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20. Mai 2015

Barbara Kotzulla

Archiv

Schreibwettbewerb "So ähnlich, so verschieden, so europäisch.": der deutsche Gewinner-Beitrag

-ARCHIV-

Der 25-jährige Simon Hartmann aus Bochum konnte mit seinem Text die Jury begeistern


  • Die Gewinnertexte der anderen EU-Länder gibt es unter ec.europe.eu

Der Gewinner-Text: Das Schweigen Atatürks

von Simon Hartmann, Bochum

Die Wellen schlagen leise ans Ufer, Möwen kreischen über mir und stürzen in Schwärmen herab. Ich bin diesseits des Bosporus und blicke zur anderen Landesseite. Dort drüben soll sich Asien erstrecken. Ein Schleier von Dunstwolken liegt geheimnisvoll über dem Land, doch eigentlich sehe ich keinen Unterschied zwischen diesem und jenem Teil von Istanbul.

Fähren fahren von hier los oder kommen von der anderen Seite. Auf der langen Bosporus-Brücke herrscht emsiger Verkehr. Hier wie dort weht das rote Banner der Republik. Hier wie dort gelten türkische Gesetze. Hier wie dort sprechen die Menschen dieselbe Sprache. Weder hört auf meiner Seite das Abendland auf, noch beginnt dort drüber der Orient. Es ist unsinnig, hier eine Grenze zu vermuten.

Ich mache eine Studienreise durch die Türkei, durch das Land, das mich schon immer faszinierte. Schon in meiner Schulzeit war ich mit einigen Deutsch-Türken gut befreundet, in meinem Geschichtsstudium sind mir die Osmanen immer wieder begegnet. Endlich möchte ich vor Ort die Fragen stellen, die mich schon so lange umtreiben: Wie sehr fühlen sich die Leute mit Europa verbunden? Wie sehr sind Kunst und Kultur, Wirtschaft und Politik, Sprache und Recht mit Europa verflochten?

"Es hat seinen Blick auf die Welt erweitert"

Ich besuche meinen alten Freund Erdeniz. Wir haben uns in Deutschland kennengelernt, als er mit dem Erasmus-Programm in Freiburg studierte. Erdeniz ist ein junger Anwalt. Erst vor Kurzem hat er mit seinem Kompagnon eine eigene Kanzlei gegründet. Nun räkelt er sich behaglich in seinem Ledersessel. Kaum zu glauben, dass ich mit diesem smarten Businessman ein Jahr lang die Küche geteilt habe.

Erdeniz ist dankbar für das Förderprogramm der Europäischen Union. Es hat seinen Blick auf die Welt erweitert. Erdeniz war gerade zu der Zeit in Baden-Württemberg, als dessen Bürgerinnen und Bürger wüst über den Bau eines gewissen Bahnhofes stritten. Er war damals verblüfft, mit welchem Engagement die Bürgerschaft diskutierte, und nahm das alles mit großem Interesse auf. Auch fachlich hat ihm der Aufenthalt genützt. Denn als die türkischen Gründungsväter ihre Republik schufen, ersetzten sie viele der althergebrachten Rechtsvorschriften durch Gesetzesbücher aus Europa.

Heißt das, in der Türkei gilt ähnliches Recht wie in Deutschland? Sicher, bestätigt der Anwalt, aber am meisten haben die Türken von der Schweiz profitiert. Das Scharia-Recht des alten Kalifats wurde durch das Zivilrecht der freien Alpenrepublik abgelöst.

"Warum das alles?"

Mehr noch als die Gesetze ist die türkische Sprache von der europäischen Tradition beeinflusst. Schon im Alltag finde ich viele Wörter, die mir bekannt vorkommen. Vor einer Hochschule steht das Schild "üniversite", auf der Straße fahren "otobüs" und "taksi", die neuesten Nachrichten lese ich in der "gazete".

Von einer Historikerin erhoffe ich mir Auskunft. Christine ist eine kleine quirlige Frau, die mich in ihrem Büro freundlich begrüßt. In ihren Bücherregalen stehen Werke über türkische Traktate und persische Poesie. Mit hoher Stimme erklärt mir die Dozentin, dass die türkische Sprache am Reißbrett geplant wurde. Die alte Sprache der Osmanen sollte von allem Arabischen und Persischen befreit werden. Das sei so, als würde man versuchen, aus dem Englischen alle französischen und deutschen Einflüsse zu tilgen. Die Linguisten von damals übernahmen das lateinische Alphabet, schufen Kunstworte und machten sich westliche Vokabeln zu Eigen.

Warum das alles? Die große Kulturrevolution Atatürks wandte sich gegen das Alte, das Morsche, die Monarchie der Osmanen. Die neue Sprache sollte türkisch sein, nicht osmanisch. Sie sollte die nationale Identität der Türken verdichten und ihr Denken an den Westen heranführen.

"Ein Moment nachdenklicher Stille entsteht"

Auch wirtschaftlich ist die Türkei mit Europa eng verwoben. Ich suche einen Stadtplaner auf, um mit ihm über die Freiheit der Unternehmer und der Bürger zu diskutieren. Wir treffen uns in einem Teegarten. Der schwarze Anzug des alten Herrn sitzt tadellos, sein grauer Schnurrbart ist wohlgestutzt. Wenn Herr Melek grinst – und das tut er oft – überziehen Lachfalten sein ganzes Gesicht.

Die Europäische Union sei der größte Handelspartner der Republik. Zudem sorgten die vielen Direktinvestitionen europäischer Firmen für Wachstum und Arbeitsplätze. Ganz in seinem Element erzählt mir Herr Melek von den vielen Straßen, die im ganzen Land entstehen, von der neuen Bosporus-Brücke, die so viel Kritik nicht verdient habe. Er schwärmt davon, dass die Türken gerade dem Meer Land abtrotzten. Behutsam frage ich nach der politischen Kultur und den bürgerlichen Freiheitsrechten. Herr Melek nippt kurz an seinem bittersüßen Tee. Ausweichend fragt er, ob die übrigen Demokratien in Europa nicht auch schon Phasen durchgemacht hätten, wie sie die Türkei in den letzten Monaten erlebt habe.

Ich denke an Konrad Adenauer, der den Spiegel-Redakteuren Landesverrat vorwarf, an Margaret Thatcher, die Soldaten gegen Demonstranten schickte. Ein Moment nachdenklicher Stille entsteht. Schließlich lacht Herr Melek laut auf: Wenn ein Volk aus Wasser Land machen kann, sagt er mit neuer Hoffnung, wird es doch wohl auch eine autoritäre Gesinnung in liberalen Bürgersinn verwandeln können.

"Das Band europäischer Geschichte"

Das Schriftstück eines anderen Freigeistes gelangt in meine Hände. Ich lese in dem Traktat eines osmanischen Diplomaten. Resmi Ahmet Efendi besuchte im 18. Jahrhundert den preußischen Königshof, um mit Friedrich II. eine deutsch-osmanische Allianz zu schmieden. Zurück aus Berlin berichtet der Botschafter dem Sultan von dem Preußenkönig. Friedrich sei ein ausgezeichneter Mann, gelehrt in den Wissenschaften, entschlossen in der Tat. Er höre seinen Beratern ruhig zu und gewähre ihnen Ressortfreiheit. Ich staune: Das sind alles Tugenden, die ein Zeitgenosse dem Sultan zuschreiben würde. Als Resmi Ahmet zurückkehrt, sollen Demonstranten in den Straßen von Istanbul freudig "Brandenburg! Brandenburg!" ausgerufen haben.

Es ist wohl das Band europäischer Geschichte, das schon damals Berlin und Istanbul miteinander verband. Im Bahnhof von Ankara steht ein Atatürk-Denkmal. Aus einem schwarzen Marmorblock blickt das goldene Gesicht des Nationalhelden auf mich herab. Atatürks schöne Gesichtszüge nehmen mich in ihren Bann.

Ich recke mich etwas zu ihm empor und stelle meine Frage: "Nun, Vater der Türken, was meinst du? Deine Leute haben europäische Geschichte geschrieben. Sie sind kulturell und wirtschaftlich eng mit der Europäischen Union verwoben. Es gibt unter ihnen Patrioten und Kosmopoliten, Liberale und Konservative, feiertagsfromme und gottesfürchtige Menschen wie überall in der europäischen Bürgerschaft. Sprich, Mustafa Kemal", schließe ich: "Gehören deine Landsleute zu Europa?"

Atatürk stiert mich nur aus goldenen Augenhöhlen an und schweigt.

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