge gerade einmal 14 Jahre alt. "Unsere Mama wurde von unserem Vater verstoßen", erzählen sie bestürzt. Für die Drillinge stand jedoch außer Frage, ihre Mutter in eine neue Unterkunft zu begleiten, denn "sie ist unsere beste Freundin und die beste Mama von der Welt“, berichtet Ousseini stolz und fährt fort: "Sie wollte immer, dass wir unseren Weg im Leben gehen." Es folgen einige schwere Jahre, in denen sie sich ein neues Leben aufbauen mussten. Die Aussöhnung mit ihrem Vater folgt kurz vor dessen Tod im Jahr 1998. Diese letzte Begegnung mit ihrem Vater beschreiben sie auch in ihrem kürzlich erschienenen Buch "Drei zum Leben".

Das Glück, das sie im Leben gehabt haben, zurückgeben

Ihr Lebensziel verlieren die Drei nicht aus den Augen: Sie möchten Politiker werden und in Burkina Faso eine Partei gründen. Ihr Plan ist es, sich den Bedürfnissen der Menschen anzunehmen, denn "zuhause ist nicht alles so schön, wie wir es uns wünschen würden". Für diesen ambitionierten Weg kam dann wiederum nur eine Uni infrage: die Universität Duisburg-Essen. Deren Angebot in Politikwissenschaften schätzen sie besonders. "Ich komme hierhin und lerne etwas, das ich wirklich für die Entwicklung in meinem Land nutzen kann", sagt Adama begeistert.

Gemeinsam haben sie den Entschluss für das Studium gefasst, so wie sie alles zusammen entscheiden. Scherzhaft sagen sie dazu: "Der Traum von uns Brüdern: die Drillings-Herrschaft." Wenn sie jedoch von den elenden Zuständen in ihrer Heimat berichten, schwingt ein ernster Ton mit und das Lachen verschwindet aus den Gesichtern. Ihrer Meinung nach versagt der Staat bei der Unterstützung der Bewohner völlig. "Die Menschen müssen komplett für sich selbst sorgen. Burkina Faso ist kein Sozialstaat wie Deutschland, sondern eins der ärmsten Länder der Welt", merkt Ousseini an. Das wollen sie unbedingt ändern. In diesem Jahr haben die drei Studenten "Drei zum Leben" sogar auf der Frankfurter Buchmesse präsentiert. Doch ihr nächstes Vorhaben lässt nicht lange auf sich warten: Sie werden ihren Kommilitonen ihr Burkina Faso zeigen. Die Brüder besuchen ihre Familie in ihrem Heimatdorf, immer wenn sie es sich leisten können. So sind sich die Brüder sicher: "Der Kontakt nach Deutschland wird nicht abbrechen."


Die Ouédraogo-Drillinge

  • Ihr soziales Engagement habe die Drillinge bereits durch die Gründung des gemeinnützigen Vereins "Leben ohne Armut e.V." bewiesen. Dabei arbeiten sie auch mit der Stadt Andernach zusammen.
  • Vor allem geben sie afrikanischen Frauen die Chance, einen Kleinbetrieb für den Verkauf zu gründen. Dafür erhalten diese eine finanzielle Unterstützung, um erste Anschaffungen zu tätigen.
  • Ihr Studium wird finanziert durch die Kölner Gymnasial- und Stiftungsfonds. Mehr Infos unter www.stiftungsfonds.org

UNICUM Buchtipp

Lassané, Ousseini und Adama Ouédraogo

Drei zum Leben

Wagner Verlag, 2012

Preis: 14,80 €

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