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21. Jun 2016

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Smartphones an der Uni: Ständige Begleiter - Teil 1

Der Horrormonat der universitären W-Lan-Netze ist der Januar. Denn die vielen neuen iPhones oder Nokias, die unterm Weihnachtsbaum lagen, zwingen von Kiel bis München die drahtlosen Campus-Netze in die Knie. Zwei Drittel aller unter 30-Jährigen haben laut IT-Branchenverband Bitkom bereits ein Smartphone. "Unter Studenten dürfte dieser Wert sogar noch höher liegen", schätzt Bitkom-Sprecher Marc Thylmann. Kein Zweifel: Das Smartphone ist auch vom Campus nicht mehr wegzudenken. Dabei polarisiert es bei Studenten und Lehrenden - als Vorlesungsfluch, Störenfried und Schummelhilfe, aber auch als neues Lehrmittel, Campus-Navigator, Marketinginstrument und Lernhilfe.

Vorlesungsfluch

Wo früher die Zeitung unterm Tisch raschelte, brummt nun das Samsung Galaxy. Die gekritzelten Zettelbotschaften aus Schultagen gehen nun über Facebook und WhatsApp. Dazu klingelt bei vier von zehn Studenten gelegentlich das Telefon mitten in Vorlesung und Seminar, wie eine Umfrage auf UNICUM.de ergab. Die Meinung der 250 befragten Teilnehmer ist gespalten. Einige freuen sich über die Ablenkung, andere sind schwer genervt: "Es stört mich, wenn manche Studenten sich mit dem Smartphone beschäftigen, während andere Referate oder Ähnliches halten. Ich finde das unhöflich", schreibt einer. Dass der Smartphone-Einsatz im Seminar zur Vertiefung des Gehörten genutzt wird, bleibt in der Regel unrealistisches Wunschdenken. Dr. Key Pousttchi forscht seit über zehn Jahren zur Mobilfunknutzung. Der Wirtschaftsinformatiker, der an der Uni Augsburg die Forschungsgruppe "wi-mobile" leitet, entzaubert alle Gründe der Smartphone-Nutzung: Effizienz, Zeit sparen - alles für die Tonne. "Wir haben eine Studie mit einer vierstelligen Zahl von Nutzern durchgeführt, um herauszufinden, welche Gründe für die Nutzung handlungsauslösend sind. Der wichtigste war: Kill time." Wer das Mobiltelefon nutzt, will in der Regel keine Zeit sparen, er will sie totschlagen. Ein deutliches, wenn auch unschönes Signal an den Prof. Und ein gelerntes Verhalten, wie Mobilfunk-Experte Pousttchi aus eigener leidvoller Erfahrung als Dozent weiß, als er jüngst eine Webadresse an die Wand projizierte: "Das ist aber bei den Studenten inzwischen wohl in der DNA drin, die ziehen das Smartphone raus und fotografieren das von der Wand ab. Wobei ich der Meinung bin, dass man zehn Buchstaben gerade noch abschreiben kann."

Lehrmittel

Einige Profs haben den Spieß einfach umgedreht und die Smartphones ihrer Zuhörer in die Vorlesung integriert, beispielsweise an der TU Bergakademie Freiberg. Dank der myTU-App können Studenten dem Dozenten jetzt signalisieren, dass er den Stoff langsamer oder schneller durchnehmen kann. Für den Notfall gibt es sogar einen Stopp-Button. "Die Idee bezieht sich auf Vorlesungen mit 200 oder sogar 400 Studenten. Da traut sich keiner zu sagen, dass er etwas nicht verstanden hat", sagt Frank Gommlich, der das Feature am Institut für Informatik zusammen mit Studenten programmiert hat. Schöner Nebeneffekt für den Prof: Ist die App aktiviert, wird das Telefon automatisch stumm geschaltet. Die Resonanz im sächsischen Freiberg ist so gut, dass die myTU-App ab dem Sommersemester in allen Studiengängen und nicht mehr nur in der Informatik genutzt werden soll. Weiter sind die Studenten 500 Kilometer südwestlich, an der Uni Freiburg, die mehr als das Vorlesungstempo per Touchscreen mitbestimmen können - SMILE sei Dank. Die Kurzform des Projekts "Smartphones in der Lehre" ist wie in Freiberg ausgerichtet auf Informatik-Vorlesungen. Dank der App können Studenten anonym angeben, was sie nicht verstanden haben. Ein Multiple-Choice-Quiz à la "Wer wird Millionär?" zum gerade gehörten Stoff dient der weiteren Auflockerung. Samuel Weishaupt möchte die App nicht mehr missen: "In manchen Vorlesungen denkt man schon, jetzt wäre SMILE gut gewesen." Doch bei aller Euphorie, die Smartphone-Lehre stößt auch schnell an ihre Grenzen, technisch wie etwa durch notwendige starke W-Lan-Netz im Hörsaal, aber auch inhaltlich. "Für kleine Veranstaltungen, bei denen man auf die Leute eingehen kann, hat ein Audience-Response-System null Wert", gibt Rudolf Mathar zu bedenken. Der Professor für Elektro- und Informationstechnik der RWTH Aachen fürchtet zudem, dass Kollegen multitaskingtechnisch überlastet werden könnten.

Störenfried & Schummelhilfe

Denn gerade in der Professorenschaft gibt es nicht nur Fans der neuen Telefongeneration. Zum Teil sogar erbitterte Gegner. So weiß es zumindest Berk Aslan zu berichten. Der Pressesprecher der Firma "Handyblocker" berichtet, dass die Geräte, mit denen man den Handyempfang lokal stören kann, auch von Professoren geordert werden. Rund 500 Stück pro Jahr sollen laut Herstellerangaben verkauft werden, Tendenz steigend. Eine Zahl, die UNICUM von Uniseite in keinem einzigen Fall bestätigt werden konnte. Aus gutem Grund. Schließlich ist der Einsatz der Handyblocker in Deutschland verboten. Ein internationaler Störsender-Einsatz ist jedoch bekannt. 2009, so berichtete der Deutschlandfunk, setzte die rumänische Universität in Temeschwar Störsender bei Prüfungen ein. So etwas braucht es hierzulande nicht. In Deutschland gilt fast flächendeckend ein Handyverbot während einer Prüfung. Ein eingeschaltetes Telefon wird in der Regel als Täuschungsversuch gewertet. Dies scheint den Studenten bewusst zu sein, 95 Prozent der anonym befragten User auf UNICUM.de gaben an, ihr Smartphone noch nie zu Täuschungszwecken eingesetzt zu haben.

 

Lest im nächsten Teil alles über das Smartphone als Lernhilfe, Campus-Navigator & Marketinginstrument

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