Autorenbild

17. Nov 2011

Heike Kruse

Archiv

Schulprojekt in Uganda: "Es war ein langer Prozess, bis die Leute mir vertraut haben"

-ARCHIV-

Studentin Michaela gründete im Village Namirembe eine Vorschule für 170 Kids

Der Anblick einer Wellblechhütte war der Auslöser

UNICUM: Michaela, wie hast du deinen ersten Besuch in Uganda 2008 erlebt?
Michaela: Also das war ein Praxissemester von meinem damaligen Bachelor-Studium in Gesundheitswissenschaften an der Bremer Universität. Ich habe mich entschieden, dass Praktikum in Afrika zu machen und bin nach Uganda, weil ich da eine Organisation gefunden habe, die einem bei der Praktikumsvermittlung und dem Finden eines Wohnortes hilft. Während meines viermonatigen Praktikums in einem Health Center hatte ich in der Anfangszeit Probleme mich einzuleben. Deshalb empfehle ich jedem, sich in Afrika über eine längere Zeit aufzuhalten, um sich richtig einleben zu können.Mit meinem Praktikumsbetreuer war ich oft unterwegs, auch in den Slums. An einem Tag bin ich mit ihm durch einen Slum gelaufen, wobei mir eine Wellblechhütte aufgefallen ist. Als mein Praktikumsbetreuer zu mir sagte, dies sei eine Schule, konnte ich das nicht glauben. Weil er die Schulleitung kannte, konnten wir uns die Schule anschauen. Ich stand in dieser Wellblechhütte, alle Kinder haben mich neugierig angeguckt. Das war der erste Moment, der mich ergriffen hat. Innerlich habe ich den Entschluss gefasst, etwas zu tun.

Mit diesem Gedanken bist du nach Deutschland zurückgekehrt. Was waren deine ersten Schritte für das Projekt?
Nein, ich bin bei meinem ersten Projekt nicht nach Deutschland zurückgekehrt, sondern ich habe direkt einen Spendenaufruf per E-Mail an meine Familie, Freunde und Bekannte geschrieben. Daraufhin sind Spenden zusammengekommen und ich habe es noch während meines Aufenthalts geschafft, die Wellblechhütte abzureißen und mit Steinen wieder neu aufzubauen.

Wie ist es zu der Idee gekommen, eine zweite Schule zu bauen?
Ich bin ein zweites Mal 2010 nach Uganda geflogen. Ursprünglich um mein erstes Projekt fortzuführen, indem ich das Gebäude erweitern wollte. Das hat aber aus verschiedenen Gründen nicht geklappt. Daraus hat sich der Gedanke entwickelt, ein komplett neues Projekt anzugehen, eine komplett neue Schule zu gründen.

Warum hat sich das erste Projekt nicht fortsetzen lassen?
Der Hauptgrund für mich war, dass der Landkauf in der Stadt schwierig ist. Es kommt häufiger zu Betrugsversuchen und Urkundenfälschungen. Ich wollte nicht irgendwo investieren, woraufhin die Regierung kommen und dir das Land wieder wegnehmen kann.

"Dort, wo sonst kein Weißer oder Europäer hinkommt"

Du hast bei dem Bau der zwei Schulen sehr viel selbst gemacht. Lief das immer reibungslos?
Beim zweiten Projekt war der große Vorteil, dass wir es auf dem Land umgesetzt haben. Dort, wo sonst kein Weißer oder Europäer hinkommt. In einer ländlichen Gegend ist es einfach sicherer und die Preise sind auch günstiger. Zudem kann man die Leute mehr mobilisieren und integrieren. Vor Ort gibt es kaum Hilfsorganisationen, die dort hinkommen, sodass der Bedarf sehr groß ist. Bei der Verständigung mit den Einheimischen konnte ich vieles auf Englisch regeln. Da gab es also keine weiteren Schwierigkeiten. Das einzige, was ich vermisst habe, ist der Komfort, wie man ihn in der Stadt vorfindet.

Du sprichst die ganze Zeit von "wir". Wer unterstützt dich bei dem Projekt?
Ich habe Projektpartner vor Ort. Tadeo Papaye leitet und organisiert die Schule, wenn ich in Deutschland bin. Er ist auch der Ansprechpartner für die Eltern der Kinder. Dazu kommen noch fünf ehrenamtliche Helfer aus der dortigen Gemeinde. Einmal die Woche habe ich telefonischen Kontakt mit ihnen.

Was besprichst du dann?
Dieses Jahr war unser erstes Jahr und deshalb gab es viele Startschwierigkeiten zu lösen. Vor allem die Fragen der Eltern mussten beantwortet werden. Dafür wurden Elternabende veranstaltet. Wir mussten zusätzlich eine Regelstruktur für die Lehrer und Mitarbeiter vereinbaren. Die Organisation des Essens für die Kinder war besonders schwierig, da Uganda auch von der Hungerkatastrophe betroffen ist, wenn auch nicht so stark wie andere Länder. Deswegen haben wir die Schulgebühren erlassen.

Deine Schule besuchen mittlerweile 170 Vorschulkinder. Wie ist die bisherige Resonanz auf dein Schulprojekt, gerade bei den Einheimischen?
Wir haben nicht mit einem so großen Ansturm gerechnet. Wir konnten leider nicht alle Kinder aufnehmen. Unser nächster geplanter Schritt ist, die Schule zu erweitern, Räume anzubauen und die Pausenfläche zu vergrößern. Während der Bauphase gab es aber auch negative Stimmen, insofern, dass die Leute nicht glauben wollten, dass hier eine Schule gebaut wird. Denn ich kam alleine ohne eine Organisation, ohne einen Beweis erbringen zu können. Es war ein langer Prozess, bis die Leute mir vertraut haben. Jetzt höre ich aber nur noch positive Stimmen.

"Das Gemeinschaftsgefühl ist viel stärker"

Welche besonders schönen Momente würdest du aus dieser Zeit hervorheben wollen?
Zum einen die Menschen, das Miteinander und das einfache Leben, das einem zeigt, was wichtig im Leben ist. Man redet unheimlich viel, bisweilen sogar mit Fremden im Bus. Hier in Deutschland kann man unter Menschen sein und sich trotzdem einsam fühlen. Man ist überdeckt mit Konsum und Fernsehen. In Afrika entsteht ein viel größeres Gemeinschaftsgefühl. Durch die vielen Aufenthalte habe ich einen starken Bezug zu dem Land und den Leuten aufgebaut, sodass ich immer wieder gerne dorthin zurückkehre. Es ist für mich eine Zeit gewesen, die mich sehr geprägt hat, auch wenn es gleichzeitig herausfordernd ist.

Welche Ziele verfolgst du im Weiteren für die Schule?
Mein Ziel ist es, dass sich die Schule selbst tragen kann. Wenn es in den nächsten Jahren keine weiteren Katastrophen oder Krisen gibt, sind hoffentlich die laufenden Kosten gedeckt. Ich möchte, dass die Leute vor Ort die Schule nachhaltig weiter führen können.

Wie sieht der Unterricht in deiner Schule aus?
Es ist wohl üblich, dass derjenige, der die Schule finanziert hat, als Direktor eingetragen wird. Teilweise trifft die Bezeichnung zu, denn ich habe die Lehrer eingestellt, die Schuluniformen ausgesucht und die Strukturen vorgegeben. Ich könnte viel mehr entscheiden, aber das will ich nicht. Ich will den Leuten dort die Verantwortung überlassen. Ich selber sehe mich eher in einer beratenden Funktion. Die Kinder lernen in der Schule das erste Mal die Amtssprache Englisch sowie Rechnen und Schreiben. Vor allem wissen die Eltern unsere Vermittlung von sozialen Kompetenzen zu schätzen.

"Die Uni hat mein Engagement sehr unterstützt"

Wie hast du deine universitären Verpflichtungen organisiert? War das Studium gut mit deiner Arbeit in Uganda vereinbar?
Ich war stets in den Semesterferien in Uganda. Ständig war ich mit Vor- oder Nachbereitungen meiner Aufenthalte eingespannt. Auf der einen Seite war das eine erhebliche Belastung, auf der anderen Seite hat mich das unheimlich motiviert. Es gab immer viele Leute, die mir gut zugesprochen haben und mich motiviert haben. Eigentlich hätte ich vom Studium aus drei Praktika in drei Semesterferien machen müssen. Ich hatte allerdings ein Gespräch mit meinem Professor und der hat dafür gesorgt, dass mir die Zeit in Uganda dafür anerkannt worden ist. Darüber war ich sehr erleichtert. Die Universität hat mein Engagement sehr unterstützt.

Wie weit bist du nun mit deinem Studium?
Die letzten Ferien konnte ich nicht nach Uganda fliegen, da ich meine Masterarbeit geschrieben habe. Jetzt habe ich die Arbeit abgegeben. Nun bereite ich mich auf den nächsten Aufenthalt ab November 2011 vor. Vielleicht dann für ein halbes Jahr, denn Zeit habe ich jede Menge. Davor war durch die Semesterferien mein Zeitraum begrenzt.

Wie waren die Reaktionen bei deinen Kommilitonen? Sind vielleicht einige selbst aktiv geworden?
Von den Mitstudenten hat niemand direkt ein eigenes soziales Projekt initiiert. Aber Verwandte oder eine Theatergruppe sind aktiv geworden, haben Spenden gesammelt. Außerdem wurden in Schulen Pausenverkäufe organisiert. Sonst beziehe ich meine Spenden durch selbst gehaltene Vorträge oder Unterrichtseinheiten in der Schule. Oder auch durch Zeitungsartikel. Ich hatte das Glück, dass mich ein Verein im September 2011 aufgenommen hat. Dadurch habe ich eine eigene Homepage und eine größere Plattform.

Was stellst du dir in der Zukunft noch für Projekte vor?
Das ist vielleicht typisch Afrika, dass man die Dinge nicht so planen kann wie in Deutschland. Ich muss zwar hier anfangen vorzubereiten. Doch erst vor Ort sehe ich dann, was wirklich machbar ist. So eröffnen sich neue Möglichkeiten. Das war jetzt fast bei jedem Aufenthalt so. Falls es mehr Spendengelder geben sollte, wäre ich bereit an einem neuen Ort eine Schule zu bauen. Es soll sich nicht alles an einem Ort konzentrieren. Aber das ist momentan noch Zukunftsmusik.

Weitere Infos zum Projekt unter www.neia-ev.org oder Anfragen per E-Mail an michaela.schraudt@neia-ev.de

Artikel-Bewertung:

3.1 von 5 Sternen bei 21 Bewertungen.

Deine Meinung: