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30. Mär 2012

Ann-Christin Kieter

Archiv

UNICUM trifft: Catwalk-Coach Jorge Gonzalez

-ARCHIV-

Der Chica-Mentor im Interview

Hohä: Hä?

UNICUM: Wie soll ich deinen Namen aussprechen? Es kursiert ja auch die Lautschrift-Variante "Hohä".
Jorge Gonzalez: Nein, "Horche" ist schon richtig. Ich glaube, das "Hohä" habe ich niemals so gesagt. Es gibt viele Leute, die meinen Namen falsch aussprechen. Wenn ich frage, wie ich heiße, kommt schon mal ein "Hohä" oder "Horge". Und das freut mich. Denn meine Aussprache ist ja auch nicht immer richtig.

Bleiben wir beim Thema Sprache. Du bist in Kuba aufgewachsen, hast in der ehemaligen Tschechoslowakei studiert und im Januar 2011 die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen. In welcher Sprache träumst du?
In letzter Zeit träume ich schon auf Deutsch. Aber das war ein langer Prozess. Als ich 1994 nach Deutschland gekommen bin, habe ich erst nur Slowakisch gesprochen. Seit meinem Abschluss 1990 bin ich zwischen beiden Ländern hin und her gependelt. Ich wollte sofort eine Sprachschule besuchen, aber ich kam so frisch von der Universität, da habe ich keine Lust gehabt, wieder etwas Neues anzufangen. Das war vielleicht ein großer Fehler. Aber in diesem Moment war das zu viel für mich. Ich war allein hier, meine Familie war weit weg.

Wie kam es denn überhaupt dazu, dass du mit 17 aus Kuba weggegangen bist?
Als ich klein war, hatte ich den Wunsch, klassischer Balletttänzer zu werden. Doch für meinen Vater war das ein Tabu. Es ist sehr schwer, als Kind zu merken, dass man so, wie man sein will, nicht sein kann. Ich habe mich immer gefühlt wie in einem Käfig. Deshalb war mir klar, dass ich irgendwann aus Kuba wegwollte. Da ich nicht gleich emigrieren wollte, war die einzige Möglichkeit für mich, als Student ins Ausland zu gehen. Daher habe ich mich besonders angestrengt, gut in der Schule zu werden, damit ich diese Chance bekomme.

Das hat ja ganz gut funktioniert…
Ja, als bester Schüler meines Jahrgangs habe ich sogar als Erster die Liste mit den Unis und Studienfächern bekommen. Da Kuba ein sozialistisches Land ist, mussten wir für das Studium ebenfalls in ein sozialistisches Land reisen. Inhaltlich wollte ich etwas machen, das mit Biologie, Physik und Chemie zu tun hat. Das macht mir Spaß. Nuklearökologie in Bratislava hat mir besonders gefallen. Es war sehr neu und hatte viel mit Umweltschutz zu tun, was in Kuba noch kein großes Thema war. Man untersucht die Wirkung von ionisierender Strahlung auf die Umwelt. Allerdings gab es nur vier Plätze und 800 Interessenten. Deswegen musste ich eine Prüfung ablegen – mit Erfolg.

"Wir sind auf einem guten Weg, was erneuerbare Energien betrifft"

Wie hast du die erste Zeit in Europa erlebt?
Es war wirklich alles neu für mich. Coca-Cola, Kaugummis, Lollis und diesen ganzen Quatsch hatten wir in Kuba nicht. Die anderen Studenten haben sich das sofort alles gekauft. Ich bin cool geblieben. Das Beste für mich war ohnehin die Luft. Ich bin aus dem Flugzeug ausgestiegen und das war das erste Mal, dass ich überhaupt richtig atmen konnte. In Kuba hatte ich immer eine Stauballergie und konnte nur mit einem Nasenloch Luft holen.

Während deines Studiums ist allerhand passiert. 1986 die Katastrophe in Tschernobyl, 1989 der Fall des Eisernen Vorhangs – wie sehr haben dich diese geschichtlichen Ereignisse geprägt?
Noch vor dem Studium habe ich in Kuba eine Baustelle für ein Atomkraftwerk besichtigt, das gerade vom selben Ingenieur wie in Tschernobyl gebaut wurde. Von daher war die Katastrophe natürlich ein besonderer Schock für mich, weil ich dachte, dass das Gleiche auch in Kuba passieren könnte. Aber die Arbeiten daran wurden sofort eingestellt. Als der Eiserne Vorhang fiel, kamen am nächsten Tag Repräsentanten aus meinem Heimatland, die uns kubanischen Studenten erzählt haben, dass die Leute aus der Tschechoslowakei nicht mehr unsere Freunde sind. Ich konnte das überhaupt nicht nachvollziehen. Die Regierung wollte uns zurückholen. Zwei von uns mussten im Juli zurück nach Kuba. Ohne Abschluss. Zwei Monate später hätten sie ihr Diplom gekriegt. Ich habe mich drei Monate lang versteckt, bin von Haus zu Haus gezogen, um mich bei Freunden zu verstecken, und konnte so im November 1990 die Uni erfolgreich absolvieren.

Wie viel von dem Fachwissen ist bis jetzt noch hängengeblieben?
Doch noch einiges. Ich stehe auch im Kontakt zu meinen Kommilitonen, die nun auf dem Gebiet tätig sind und mich auf dem Laufenden halten. Natürlich bin ich nicht mehr so fit wie die. Ich glaube auch nicht, dass ich noch in dem Bereich arbeiten könnte. In der Uni bekommt man abstraktes, theoretisches Wissen vermittelt, aber mir fehlt komplett die Praxis. Trotzdem habe ich eine Meinung zum Thema Atomkraft und lese sehr viel darüber.

Was fühlst du denn, wenn du hier in Hamburg am Kraftwerk Krümmel vorbeifährst?
Das ist schon ein komisches Gefühl. Wir Menschen leben unser Leben weiter und beachten die Gefahr so lange nicht, bis etwas passiert. Erst dann reagieren wir und sagen: Oh, wir haben ja auch so ein Monster hier in der Nähe. Und natürlich könnte sich Ähnliches ereignen wie in Tschernobyl oder Fukushima. Und dann stellt man sich die Frage, was man dagegen tun kann.Wir sind auf einem guten Weg, was erneuerbare Energien betrifft. Aber es muss auch noch viel getan werden.

"Tief im Inneren bin ich fast spießig"

Viele Leute werden sich wahrscheinlich wundern, so ernste Worte von dir zu hören…
Was heißt ernst? Ich mag die Glamourwelt und habe Spaß daran, auf High Heels zu laufen und mit Chicas zu trainieren. Die Leute mögen mich für meine verrückten Outfits. Das ist auch o. k., das ist mein Job. Aber es gibt eben auch einen anderen Jorge. Ich gehe auch völlig ungestylt in Gummistiefeln mit meinem Hund Willie spazieren oder im Jogginganzug zum Sport. Schau, auch jetzt habe ich Turnschuhe an. Die High Heels sind nur meine Arbeitsgeräte.

Wie hat das überhaupt alles angefangen mit den hohen Schuhen?
Kubaner lieben High Heels. Meine Oma hatte viele aus den 50er Jahren, die haben mich schon immer fasziniert. Schon mit fünf Jahren habe ich angefangen, darauf herumzustolpern. Mein Vater hat mich gefragt, was ich da mache. Und ich habe nur geantwortet: spielen! Später, während des Studiums, habe ich nebenbei gemodelt. Bei einem Job in Bratislava sollten wir für eine Choreographie auf High Heels tanzen. Die Mädels hatten echt Probleme damit. Also habe ich mir die Schuhe geschnappt und denen vorgemacht, wie es geht.

Und so bist du irgendwann als Nachfolger von Bruce Darnell bei "Germany’s next Topmodel" gelandet. Wie fühlt es sich für dich an, dich im TV zu sehen?
Ich muss immer über mich selbst lachen. Ich denke: Oh, was hast du wieder gemacht? Denn ich plane nicht, was ich sage oder wie ich mich bewegen werde, sondern handle spontan. Und hinterher denke ich mir: Warum hast du nicht nachgedacht? Aber das ist o. k. Es ist wichtig für mich, dass ich mir treu bleibe und keine Rolle spiele. Ich glaube, die Leute würden das merken. In den Medien bin ich so lange präsent, bis es mir keinen Spaß mehr macht. Ich mache das nicht für die Kohle. Immerhin habe ich seit 15 Jahren eine sehr erfolgreiche Agentur. Das ist mein Hauptberuf.

Könntest du dir trotzdem vorstellen, wieder zurück nach Kuba zu gehen?
Ja, natürlich. Da ist schönes Wetter! Für mich wäre es ein Traum, zu mischen. Weihnachten hier im Schnee, dann die restliche Winterzeit in Kuba und im Frühling wieder zurück nach Hamburg. Die Kombination wäre perfekt. Denn ich sage immer: Kuba ist mein Land, aber meine Heimat ist Deutschland. Das ist meine Umgebung, in der ich mich wohl fühle. Die Leute kennen mich hier schon lange Zeit. Deswegen brauche ich mich nicht zu verstellen. Tief im Inneren bin ich vielleicht etwas konservativ, fast spießig.


Kurz & kompakt:

  • Jorge Gonzalez lebt mit seinem Partner und dem "Bonsai-Dobermann" Willie seit 16 Jahren im Hamburger Stadtteil Eppendorf.
  • Mit 20-Zentimeter-Absätzen spielt er Fußball, aber beim Schlittschuhlaufen hat er Angst, sich die Knochen zu brechen.
  • Modedesign ist seine große Leidenschaft: Für die Show "Ballett Revolucion" hat er die Kostüme gestaltet und am 8. März erschien beim Versandhaus "bonprix" seine dritte "Chicas Walk"-Kollektion.

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