Bergakademie Freiberg
Am Förderturm ist sie deutlich zu erkennen - die Bergakademie Freiberg | Foto: Thorsten Thierbach

31. Jul 2012

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Studium unter Tage

-ARCHIV-

UNICUM zu Gast in Deutschlands einzigem Uni-Bergwerk

Es ist 7 Uhr morgens im Forschungsbergwerk Freiberg. Eine schrille Klingel schallt durch die Schachtanlage "Reiche Zeche". Während der Besucher zusammenzuckt, nehmen zwei Bergleute routiniert ihre hellen Schutzhelme aus einem Regal, knipsen ihre Grubenlampen an und steigen in den engen, vergitterten Förderkorb. Dann sausen sie fast lautlos in die Tiefe.

Im Förderkorb geht es abwärts

Am Steuerstand der Maschine, die die Arbeiter nach unten bringt, in einem kleinen Raum neben dem Schacht, sitzt Frank Reuter. Der 24-jährige ist Bergbaustudent an der hiesigen Bergakademie. Die Uni ist die einzige in Deutschland, die sich allein zu Forschungs- und Ausbildungszwecken ein Bergwerk leistet. Der angehende Diplom-Ingenieur steuert die Anlage ähnlich einem altertümlichen Straßenbahnfahrer: mit einem schweren Handrad auf der rechten Seite die Geschwindigkeit, mit einer breiten Stahlstange zur Linken die Bremse. Vor ihm spult ein kräftiger Motor daumendicke Stahlseile von zwei riesigen Trommeln. An ihnen hängen die Förderkörbe, in denen die Bergleute stehen.

Mit zwei Metern in der Sekunde ist die sogenannte Schachtförderanlage unterwegs, 230 Meter geht es nach unten. Dort fühlt sich der hochgewachsene Bergbaustudent pudelwohl, obwohl er immer wieder den Kopf einziehen muss. Bei 10 Grad Grubentemperatur tropft es hier und da von den Wänden, schwere, etwas angerostete Stahlträger stützen die Strecken. Mit der Lampe auf dem Helm leuchtet Frank Reuter den Weg durch das Wirrwarr von Gängen: "Das gesamte Abbaugebiet hat eine Ausdehnung von 14 Kilometern. Die sogenannten Auffahrungen, also die Abbauarbeiten der Silbererze, gehen bis in das 14. Jahrhundert zurück."

Dann hält er an einem riesigen Bohrhammer, der über einen Meter weit aus einem Felsgestein herausragt, und hantiert an einem der seitlich angebrachten Hebel. Plötzlich zischt das schwere Gerät und fängt an, sich mit ohrenbetäubendem Lärm in den Fels zu fressen. Schnell wird klar: Erzabbau ist keine Arbeit für empfindsame Zeitgeister.

"Es werden wesentlich mehr Bergleute gesucht, als es gibt"

Doch genau das ist es, was die Ausbildung an der Freiberger Bergakademie zu etwas Einzigartigem macht. Die Studenten büffeln hier nicht nur Theoretisches zu Geologie und Werkstoffkunde, nein, sie fahren selbst unter Tage, um alles hautnah in dem traditionsreichen Bergwerk kennenzulernen. Zwar ist die "Reiche Zeche" seit 1913 stillgelegt, doch schon sechs Jahre später hat sie die Universität für die praktische Ausbildung der Studenten übernommen.

Inzwischen kommen die jungen Leute aus allen Ecken Deutschlands, um hier ihren Abschluss zu machen. "Kein Wunder", sagt Frank Reuter, der auch als sogenannter Steiger, also eine Aufsichtsperson, unterwegs ist. "Wir lernen nicht nur die Förderanlage zu steuern oder die Grubenbahn zu fahren, wer will, kann sich auch zum ortskundigen Führer unter Tage ausbilden lassen." Und so begleitet der künftige Bergbauingenieur fast täglich Gruppen durch die verschlungenen, dunklen Strecken und hat sich selbst - so sagt er - noch nie darin verlaufen.

Ganz Europa nutzt das Bergwerk "Reiche Zeche"

Auf den schmalen Schienen der Grubenbahn geht es weiter, bis es am Ende einer der Strecken fast taghell wird. Die sonst tiefe Decke steigt nach oben 6 Meter an. Vor dem Besucher tut sich ein großer Eisenbahntunnel auf: "Hier haben Wissenschaftler neue Betonsorten für den Bau von Rettungswegen untersucht", erzählt Frank Reuter. Forschungseinrichtungen aus ganz Europa nutzen die "Reiche Zeche" für die Entwicklung und Erprobung neuer Technologien. Und das beschert der Freiberger Bergakademie Einnahmen, mit der sie das Bergwerk erhalten kann.

Noch zwei Semester, dann will Frank Reuter sein Bergbau-Diplom in der Tasche haben. Seine Aussichten danach sind fast beneidenswert. "Es werden wesentlich mehr Bergleute gesucht, als es gibt", so der 24-jährige, der schon ein konkretes Jobangebot eines Unternehmens aus Thüringen hat. Hinzu kommt, dass die Arbeit unter Tage bis heute überdurchschnittlich entlohnt wird. Doch bis dahin will Frank Reuter auch weiterhin all seine Freizeit in der "Reichen Zeche" verbringen, die Grubenbahn steuern und Besucher durch die faszinierende Bergwerkswelt von Freiberg führen.


Die Bergakademie Freiberg

  • Sie wurde schon von Alexander von Humboldt besucht.
  • Als einzige Uni Deutschlands betreibt sie zu Ausbildungs- und Forschungszwecken seit 1919 ein eigenes Bergwerk.
  • Die Studenten steuern die Förderanlagen und die Grubenbahn oder arbeiten als ortskundige Führer.

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