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07. Jan 2014

Christina Scholten

Archiv

Überfüllte Hochschulen in Deutschland: Wie voll ist voll?

-ARCHIV-

Was ist dran am "Studentenansturm" auf die deutschen Unis?

UNICUM vor Ort in Halle

(von Philipp Seitz)

Heinrich Heine soll einmal gesagt haben, in Halle würden nur Hallenser, Halloren und Hallunken leben. Als Hallenser bezeichnete er dabei die Eingeborenen, als Halloren die Kumpel in den umliegenden Salzbergwerken und als Hallunken die Zugezogenen. Ob die Zahl der dritten Gruppe nun explodiert ist, weil viele vor dem viel zitierten "Studentenansturm" panisch in den Osten geflohen sind? Werfen wir einen Blick auf die Martin-Luther-Uni Halle-Wittenberg, die mit unter 20 000 Studierenden eine der kleinsten deutschen Voll-Universitäten ist. Damit wir nicht einfach ziellos herumirren, stürzen wir uns exemplarisch auf die Anglisten.

Keine 24 Stunden nach ihrer erfolgreichen Staatsexamensprüfung steht Wiebke Marschalk, Tutorin des Einführungsmoduls zu angloamerikanischer Kulturwissenschaft, vor ihren Bachelor-Studenten. Sie hatten mitgefiebert, fragen nun nach dem Ergebnis und lassen sich von ihrer Euphorie anstecken. Mit 17 Teilnehmern ist der Kurs noch übersichtlicher als eine Schulklasse. Natürlich geht es nicht in jeder Anglistik-Lehrveranstaltung so familiär zu wie in dem Tutorium.

"Zu Semesterbeginn sind es immer sehr viele Studenten. Das ist echt krass. Da sitzen dann die Studenten nicht nur im Hörsaal, sondern auch am Rand, hinten und draußen vor der Tür", erzählt Michaela Witt (20). Die angehende Anglistin weiß aber auch: "Gegen Ende des Semesters lichten sich dann mehr und mehr die Reihen."

Also eher ein generelles Phänomen und kein Anzeichen für einen Ansturm im Wintersemester 2013/2014. Dieser besteht laut Wiebke Marschalk am Institut für Anglistik und Amerikanistik aus rund 30 bis 40 Studierenden mehr als im letzten Semester: "Die merkt man schon. Aber wir kriegen das hin. Wir haben beispielsweise die Möglichkeit, mehr Tutorien anzubieten."

Kuschelatmosphäre statt Bücherknappheit

Was das Veranstaltungsangebot betrifft, kommen also keine nennenswerten Klagen aus Halle. Doch ob es für die motivierten Anglistik-Studenten auch genügend Lesestoff gibt? Um das zu checken, geht es in die innenstadtnahe Zweigbibliothek für Neuphilologie. Es gibt nämlich keine zentrale Uni-Bibliothek, sondern mehrere kleine über die Stadt verteilt.

Melissa Wendt (19) hat gerade mit dem Studium begonnen und findet, es sei "der Wahnsinn", wie viel Literatur vorhanden ist. Auch die meisten ihrer Kommilitonen sind mit der Auswahl zufrieden. Kein Wunder, der Bestand werde in allen Fachbereichen ständig erweitert, so Dr. Dorothea Sommer, stellvertretende Direktorin der Universitäts- und Landesbibliothek Sachsen-Anhalt in Halle. Das Prinzip der Zweigstellen und die Öffnungszeiten bis 22 Uhr sorgten gleichzeitig dafür, dass sich die Studierenden gut verteilen.

Bis 2015 wird es für die Geistes- und Sozialwissenschaftler noch komfortabler, denn dann wird ein neuer Bibliotheks-Komplex fertiggestellt. Dies ist eine Reaktion auf den Studierenden- Anstieg in den letzten zehn Jahren, auf den man sich in Halle nach und nach vorbereiten konnte – sowohl was das Platz- als auch das Bücher-Angebot betrifft.

Nur der juristischen Fakultät gesteht Dr. Sommer momentan eine "klassische Überlast" zu, weil dort der Andrang in Halle traditionell hoch sei.

Von Mensa-Panik keine Spur

Da ein leerer Magen bekanntlich nicht gut studiert, wollen wir nun noch wissen, wie schnell man in der Mensa an sein Mittagessen kommt und ob man womöglich im Stehen mampfen muss, weil alle Plätze belegt sind. Die Harzmensa liegt mitten in der Innenstadt. Weil sich die hungrigen Hochschüler im Inneren auf mehrere Etagen und Gasträume verteilen, hallt kein Tellerklappern durch große Speisehallen wie in vielen anderen Mensen dieser Größe. Immerhin finden 794 Studierende einen Platz. Davon ist auch immer einer frei für Ethnologie-Studentin Tina Jakob: "Platzmangel habe ich hier noch nie erlebt. Es staut sich manchmal an der Essensausgabe. Es sitzen aber nie Leute auf dem Boden oder so."

Auch bei den Portionszahlen in der Hochschulgastronomie verzeichnet Thomas Faust, Assistent strategische Entwicklung der Hochschulgastronomie des Studentenwerkes in Halle, zum Wintersemester 2013/2014 "keinen spürbaren Zuwachs". Es war eher ein gemäßigter Anstieg in den vergangenen Jahren. Die offiziellen Zahlen der Pressestelle belegen dies. Im Wintersemester 2009/2010 betrug die Zahl der Studierenden insgesamt 17.589. Drei Jahre später waren es dann 19.625.

Aktuell sind die Hallenser bei 19.711 Studierenden angekommen. Interessant: Die Zahl der Neueinschreibungen ist sogar etwas gesunken: von 4.595 (WS 2012/2013) auf aktuell 4.503.


UNICUM vor Ort in Köln

So, in Halle an der Saale ist die Studien-Situation also recht entspannt. Ob die Lage in ganz Deutschland ähnlich ist? Oder will einfach nur keiner in den Osten? Zum Vergleich wechseln wir an die mehr als doppelt so große Uni Köln, mit 45.606 Studierenden (Stand WS 2012/2013) gleichzeitig die bundesweit größte.

Auf dem Flur hallt das Geräusch von gehetzten Schritten, an den kleinen Tischen seitlich der Wege stört sich niemand daran. Auf der einen Seite liegen dicke Wälzer über Kostenrechnung, woanders ist es das Bürgerliche Gesetzbuch, mit dem gelernt wird. Die schnellen Schritte verschwinden im gegenüberliegenden Hörsaal, aus den offenen Türen dringt eine gedämpfte, aber schwere Stimmenwand. Es ist Dienstagmorgen in der Uni Köln, in einer halben Stunde beginnt hier eine Statistik-Vorlesung – und in der dafür vorgesehenen Aula ist schon kaum mehr Platz zum Sitzen.

"Sorry, ich kann jetzt noch nicht reden, ich muss mir erst dringend einen Platz suchen", sagt Christian Abt (20) deshalb. Fünf Minuten später kommt er wieder, jetzt hat er genug Zeit um darüber zu sprechen, wie er seine Studiensituation empfindet. Er sieht es ziemlich locker, dass er manchmal früher kommen muss, damit er sitzen kann. Denn das sei nicht immer so, es komme auch auf das Seminar an: "In diesem Kurs gerade ist der Dozent sehr beliebt, deshalb ist er total überfüllt. Aber in den anderen Vorlesungen geht es eigentlich – und es kommt auch darauf an, wann man geht. Morgens ist alles frei, mittags haben wir nur einen kleineren Aulateil, da ist es immer voll."

Von Tutorien mit "über 200 Leuten, obwohl sie nur für 20 ausgerichtet sind", berichten hingegen zwei seiner Kommilitoninnen, Lilli Saathoff und Firuze Öztürk (beide 20). Die beiden finden, dass es unter diesen Bedingungen schwierig sei, zu studieren. "Man muss mehr zu Hause machen und auch Opfer bringen – zum Beispiel die Kurse montags morgens um acht Uhr wählen. Da sind tatsächlich nur 40 Leute, das ist schon echt wenig für die normalen Verhältnisse. Man kann aber nicht entspannt in eine Übung um 12 Uhr gehen."

Rund 506.632 neue Studenten

Es sind gerade diese Stoßzeiten, an denen auffällt, wie voll es eigentlich ist. Vor allem in den größeren Studienfächern wie BWL/Wiwi, Jura, Medizin und den Lehramtsstudiengängen machen sich die rund 506.632 Neu-Studenten (Prognose Statista für das Jahr 2013) bemerkbar.

Allerdings nicht unbedingt in den höheren Fachsemestern, so der Tenor unter den Befragten, hier gebe es kaum bis gar keine Probleme bezüglich überfüllter Kurse. Und in den Masterkursen auch nicht, denn hier sei die Anzahl der Studienplätze ohnehin beschränkt. Dabei gehören diese Studierenden zu denjenigen, die ihr Studium schon mit einer großen Masse an Kommilitonen begonnen haben: Im Jahr 2009 fingen deutschlandweit insgesamt 424.273 Leute an zu studieren, 2011 waren es mit den Anfängen der G8-Reform in Niedersachsen und Bayern schon 518.748 Erstsemester. Dieser Sprung scheint verhältnismäßig klein zu sein, wenn man beachtet, dass es 1998 mit 272.473 noch gerade mal knapp die Hälfte der Studienanfänger waren.

Und es werden von Jahr zu Jahr mehr, denn dies ist Teil des sogenannten Hochschulpakts 2020, den Bund und Länder geschlossen haben. Dabei wurde festgelegt, innerhalb von zwei Förderungsphasen zusätzliche Studiengelegenheiten zu schaffen. In der ersten Phase, von 2007 bis 2010, waren das 185.024 Plätze, von 2011 bis 2015 sollen es mit Subventionen in Höhe von 7 Milliarden Euro 625.000 sein.

In vielen Punkten keine Wahlfreiheit mehr

Das Problem der vollen Studiengänge existiert also nicht erst seit diesem Semester, deshalb konnten die Universitäten sich auch schon darauf vorbereiten. Übergangsgebäude wurden errichtet, mehr Studienplätze wurden geschaffen – trotzdem leidet das Studium vieler Studenten unter der großen Anzahl ihrer Kommilitonen.

So erzählt zum Beispiel Carla, die im ersten Semester Pädagogik in Köln studiert: "Mir fehlen drei Seminare, die ich für mein Studium brauche, weil ich dort keinen Platz bekommen habe." Das liege auch daran, dass die Themen mancher Kurse einfach beliebter seien als andere und sich dann eben jeder zu diesen Seminaren anmelde. "Ich habe auch versucht, einfach in die Kurse hineinzugehen und dort einen Platz zu bekommen. Von der Beratungsstelle in Pädagogik wurde mir aber mitgeteilt, dass dies studentisches Fehlverhalten sei und man mir helfen könne, mich in einem anderen Kurs unterzubringen. Natürlich mit einem Thema, das mich gar nicht interessiert."

Vielleicht ist dies die größte Problematik der überfüllten Unis: Durch die hohe Teilnehmerzahl gibt es in vielen Punkten keine Wahlfreiheit mehr. Das kommt erschwerend zur sowieso schwierigen Stundenplan-Organisation zweier Fächer hinzu. "Das ist echt schade", sagt Carla, "schließlich studiere ich doch, weil es mich interessiert, und nicht, weil ich die Kurse schnell abhaken will."


UNICUM fragt nach!

Weil auch wir das schade finden, haben wir beim Fachanwalt für Verwaltungsrecht und Unirechts-Experten Dr. Christian Birnbaum nachgehakt: "Darf man sich einfach in die Kurse hineinsetzen, um seinen Platz dort einzufordern?"

"Das ist eine sehr schwierige Frage. Prinzipiell hat der Lehrveranstaltungsleiter Hausrecht – also liegt es in seinen Kompetenzen, Teilnehmer des Kurses zu verweisen. Damit ist aber noch nicht gesagt, dass von diesem Hausrecht rechtmäßig Gebrauch gemacht wurde. Die Universität ist verpflichtet, den Studenten den Besuch der Lehrveranstaltungen zu ermöglichen, die im Curriculum vorgesehen sind. Das umfasst auch Wahlpflicht- und Wahlveranstaltungen. Auch studiengangsfremde Lehrveranstaltungen dürfen generell besucht werden.

Ein Ausschluss ist nur aus zwingenden Gründen möglich, zum Beispiel bei einer beschränkten Anzahl von Laborarbeitsplätzen. Hier haben die Studenten des eigenen Studiengangs den Vorrang. Ganz problematisch wird es, wenn innerhalb der Studenten des Studiengangs ein Ausschluss vorgenommen wird. Hier zieht das Gesetz für die Universität sehr hohe Hürden. Im Zweifel muss auch eine Doppelung der Lehrveranstaltung oder ein Kurs in den Semesterferien erwogen werden. Leider halten sich nicht alle Lehrveranstaltungsleiter an diese strengen Maßgaben.

Im Ernstfall hilft dann wirklich nur die gerichtliche Auseinandersetzung. Ob einem der Seminarplatz das wert ist, muss jeder für sich entscheiden, doch sind die meisten dieser Fälle in den letzten Jahren zu Gunsten des Klägers ausgegangen."


Kurz & kompakt

  • Gründe für die aktuell rekordverdächtigen Studierendenzahlen: "G8", Wegfall der Wehrpflicht, steigende Bildungsbeteiligung, demographisches Echo auf die "Baby-Boomer" (zwischen 1955 und 1965 geboren) sowie das Interesse aus dem Ausland an einem Studium in Deutschland.
  • Das Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) kommt in einer Modellrechnung zur Entwicklung der Studienanfängerzahlen bis 2025 zu dem Schluss, dass die Zahl erst im Jahr 2024 wieder unter die 400.000er-Marke fällt.
  • Historische Höchstwerte wurden vor allem für 2011 und 2013 berechnet.

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