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21. Sep 2012

Heike Kruse

Archiv

Semesterferien in Europas Osten: Studenten-Ehepaar fährt durch 14 Länder

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Ein Traum mit VW-Bus und zwei Kindern

"Das war die letzte Chance"

UNICUM: Im Sommer 2011 seid ihr mit Sack und Pack durch Osteuropa gefahren. Das ist nicht gerade ein typisches Urlaubsziel. Wie seid ihr auf die Idee gekommen?

Lorenz: Wir wollten die drei Monate Semesterferien im Sommer nutzen, denn eine solch lange Zeit bekommt man so schnell nicht wieder, vor allem, wenn man berufstätig ist. Da mein Studium ausgelaufen ist, war das die letzte Chance. 

Anne: Bereits vorher sind wir gerne in den Osten gefahren. Damals ohne Kinder, aber mit dem Rucksack. Ich habe bei einem Aufenthalt in Warschau ein wenig Polnisch gelernt, sodass ich ein paar Brocken sprechen kann. Zudem ist es exotisch, ohne direkt am anderen Ende der Welt zu sein und es ist preiswert. Das ist für uns auch sehr wichtig.

"Wie eine Reise durch die Zeit"

Lorenz, hattest du einen anderen Blick auf diese Reise, da du neben Ökotrophologe auch als Fotograf arbeitest?

Lorenz: Der Osten Europas hat mich vor allem als Fotograf gereizt, nicht so sehr als Ökotrophologe. In Rumänien laufen die Kühe auf der Straße, die Menschen gehen mit Sensen und Sicheln auf die Felder, um dort Handarbeit zu betreiben. Wie vor 100 Jahren. Das ist wie eine Reise durch die Zeit. Aus dem Urlaub kommt man immer mit neuen Eindrücken zurück.

Was war denn euer schönstes Erlebnis? Könnt ihr das überhaupt benennen, bei zehn Wochen und 14 Ländern? 

Lorenz: Das ist natürlich wirklich sehr schwierig. Am besten hat uns der Norden Rumäniens und dort vor allem die Region Maramures gefallen. In Albanien haben uns die Lebensart und Freundlichkeit der Menschen sowie die unberührte Landschaft beeindruckt.

"Wir führen kein typisches Studentenleben"

Habt ihr stets Kontakt zu den Einwohnern gesucht?

Anne: Den Kontakt hatten wir zwangsläufig durch die Kinder, denn Kinder schaffen Verbindungen, auch ohne Worte. Gerade die Menschen in Osteuropa haben eine ganz andere Auffassung. Da dürfen Kinder noch laut sein und toben.

Lorenz: Vom 15-jährigen pubertierenden Jungen bis zu 80 Jahre alten Männern und Frauen sind alle kinderbegeistert.

Anne: Als alleinreisendes junges Pärchen wären wir sicherlich auf mehr Abweisung gestoßen.

Anne, du steckst noch mitten in deinem Medizinstudium. In den Semesterferien müsstest du doch sicherlich lernen, hättest Prüfungen gehabt. Wie hast du das mit der langen Reise koordiniert?

Anne: Nein, ich hatte in den Semesterferien keine Prüfungen. Die sind immer in der letzten Semesterwoche und ab da habe ich den Kopf frei, bis im Oktober das Semester beginnt. Ich habe zwar Praktika, aber da kann ich mir aussuchen, in welchem Semester ich die mache.

Lorenz: Bei einem solchen Vorhaben muss man die Mehrarbeit im nächsten Semester in Kauf nehmen.

Wie habt ihr Studium und Elternsein unter einen Hut bekommen?

Anne: Mit einem Jahr sind die Kinder in den Kindergarten gekommen. Dort waren Sie dann bis halb vier betreut und in dieser Zeit machen Lorenz und ich alles. Wir haben auch einen großen Freundeskreis, auf den wir uns verlassen können. Ich bin sogar in Regelstudienzeit und auch Lorenz hat sein Studium in Regelstudienzeit weitergeführt.

Lorenz: Man muss sich natürlich anders strukturieren.

Anne: Wir führen nicht mehr das typische Studentenleben (lacht).

Für eure Fahrt habt ihr nicht irgendein Auto genommen. Warum fiel die Wahl auf einen alten VW-Bus?

Lorenz: Mit einem Bus verbinden viele die Möglichkeit, irgendwohin hinfahren und stehenbleiben zu können. 

Anne: Das ist ein Stück Freiheit.

Lorenz: Wir haben schon immer damit geliebäugelt und angefangen unser kleines Auto auszubauen. Das war aber nicht das Wahre. Dann hatten wir das große Glück, einen gut ausgestatteten Bus im Internet zu finden. Ich schaue zufällig aus unserem Fenster und der Bus steht direkt vor unserer Tür. Der Wagen wurde von einem jungen Studenten verkauft, der hier bei uns um die Ecke wohnt.

Anne: Dadurch hatten wir sofort Vertrauen, weil wir nicht das Gefühl hatten, über den Tisch gezogen zu werden.

"VW-Bus ist für uns ein Stück Freiheit"

Das war doch sicherlich auch nicht leicht, die Reise zu finanzieren. Mit einem alten VW-Bus, dessen Reparaturen nicht günstig sind …

Anne: Unser Bus musste nur ein einziges Mal für 70 Euro repariert werden. Dazu war Diesel auch nicht besonders teuer und übernachtet haben wir die Hälfte der Zeit in der Natur.

Lorenz: Das war auch das Schöne. Dadurch, dass wir uns Gebiete im Osten rausgesucht haben, die touristisch noch nicht erschlossen sind, haben wir uns auf eine Wiese bei einem Bauer, an die Steilklippen am Schwarzen Meer oder  auch am Donaudelta mit unserem Bus hinstellen können. Zusätzlich haben wir unsere Wohnung in Kiel untervermietet. Das ist natürlich ein großer Vorteil, wenn man diese Kosten nicht hat.

Habt ihr eure Reise vorher durchgeplant oder seid ihr immer der Nase nach?

Anne: Wir hatten ganz grob geplant, dass wir nach Litauen wollen und von da aus nach Bulgarien. Informiert haben wir uns in Reiseführern von Bulgarien, Albanien, Rumänien und Montenegro. Wenn ich dann vorne im Bus saß, habe ich während der Fahrt eine Route festgelegt.

"Natur, Sonne, die Kinder - Das vergessen wir lange nicht"

Welche Punkte wolltet ihr unbedingt besuchen?

Lorenz: Gerade mit dem Bus waren wir ziemlich autark. Wir hatten alles dabei: Schlafzimmer, Küche, und wenn man die Tür aufgemacht hat, hatten wir ein großes Wohnzimmer vor der Tür. Da kam es auch immer wieder vor, dass wir von der Route abgewichen sind. Oder es an einem Ort besonders schön war und wir länger geblieben sind.

Was war denn der schönste Umweg, den ihr gemacht habt?

Lorenz: Reisende in Albanien haben uns den Tipp gegeben, vor dem nächsten Pass links abzufahren. Am Ende einer Schotterstraße sollte ein ganz einsamer Strand sein. Das haben wir gemacht, obwohl wir ein paar Höhenmeter zum Strand runter mussten. Schon bei der Abfahrt, haben wir uns gefragt, ob wir die Straße wieder hoch kommen würden. Albanien hat sowieso schon Straßen, die nicht so ‚wunderbar‘ sind, aber diese Straße war unbefestigt und extrem sandig. Wir haben uns aber erst einmal keine weiteren Gedanken dazu gemacht und verbrachten zwei wundervolle Tage an diesem einsamen Strand, bis unsere Vorräte knapp wurden. 

Anne: Auf der Rückfahrt sind wir dann doch stecken geblieben.

Lorenz: Zum Glück kam jedoch kurze Zeit später ein deutsches Ehepaar mit einem Jeep vorbei und hat uns rausziehen können. Das war aber wirklich größtes Glück, da ja an dem Strand so gut wie niemand war. 

Das hört sich auf jeden Fall abenteuerlich an. Wie empfindet ihr im Nachhinein die Reise?

Anne: Vor allem war diese Reise ein wahrgewordener Traum. Viele haben zu uns gesagt, das geht nicht mit zwei Kindern. Für mich war es deshalb wichtig, dass ich das trotzdem gemacht habe.

Lorenz: Die Kinder selbst hatten daran viel Spaß. Emil war damals vier und erzählt immer noch viel von unseren Erlebnissen. Wir waren zum Beispiel auf der Suche nach einem Steinadler, den wir dann auch in Albanien gefunden haben. 

Anne: Der ganze Urlaub ist voller schöner Momente, voller Natur, Sonne und den Kindern. Das vergessen wir lange nicht.

Gewusst wo

Bekommt ihr die 14 Länder, durch die ihr gefahren seid, noch hin?

Anne: Das habe ich sogar noch im Kopf. Polen, Litauen, dann wieder zurück durch Polen,  Slowakei …

Lorenz: … in die Hohe Tatra …

Anne: … dann sind wir durch Ungarn nur durchgefahren, daraufhin haben wir zwei Wochen im Norden von Rumänien verbracht. Von Rumänien aus sind wir an der Küste des Donaudeltas runter nach Bulgarien und haben an der bulgarischen Küste Strandurlaub gemacht. Nach einer mörderischen Tour von anderthalb Tagen Fahrt durch die Türkei und Griechenland kamen wir in Albanien an. Von dort ging es in den Norden nach Montenegro, Kroatien, durch Slowenien, um in Österreich Freunde zu besuchen. Schließlich zurück nach Deutschland.


Kurz & Knapp

  • Lorenz hat dieses Jahr angefangen, nebenberuflich als Fotograf zu arbeiten. Eine Auswahl an Bildern findet ihr unter www.lorenzoberdoerster.de
  • Zurzeit ist Lorenz hauptberuflich als Ökotrophologe in einem Reha-Zentrum und am Städtischen Krankenhaus als Dozent beschäftigt. 
  • Anne würde gerne ihren Facharzt in Pädiatrie machen, um später Kinderärztin in einem Krankenhaus zu werden. 
  • Wenn Emil anfängt zu studieren, sind Anne und Lorenz gerade einmal 40 Jahre alt.

 

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