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28. Nov 2012

Ann-Christin Kieter

Archiv

Stille Nacht? Arbeiten an Weihnachten!

-ARCHIV-

Sieben Geschichten von Leuten, die über die Feiertagen arbeiten müssen

Mit Spaß und Musik in der Kirche

"O Tannenbaum" gehört nicht unbedingt zu Renée Kingmas Lieblingsliedern. Zum Glück darf sie selbst bestimmen, was an Weihnachten gesungen wird. Denn die Freiburger Mathematik-Studentin ist Dirigentin im Reichenbacher Kirchenchor - mit gerademal 22 Jahren. Rund 30 Leute im Alter von 50 bis 80 Jahren betreut die nebenberufliche Kirchenmusikerin.

Der Altersunterschied bereitet dabei keine Probleme: "Die hören ganz gut auf mich und sind diszipliniert. Am Anfang waren wir noch sehr vorsichtig miteinander, aber mittlerweile verstehen wir uns echt gut. Die Proben machen richtig viel Spaß", lobt Renée ihre Gesangsgruppe. An den Feiertagen wird es daher harmonisch zugehen. Auch innerhalb der Familie: "Meine Arbeit kann ich ja ganz gut integrieren. Wir gehen meistens eh in die Kirche. Dann kommen die eben zu mir und verfolgen den Auftritt."


Bereitschaftsdienst aus Überzeugung

Sicherheit liegt ihm am Herzen: Student Hendrik Budke, Mitglied bei der Freiwilligen Feuerwehr Marburg-Mitte. Der 25-jährige Lehramts-Student hat sich für den Feiertagsdienst gemeldet. "Ich feiere zum ersten Mal mit meiner Freundin Jenny Weihnachten in unserer ersten gemeinsamen Wohnung, und da möchte ich gerne dazu beitragen, dass der Brandschutz für die Stadt sichergestellt ist."

Dafür muss er die ganze Zeit seinen "Funkalarmempfänger" angeschaltet haben, sowohl an Heiligabend rund um die Uhr als auch durchgehend an beiden Weihnachtsfeiertagen! Deswegen hängt aber nicht der Haussegen schief, "Jenny ist auch in der freiwilligen Feuerwehr und kommt mit." Außerdem, sagt Hendrik, habe er mal ein Zitat gelesen: ",Eine Gesellschaft lebt davon, dass es in ihr Mitglieder gibt, die mehr tun, als sie eigentlich müssten', das möchte ich gerne." Gerade an Weihnachten.


Menschen warmherzig auffangen

Ferdinand Schneider, Student der Sozialen Arbeit in Nürnberg, absolviert gerade sein praktisches Studiensemester beim Katholischen Verband für Soziale Dienste in Augsburg. Daher hilft der 22-Jährige auch in der Augsburger "Wärmestube", einer Auffangstation, die Menschen, die auf der Straße leben, Essen und eine Rückzugsmöglichkeit bietet, um sich tagsüber aufzuwärmen. "An Heiligabend richten wir ein Weihnachtsfrühstück aus", erzählt Ferdinand, "ich werde um 9 Uhr morgens anfangen und bis 14 Uhr arbeiten."

Ferdinand bekommt kein Geld, dafür etwas anderes: "Zum einen ist dieser Einsatz wichtig für mein Studium, denn ich kann mir auch vorstellen, später mit obdachlosen Menschen zu arbeiten. Zum anderen macht er vor allem Spaß: Die Menschen, denen ich hier helfe, sind direkt, offenherzig, ehrlich; so kann ich selbst auch so sein, wie ich bin."


Tierischer Einsatz

Auch am Campus herrscht Betrieb. Für Uni-Mitarbeiterin Sabine Schmidt ist das normal. Die 48-jährige Tierpflegerin arbeitet im Tierforschungszentrum der Uni Ulm. Hier leben Schafe, Schweine, Kaninchen und Mäuse zu medizinischen Forschungszwecken. Alle müssen auch während der Feiertage versorgt werden. Schmidt ist für die Mäuse zuständig, schiebt den alljährlichen Weihnachtsdienst schon zum zwanzigsten Mal.

"Sowohl an Heiligabend als auch an beiden Weihnachtsfeiertagen bin ich bis zu sieben Stunden da, gebe den Mäusen Futter, säubere ihre Käfige", erzählt Schmidt. "Tierversuche gibt es nun einmal. Da muss man dafür sorgen, dass es den Tieren dabei so gut geht wie möglich. Menschen, die sich darüber aufregen, weil sie Tierfreunde sind, aber an Weihnachten eine Gans essen, finde ich persönlich schlimmer."


Unterwegs für Reisende

"Weihnachten in Rufbereitschaft" heißt es für Tim Wilhelm. Doch wenn das Telefon des 26-Jährigen klingelt, handelt es sich nicht unbedingt um einen echten Notfall. Am wahrscheinlichsten ist, dass er dann Gäste vom Flughafen abholt. Der Business-Administration-Student arbeitet als Chauffeur bei Valet Parking & More in Berlin und hat sich freiwillig für den Feiertagsdienst gemeldet.

"Wenn kein Anruf kommt, kann ich die Zeit mit Freunden verbringen, ich muss nur darauf eingestellt sein, dass ich während der Bescherung in mein Auto steigen muss", erzählt er. Für den Auto-Interessierten ist dies ein Stück weit Traumberuf: "Man hat mit sehr interessanten Fahrzeugen zu tun, lernt spannende Persönlichkeiten kennen und kommt auf hochkarätigen Events wie der Verleihung der Goldenen Kamera herum." Vielleicht wartet das nächste Highlight ja Heiligabend auf ihn.


Nachts für andere da

Friederike* arbeitet nicht nur an Weihnachten, sie macht auch noch die Nacht zum Tage und verdient dabei keinen einzigen Cent: Die Psychologie-Studentin wird an einem der Weihnachtsfeiertage die Nachtschicht der Katholischen Telefonseelsorge Köln verstärken. Die 26-Jährige, die ein halbjähriges semesterbegleitendes Praktikum bei der Kölner Telefonseelsorge absolviert, hat sich freiwillig für diese Nachtschicht gemeldet, "das passt gut zum Weihnachtsgedanken: dass man Nächstenliebe zeigt, etwas für andere tut, nicht nur an sich selber denkt".

Friederike möchte in unserem Text unerkannt bleiben, denn die Telefonseelsorge legt Wert auf die Anonymität ihrer Mitarbeiter, damit die Menschen unbefangen bei ihnen anrufen. Gerade an Weihnachten werden viele Einsame darunter sein, die einfach mal reden wollen, jemanden brauchen, der für sie da ist. Friederike lächelt: "Ich bin gerne da."

*Name von der Redaktion geändert


Der Geschenkebringer

Tobias Jahn hat den stimmungsvollsten Job - der Pädagogik-Student aus Kiel arbeitet Heiligabend als Weihnachtsmann! In welcher Familie der 25-Jährige im Einsatz ist, steht noch nicht ganz fest. Tobias hofft, dass es wieder genauso eine nette wird wie jene vom letzten Jahr, die ihm die Kölner Studentenjobvermittlung "JOBRUF" besorgt hatte. Mit Rauschebart, rotem Mantel und Jutesack war Tobias damals das Weihnachtswunder für die vierjährige Tochter besagter Familie, "strahlende Kinderaugen sind super", lächelt er.

Schon als er vor dem Haus in voller Montur aus dem Auto stieg, kamen ihm auf der Straße zwei andere kleine Kinder mit ihren Eltern entgegen, "die sind fast umgefallen", erinnert sich Tobias. "Ich würde es immer wieder machen, nicht nur, weil es mit rund 70 Euro pro Einsatz, der keine halbe Stunde dauert, ein lukrativer Job ist - sondern weil man so echt irgendwie Teil von Weihnachten wird."

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