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13. Feb 2013

Christina Scholten

Archiv

UNICUM trifft: Manuel Möglich

-ARCHIV-

Interview zum Start der neuen Staffel von "Wild Germany" auf ZDFneo

Einfach mal anders sein

Zugegeben: Manuel Möglich hat es nicht besonders schwer. Denn "Wild Germany" ist seine  Sendung. Nicht nur, weil er ein sympathischer Reporter ist, der loyal mit jedem noch so seltsamen Menschen umgehen kann und dabei authentisch wirkt. Ja wirklich, authentisch. Dieses Adjektiv, das sonst nur sehr selten im Zusammenhang mit dem Fernsehen verwendet wird. Nein, es ist auch seine Sendung, weil er ihr Konzept in Persona verkörpert: einfach mal anders sein. Und dabei nicht so aufgesetzt zu wirken wie die ZDFneo-Kollegen Jan Böhmermann und Joko Winterscheidt. Abgesehen mal von dem Einspieler, der vor jeder Sendung läuft. Warum gerade dieser so selbstbezogen daher kommt und wie boulevardeske Themen ohne BILD-Niveau dargestellt werden können, erfuhr UNICUM von Manuel Möglich persönlich.

Hallo Manuel, Anfang 30, wohnhaft in Berlin...

UNICUM: ...das ist das Erste, was man im Teaser von "Wild Germany" über dich erfährt. Stellst du dich überall so vor?

Manuel Möglich: Natürlich nicht (lacht). Dahinter steht eher die Idee, direkt am Anfang vorzustellen, wer ich so bin. Und mittlerweile hat sich das so eingebrannt.

Das gibt der Sendung schon zu Anfang einen sehr subjektiven Touch.  Aber auf der Journalistenschule …

… ist es das Schlimmste, was man machen kann.

Warum ist es bei euch anders?

Da muss ich ein bisschen ausholen. Ich glaube zum einen hat es etwas mit meinem Background zu tun. Ich habe lange als Musikjournalist gearbeitet, für Hörfunk und Print, und ich glaube, dass man zum Beispiel über Musik nicht objektiv schreiben kann, weil es zu emotional ist, als dass man einen subjektiven Blickwinkel haben könnte. Zum anderen kennt man ja auch Hunter S. Thompson  [amerik. Journalist und Autor, Anm. Red] und diese ganzen Leute, die das mit Gonzo [subjektive Journalismus-Form, Anm. der Redaktion] weiter getrieben haben. Wenn man mal in den angelsächsischen Raum schaut, nach England mit dem Journalisten Louis Theroux, dass es dort viel mehr den subjektiven Blickwinkel gibt. Wir haben es uns zu Nutzen gemacht, dass man so auch mal eine unsaubere journalistische Blickweise auf ein Thema einnimmt. Der Zuschauer ist dadurch näher dran oder gerät mit mir in einen Konflikt, wenn er eine andere Sichtweise hat. So kann man eine Emotionalität schaffen, die beim ganz sauberen Journalismus verloren geht. Deswegen auch der Trailer, in dem wir mich vorstellen, nicht weil ich eine Art Profilneurose habe, sondern weil das unsere Herangehensweise ist.

"Urteilen – manchmal ja. Aber nicht verurteilen"

Wie schaffst du es bei diesen Themen kein Urteil mit hineinzubringen?

Ich urteile ja manchmal schon. Wenn ich zum Beispiel Kommentare wie: "Ich finde es schwierig, was dieser Mann gerade sagt" abgebe. Das Wichtige ist aber, einen neutralen Blickwinkel zu haben. Und sich nicht von Vorurteilen leiten zu lassen. Natürlich ist auch Mal ein Punkt erreicht, wie gerade in der neuen Staffel zum Thema Pädophilie, an dem es nicht geht. Weil es ein Thema ist, zu dem jeder eine klare Meinung hat, die negativ besetzt ist. Trotzdem lasse ich mich darauf ein, was die mir zeigen, ich möchte mich nicht über sie stellen und urteilen. Also urteilen - manchmal ja. Aber nicht verurteilen.

In der Beschreibung zu der Serie heißt es, das Besondere an den Geschichten sei, dass sie alle in Deutschland stattfinden, obwohl sie gar nicht zum geläufigen Deutschlandbild passen. Was ist deiner Meinung nach das geläufige Deutschlandbild?

Ich glaube, das sind diese Klischee-Bilder: Die Deutschen gehen zum Lachen in den Keller. Oder in Deutschland existiert ein straffer Zug. Aber du siehst das wahrscheinlich ähnlich: es ist schon ein ziemlich liberales Land, im Vergleich zu vielen anderen Ländern. Wir zeigen ja in unserer Sendung jedes Mal wieder, dass hier tatsächlich alles mehr oder weniger möglich ist. Mein persönliches Bild hat sich nicht so sehr geändert, weil ich mich seit eh und je mit Subkulturen beschäftigt habe.

Die Musikauswahl der Sendung ist übrigens sehr gut.

Danke, das freut mich zu hören. Da legen wir auch viel Wert drauf.

Gibt es eine Szene in der neuen Staffel, bei der du denkst: hier passt die Musik perfekt?

Bei der Folge Schamanismus zum Beispiel. Ich treffe da Schamanen, oder Leute, die sich als solche bezeichnen, und nehme an verschiedenen Ritualen teil. Dazu muss man sagen, dass ich kein spiritueller Mensch bin. Aber auf einmal habe ich gemerkt, dass manche Dinge doch bei mir anschlagen. Da gibt es eine Szene, in der alles ganz konfus ist. Da spielen wir von den Pixies: "Where is my mind?". Das finde ich sehr bezeichnend. Es trifft den Zustand, in dem ich mich da gerade befinde, wie ich mich in dieser Situation gefühlt habe.

Vom Umgang mit Menschen, die gerne ein Tier sein wollen

Wann ist denn ein Thema wild genug, um in die Sendung zu kommen?

Wir machen Themen, die eher am Rande passieren und nicht unbedingt im Fernsehen. Die werden dann oft als wild bezeichnet. Aber wir machen ebenso völlig unaufgeregte Themen, die einfach sehr politisch sind. Die genauso in der Tageszeitung oder im Mainstream-Programm stehen könnten. Ich glaube, das Wilde an dieser Sendung ist der Versuch, einen anderen Blick und eine andere Einstellung zu Themen zu finden. Wir sind alle Mitte 30, wir sehen die Dinge anders, als es Leute mit Mitte 50 betrachten würden.

Es sind auch Dinge, die Menschen durch den schockierenden Effekt ansprechen wollen. Was unterscheidet die Sendung vom Bild-Journalismus?

Wir nehmen die Leute ernst, das ist der ganz große Unterschied. Wir verurteilen niemanden, ganz egal, wie absurd diese Sachen sind oder wie boulevardesk es zu sein scheint. Wir verbringen Zeit mit den Menschen, nehmen das Tempo raus. Ich weiß nicht, ob diese Sendung funktionieren würde, wenn sie im Privatfernsehen laufen würde. Man würde da wahrscheinlich viel mehr auf Sensationspunkte hinarbeiten. Ich glaube das macht den riesigen Unterschied, warum wir eher Leute erreichen, die sagen: "Krass, damit habe ich gar nichts zu tun. Aber es ist ok, dass ihr das macht". Das ist es, was uns von Boulevard, Bild und RTL2 und solchen Konsorten unterscheidet.

Erklär das mal an einem Beispiel.

Eine Folge aus unserer neuen Staffel beschäftigt sich mit dem Thema "Furry Fetish", also mit Leuten, die gerne ein Tier sein wollen. Wir sind dafür mit einem Paar unterwegs, sie ist dabei Pferdepflegerin und er möchte das Pferd sein. Dieses Paar meinte, dass sie sich normalerweise nicht filmen lassen würden. Aber sie hätten alte Folgen von "Wild Germany" gesehen. Also haben sie gesagt: "Wir glauben, dass ihr uns ordentlich behandelt und dass ihr euch dafür interessiert. Deshalb seid ihr willkommen, uns zu begleiten." Das ist schon irgendwie ein Lob. Ich finde es wichtig, dass wir die Leute respektieren und nicht in die Pfanne hauen. Denn das ist ja das einfachste, sich über die Leute lustig zu machen, die mit dem Medium Fernsehen keine Erfahrungen haben. Wenn der Schenkelklopfer auf Kosten von jemand geht, dann kann das gerne auf meine Kappe sein.

Ab in den Darkroom

Musst du dich oft überwinden, auf Leute zuzugehen?

Überwindungsängste existieren schon. Bei der Folge über Sicherungsverwahrung in Deutschland sind wir in eine JVA nach Freiburg gegangen. Da habe ich mit einem Mann gesprochen, der Minderjährige missbraucht hat – das ist es mir schwer gefallen. Es gibt immer wieder Momente, in denen man sich überwinden muss. Als wir diese Bugchasing-Folge [absichtliche Selbstinfektion mit HIV, Anm. der Red.], gedreht haben und ich in diesen Darkroom hinein gegangen bin, zum Beispiel. Das war so eine spontane Idee, ich glaube, wenn ich da im Vorhinein überlegt hätte, hätte ich das für absurd gehalten.

Stumpfen diese Erlebnisse dich ab?

Ich glaube, es gibt zwei Möglichkeiten. Entweder man kann abstumpfen und zynischer werden. Das ist mir zum Glück nicht passiert. Ich würde eher sagen, dass ich durch "Wild Germany" Toleranz für mich noch einmal neu definiert habe. Ich hab das Gefühl, dass ich schon immer ein sehr toleranter Mensch war, aber das denken ja eh alle über sich. Aber ich habe an manchen Punkten gemerkt: die Angst, auf Leute zuzugehen, ist meistens eine Barriere im Kopf.

Wild Germany, Donnerstags um 23.30 auf ZDFneo



Die sechs Reportagethemen der vierten Staffel:

  • 14.02.13 – Schamanismus
  • 21.02.13 – Pädophilie
  • 28.02.13 – Live Action Role Play
  • 07.03.13 – Waffen
  • 14.03.13 – Alltagsdrogen
  • 21.03.13 – Furry Fetisch

 

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