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20. Jul 2012

Barbara Kotzulla

Archiv

"Studieren ohne Grenzen": Bildung fördern in Krisengebieten

-ARCHIV-

Eine deutschlandweite Initiative von Studenten für Studenten

"Hilfe zur Selbsthilfe"

"Unser Ziel ist es, junge Menschen aus Krisengebieten dafür zu qualifizieren, selbstständig zum Wiederaufbau ihrer Region beizutragen." – Bildung und Nachhaltigkeit gehen für den studentischen Verein "Studieren ohne Grenzen" Hand in Hand. "Hilfe zur Selbsthilfe" nennt es Philipp von der Berliner Lokalgruppe. 

Der Geschichtsstudent ist einer der beiden Koordinatoren der Stipendiatenbetreuung des in der Hauptststadt initiierten Stipendienprogramms. Mit seinen Kommilitonen ermöglicht er derzeit 56 Gleichaltrigen in Mweso/Kongo ein Studium an der landwirtschaftlichen Uni.

Im Interview

UNICUM: Wofür setzt sich "Studieren ohne Grenzen" ein? 
Philipp: "Studieren ohne Grenzen" ist ein recht großer Verein. Angelehnt an "Ärzte ohne Grenzen" wurde er 2003 als " Etudes Sans Frontiéres" in Frankreich gegründet. 2006 wanderte das Konzept dann nach Deutschland. Seitdem bilden sich bei uns an vielen Universitäten immer wieder Lokalgruppen. SOG wird von der Basis bis zum Vorstand allein von Studenten getragen. Bundesweit gibt es insgesamt vier Bildungsprojekte. Gemeinsam mit der Aachener Lokalgruppe engagieren wir in Berlin uns mit einem Stipendienprogramm im Osten der Demokratischen Republik Kongo. Andere Gruppen ermöglichen zum Beispiel Studierenden aus Tschetschenien einen Studienaufenthalt in Deutschland. Momentan wird außerdem ein Förderprogramm in Afghanistan aufgebaut. 

Gibt es einen Leitgedanken hinter "Studieren ohne Grenzen?
In Deutschland genießen wir das Privileg, ohne Probleme studieren zu können. Mit unseren Projekten versuchen wir dies auch jungen, motivierten Menschen in Krisenregionen zu ermöglichen. Wichtig ist bei "Studieren ohne Grenzen", dass es sich um Aktionen von Studierenden für Studierende handelt; wir machen das in unserer Freizeit. Wir möchten aber nicht nur die Programme initiieren und betreuen, sondern versuchen daneben, auch unsere Kommilitonen in Deutschland für die Thematik zu sensibilisieren. Wir organisieren Ausstellungen, Kinoabende und werben in Vorlesungen um neue Mitglieder. Es ist uns wichtig, auch hier ein Bewusstsein für die oft schwierige Studiensituation in anderen Ländern zu schaffen.

Kann jeder Student eine Lokalgruppe gründen?
Ja, jeder Student, der an einer Universität studiert, kann eine Lokalgruppe aufbauen. Bei SOG betreut nicht jede Gruppe ein eigenes Projekt. Es gibt viele Lokalgruppen, die sich erst einmal anderen anschließen. Es gibt auch solche, die sich allein auf das Spendensammeln konzentrieren. Diese Gruppen organisieren dann zum Beispiel Partys oder Spendenläufe, auf denen Geld gesammelt wird. Das kommt dann natürlich dem ganzen Verein zugute. Erst dadurch  können wir unsere Projekte überhaupt realisieren.

"Wir sollten öfter über den Tellerrand gucken"

Wer macht bei euch mit?
Das ist das Tolle bei "Studieren ohne Grenzen": Bei der Arbeit für den Verein trifft man nicht nur Leute aus seinem eigenen Studiengang wieder. Bei uns in Berlin engagieren sich Mediziner, Politologen, Sprachwissenschaftler und viele mehr. Das macht den Reiz aus: Man bewegt sich nicht nur in einem kleinen Zirkel. Man diskutiert gemeinsam, arbeitet gemeinsam. Wir sind ein richtig gutes Team, das sich auch privat versteht.

Und was ist nach dem Abschluss?
Auch nach dem Studium kann man "Studieren ohne Grenzen" treu bleiben. Oft setzt man natürlich neue Schwerpunkte, zieht in eine andere Stadt oder hat wegen der Arbeit keine Zeit mehr für SOG. Uns ist es dann wichtig, sanfte Übergänge zu schaffen. Der Verein ist sehr dynamisch: Die Studenten binden sich eben nicht 50 Jahre daran, sondern nur eine gewisse Zeit lang. Das Wissen wird an die neuen Mitglieder weitergegeben. Die sehen die Dinge vielleicht auch wieder ein wenig anders und bringen neue Ideen mit, an die wir noch gar nicht gedacht haben. Das ist immer sehr erfrischend.

Wie viel Zeit investierst du in die Vereinsarbeit?
Das ist recht unterschiedlich und hängt davon ab, wie viel ansteht. Wir treffen uns jeden Mittwochabend. Donnerstag und Freitag erledige ich weitere Sachen für SOG. Bei der Bewältigung des Stipendienprogramms gibt es immer Stoßzeiten. Die Stipendiaten, die ausgewählt wurden, schreiben zum Beispiel einen Jahresbericht. Dafür müssen wir Fragen formulieren und später die Auswertung vornehmen. Bei 56 Stipendiaten, die jeweils zehn Seiten abliefern, kommt da schon etwas auf uns zu. Trotzdem wollen wir das ganze Verfahren transparent halten und jedem Stipendiaten ein persönliches Feedback geben.

Was ist dein persönlicher Anreiz, bei "Studieren ohne Grenzen"  mitzumachen?
Wir in Deutschland, einem Land in Frieden und Wohlstand, sollten einfach öfter über den Tellerrand blicken. Ich will etwas schaffen und Gleichaltrigen in anderen Regionen helfen. Bei der Arbeit im Verein  sieht man direkt die Früchte, die sie trägt. Das Ganze ist keine abstrakte Sache, wir sind ständig im Kontakt mit dem Projekt. Das macht Spaß. Felix, einer der Gründer von SOG Deutschland, war im vergangenen Sommer noch einmal privat vor Ort in Mweso, dem kleinen Ort unseres Stipendienprogramms. Von dort hat er Bilder und neue Infos mitgebracht, die uns weiter motivieren. Es macht einen schon froh, wenn man sieht, dass die Arbeit etwas bewirkt.

"56 junge Menschen können dank uns studieren"

Ihr reist also auch in die Krisengebiete?
Das ist jetzt nicht die Regel. So eine Reise müssen wir schließlich selbst bezahlen. Die Spendengelder werden für so etwas nicht angerührt, die sind für die Projekte gedacht. Wir freuen uns immer sehr, wenn ein Mitglied in die Region fährt, erwarten das aber von niemandem. Dank unserer Partnerorganisation vor Ort können wir auch so ein gutes Verhältnis mit den Stipendiaten pflegen. Klar helfen Besuche dabei, aber wir wollen auf keinen Fall einen Beobachterstatus bekommen oder die großen Kontrolleure spielen. Wir sind uns bewusst, dass die Studenten genauso alt sind wie wir und einfach viel bessere Kenntnisse von der Lage vor Ort haben.

Nach welchen Kriterien vergebt ihr die Stipendien?
Unsere Partnerorganisation verteilt vor Ort Bewerbungsbögen, die ausgefüllt werden müssen. Sie beurteilt dann auch direkt die Bedürftigkeit der Bewerber. Wir wollen schließlich wirklich nur denen helfen, die sich ein Studium selbst nicht leisten können. Wir in Deutschland richten unser Augenmerk vor allem auf die Motivation und das eingereichte Projekt. Jeder Stipendiat bewirbt sich nämlich mit einem Projekt, das er nach seinem Studium in die Tat umsetzen will. Da sind ganz tolle Sachen dabei. Die Projektideen reichen vom klassischen Gemüseanbau, der dann im Anschauungsunterricht der Gemeinde vorgestellt wird, bis hin zur Aufforstung der durch Krieg zerstörten Landschaft. Auch sind Programme für Frauen darunter, die während des Bürgerkriegs vergewaltigt wurden: Einige Stipendiatinnen planen, diese Frauen später zu selbstständigen Landwirtinnen weiterzubilden. Natürlich steht bei den Studenten später der eigene Lebensunterhalt im Vordergrund. Uns ist aber wichtig, dass sie nach ihrem Studium auch als Gestalter in ihrer Region wirken. Die Stipendiaten wissen am besten, welche Not die Bevölkerung drückt und schlagen dementsprechend geeignete Projekte vor. Die Dringlichkeit können wir in Deutschland nur so beurteilen, wie es aus der Ferne geht.

Was ist dein bisher größer Erfolg bei „Studieren ohne Grenzen“?
56 junge Frauen und Männer können dank der Idee von SOG studieren – das ist definitiv der größte Erfolg unserer Arbeit. Das schönste Erlebnis ist, wenn neue Nachrichten von den Stipendiaten in Berlin eintreffen. In den letzten Jahresberichten haben wir zum Beispiel auch nach ihren Wünschen gefragt und dachten, dass der Großteil um eine bessere  Bibliotheksausstattung oder vielleicht eine Erhöhung des Stipendiums bittet. Die meisten aber wünschten sich, dass wir noch mehr Stipendiaten aufnehmen. Die Studierenden vor Ort denken also nicht nur an ihr eigenes Stipendium, sondern auch an die anderen jungen, motivierten Menschen in ihrer Umgebung. Das war die größte Bestätigung für unsere Arbeit.


Kurz & kompakt

  • "Studieren ohne Grenzen" ist ein gemeinnütziger und mildtätiger Verein
  • Der Verein unterstützt Förderprojekte in Tschetschenien, Afghanistan und der DR Kongo
  • Er wird vollständig von Studierenden getragen
  • Die Berliner Lokalgruppe ermöglicht derzeit 56 Stipendiaten im Mweso/Kongo ein dreijähriges Studium
  • Für interessierte Berliner: Die Gruppe trifft sich jeden Mittwoch um 19.00 Uhr im Seminarraum 1 der Luisenstraße 57

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