Autorenbild

10. Nov 2014

Ann-Christin Kieter

Archiv

UNICUM trifft: Jan Böhmermann

-ARCHIV-

Der Radio- und Fernsehmoderator im Interview

"Ich bin der Prototyp eines Nerds"

UNICUM: Bei uns gilt die ungeschriebene Regel, dass wir Interviewpartner duzen, es sei denn, sie tragen einen Anzug. Heute sind wir uns irgendwie nicht sicher.
Jan Böhmermann: Das ist mir total egal. Wie ihr wollt.

Wie kommt es denn, dass du überhaupt einen Anzug trägst? Man könnte ja meinen, dass junge Medienmacher gerade keinen tragen wollen, weil denen das zu spießig ist.
Es ist ganz einfach. Wenn jetzt die neoliberalen Silicon-Valley-Imitatoren anfangen, sich Kapuzenpullis anzuziehen, und sich wie Nerds verhalten, müssen wir Nerds die Kapuzenpullis ausziehen, uns rasieren und Anzüge anziehen.

Also bist du ein Nerd?
Absolut. Der Prototyp eines Nerds. Allein, dass ich euch jetzt beim Gespräch in die Augen gucken kann, hat 30 Jahre Psychotherapie gedauert.

Erzähl mal was über deine neue Sendung, das "Neo Magazin". Das Ganze schimpft sich Polit-Satire?
Das hat der Sender aus PR-Gründen gemacht. Weil das so edel klingt und so wild. Aber in Wirklichkeit ist das Neo Magazin eine Unterhaltungsshow. Oder noch viel besser: eine seriöse Quatsch-Show. Es ist das erste Mal, dass das ZDF mich und mein Team – die gleichen Leute wie bei "Roche & Böhmermann" – machen lässt. Das, was uns damals am meisten gefallen hat, waren diese Gimmicks: die Einspielfilme und das Anhalten und Zurückspulen der Sendung. Aber auch die Haltung, mit der wir Gästen begegnen, und die Ästhetik, der Style. Daraus wollten wir eine komplette Sendung machen, in der nicht zwischendurch 20 Minuten Belangloses gelabert wird. Politiker als Gäste schließe ich nicht aus, aber eigentlich geht es um Themen, die mich persönlich wirklich interessieren. Das kann die neue Frisur von Rihanna oder der partybedingt unterbrochene Alkoholentzug von Jenny Elvers sein.

"Ich mach dann mal weiter, wie ich das will"

Warum sollten sich Studenten das anschauen?
Die Show macht Akademiker dümmer und damit zu besseren Menschen. Einer meiner Aufträge, die mir vom öffentlich-rechtlichen Fernsehen erteilt wurde, ist es, die deutsche Bildungselite wieder auf den Boden der Tatsachen zu holen. Raus aus der Uni, schraubt euch intellektuell mal runter, hier werden einfache Sätze gesprochen. Ihr mit euren fein zusammengegoogelten Doktortiteln, ihr dissozialen Akademiker, jetzt lacht mal gefälligst wie das gemeine Volk!

Du improvisierst in deinen Sendungen gerne. Wie viel steht tatsächlich auf deinen Moderationskarten?
Ich habe gar keine. Das Prinzip, ohne zu viel zu verraten, ist so: Ich laufe herum und merke mir Sachen. Die lege ich im Kopf in ein riesiges Apothekerschränkchen mit ganz vielen Schubladen. Da stecke ich einzelne Stücke hinein und auf der Bühne versuche ich, zum richtigen Zeitpunkt und in richtiger Reihenfolge die Schublädchen wieder aufzumachen und die Sachen zusammenzupacken. Der Apothekerschrank wird mit jedem Tag größer und es wird immer komplizierter und schwieriger.

Bringt Satire zwangsläufig Arroganz mit sich?
Ich würde eher sagen, man muss sich im Klaren darüber sein, was man moralisch will. Ein gewisses, gefestigtes, moralisches Koordinatensystem zu haben, das ist hilfreich. Arroganz im Sinne von elitär sein, weil man im Fernsehen auf einer Verkündungsposition steht, wahrscheinlicher eher nicht. Aber es stimmt schon, entweder kannst du dir alles zu Herzen nehmen oder du sagst: Vielen Dank, dass Sie auch eine Meinung haben, aber ich mach dann mal weiter, wie ich das will.

"Danke, dass es dich gibt, Lukas"

Du bist sehr ehrlich zu den Menschen. Viele Leute fassen das als Unverschämtheit auf.
Ja! Und viele Leute denken auch, dass das ein Witz sei. Aber es ist ein wichtiger Punkt für die Arbeit und eine der journalistischen Grundtugenden: Wenn du Fragen stellst, darfst du dich nicht von deinem Gegenüber einschüchtern lassen. Du darfst nicht dessen Geschichte mitdenken, sondern du begegnest ihm auf Augenhöhe, wenn er sich auf deine Augenhöhe begibt. Und dann kannst und musst du alles fragen, was du für relevant hältst. Die Pflicht und Verantwortung hast du, wenn du lustige und vernünftige Interviews machen möchtest. Aber das Schöne ist, dass ich mir keine Gedanken machen muss. Ich bin bei ZDFneo und hab nicht den Auftrag, ein "Wetten, dass?"-Publikum zu erreichen. Es ist lustig, dass Leute das oft als Boshaftigkeit interpretieren, aber da steckt null Boshaftigkeit dahinter.

Jemand, den du schon häufig geärgert hast, ist Lukas Podolski. Hast du dich bei dem mal bedankt, dass er deine Karriere ordentlich vorangetrieben hat?
Mehrfach in Interviews, aber eigentlich sind wir uns gegenseitig zu Dank verpflichtet. Als ich angefangen habe, Lukas zu parodieren ("Lukas' Tagebuch" beim Radiosender 1LIVE, Anm. der Red.), war er noch ein kleines Licht und gemeinsam sind wir gewachsen. Er ist jetzt Multimillionär und ich habe eine Sendung bei ZDFneo. Und wen hat denn wohl das bessere Schicksal erreicht? Nein, ich hab mich mehrfach in Interviews bedankt und kann es nur nochmal wiederholen: Danke, dass es dich gibt, Lukas. Oder: Sänk ju, zät ju ar zere. Because he speaks English now.


Jan Böhmermann

  • Radio- und Fernsehmoderator Jan Böhmermann (32) ist bekannt für seine satirischen Formate.
  • Für 1LIVE erfand er die Parodie "Lukas' Tagebuch", gegen die Fußballer Lukas Podolski eine Unterlassungsklage einreichte.
  • Ab September 2011 war der gebürtige Bremer im Team der "Harald Schmidt Show".
  • Seit dem 31. Oktober läuft "Neo Magazin", seine eigene politischsatirische Sendung, immer donnerstags ab 23 Uhr auf ZDFneo.
  • Ab Februar 2015 läuft das "Neo Magazin" mit Jan Böhmermann im Hauptprogramm des ZDF.
  • Mehr Infos auf Jan Böhmermanns Website und in der ZDF Mediathek

Artikel-Bewertung:

3.05 von 5 Sternen bei 264 Bewertungen.

Passende Artikel

Deine Meinung: