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01. Feb 2013

Jan Thiemann

Archiv

UNICUM trifft: Ottmar Hitzfeld

-ARCHIV-

Der Nationaltrainer der Schweiz im Interview

"Gegen Spielende habe ich einen Puls gegen 180"

UNICUM: Wie empfinden Sie die körperliche Belastung während eines Spiels? Es ist mal gemessen worden, dass Trainer am Spielfeldrand einen dauerhaften Puls von 120 haben.

Ottmar Hitzfeld: Ich habe gerade gegen Spielende einen Puls gegen 180, zum Beispiel wenn man zurückliegt oder es ein knappes Ergebnis ist. Denn das Ergebnis ist ja immer das Wichtigste für die Arbeit eines Trainers. Deswegen weiß man genau, wie wichtig jede Minute ist. Und darum geht der Puls dann hoch in den letzten Minuten.

Gleichzeitig liest man in Artikeln über Sie oft Begriffe wie "selbstbeherrscht", "asketisch" und "diszipliniert".

Ich glaube, das gehört zu meiner Mentalität. Disziplin ist für mich sehr wichtig. Es geht ja um den gegenseitigen Respekt, den ich immer in meiner Arbeit mit einfließen lassen wollte. Ich finde das ganz normal, dass man verschiedene Regeln, die man aufstellt, auch einhält, sonst braucht man keine Regeln. Und ich hasse es, wenn man einen Termin abmacht und jemand kommt eine Viertelstunde später und tut, als ob das normal wäre.

Waren Sie schon immer so? Das klingt ja nach dem Traum aller Eltern?

Als Kind kam ich meistens zu spät nach Hause. Früher musste ich um fünf oder halb sechs zuhause sein, aber ich habe immer Fußball gespielt und die Zeit vergessen.

"Abends trainiert, tagsüber studiert"

In Ihrer Familie gab es viele Lehrer. Hat das dann auch Ihr Studienfach beeinflusst, schließlich haben Sie Mathematik und Sport auf Lehramt studiert?

Bei mir war es eher mein Geburtsort Lörrach, wo man an der Pädagogischen Hochschule den Abschluss im Lehramt machen konnte. Ich wollte erst Volkswirtschaft studieren, dafür musste ich nach Mannheim, aber ich wollte nicht von zuhause weg, denn ich hab schon als Kind oft sehr viel Heimweh gehabt. Mir ist es immer schwergefallen, in einen anderen Ort umzuziehen, weil ich schon sehr heimatverbunden war.

Sie haben parallel zu Ihrem Studium auch Ihre Profi-Karriere als Fußballer begonnen.

1973 habe ich das Erste Staatsexamen gemacht, da war ich bereits zwei Jahre Fußballprofi beim FC Basel. Wir haben dort abends trainiert, deshalb konnte ich tagsüber studieren.

Was haben Sie für Erinnerungen an Ihre Studienzeit?

Es hat mir immer sehr viel Spaß gemacht. Und es war meine Motivation, das Erste Staatsexamen zu schaffen, auch wenn man vier Wochen vor der Staatsprüfung noch mit dem FC Basel in Acapulco zwei Wochen im Trainingslager war. Ich lag dann im Liegestuhl am Meer oder am Pool und habe pro Tag 20 bis 30 Seiten auswendig gelernt.

Ich war sehr beeindruckt von der Geschichte, wie Sie als Amateurspieler zum FC Basel gekommen sind: Sie haben einfach den damaligen Trainer Helmut Benthaus angerufen und um ein Probetraining gebeten. Wie viel Überwindung hat das gekostet?

Das hat große Überwindung gekostet, denn früher war man es nicht gewohnt zu telefonieren. Man durfte auch nicht oft telefonieren, denn das kostete ja Geld. Meine Eltern waren gerade für drei Tage weg und da habe ich den Entschluss gefasst, dass ich Helmut Benthaus anrufe. Dann habe ich mir vorher gut überlegt, was ich sage. Ich habe alles auswendig gelernt, was ich sagen kann, und hab mich dann bei ihm vorgestellt.

Ist Ihnen so etwas selbst auch einmal als Trainer passiert, dass bei Ihnen jemand angerufen hat und gesagt hat: Hier bin ich?

Nein, aber man bekommt schon Bewerbungsschreiben. Und das schaue ich mir sicher mit anderen Augen an, weil ich mich selbst auch so beworben habe.

"Ich wollte Lehrer werden, wenn ich als Fußball-Profi aufhöre"

Gibt es Elemente aus Ihrem Studium, die Ihnen als Trainer später geholfen haben?

Natürlich. Die pädagogische Seite ist ja auch als Trainer sehr wichtig. Pädagogik, Psychologie und vor allem Didaktik, davon hab ich viel profitieren können.

Sie waren beim FC Basel auch sehr schnell erfolgreich, 1972 auch im Kader der Olympischen Spiele. War es dann doppelt schwer, sich für das Studium zu motivieren?

Nein, ich wollte Lehrer werden, wenn ich als Fußball-Profi aufhöre. Deshalb hätte ich niemals auf das Examen verzichtet. 1983 habe ich mit dem Fußball aufgehört. Aber dann hat das Lehramt in Freiburg gesagt, ich wäre zehn Jahre nicht mehr im Schuldienst gewesen und müsse eine Nachprüfung machen. Das war für mich ein Schock und da war ich sauer und habe gesagt: Okay, dann versuch ich es als Trainer. Sonst wäre ich nicht Trainer geworden. Mein Ziel war es eigentlich, Lehrer zu sein und nebenher in der Amateur-Liga zu trainieren. Damit hätte ich dann meine Miete bezahlen können, so war die Planung. (lacht)

Woher haben Sie denn, wie bei dem Anruf bei Helmut Benthaus, den Mut genommen, zu sagen: Ich probiere das jetzt als Profi-Trainer?

Früher war ich eigentlich schüchtern und habe mich in der Schule nur wenig gemeldet, weil ich Angst hatte, dass ich vielleicht etwas Falsches sage. Ich war nicht so extrovertiert, sondern eigentlich eher verschlossen. Umso mehr Kraft hat es dann gekostet, solche Entscheidungen zu treffen und durchzuführen.

"Ich bin nicht der Kumpel der Spieler"

Was für Sie elementar ist in Ihrer Arbeit als Trainer?

Das Elementare ist, dass man offen und ehrlich ist. Man hat ja immer ein Spannungsverhältnis: Es gibt 22 Spieler, elf können nur spielen. Das macht keinen Sinn, einem Ersatzspieler etwas zu versprechen, was man nicht halten kann. Ich glaube, das Wichtigste im Umgang mit Menschen ist es, Vertrauen zu schenken. Und das wurde oft belohnt.

Ob als Trainer oder Führungskraft ist es doch sicher das Härteste, was einem abverlangt wird, jemandem zu sagen, dass er nicht gut genug ist?

Der Trainerberuf ist da schon strapazierender als andere Berufe. Das sind Gespräche, die unangenehm sind, wenn man Spielern mitteilen musste, dass sie nicht spielen. Dann waren die Spieler nicht mehr aufnahmefähig. Und wenn man ihnen dann die Begründung gesagt hat, haben sie schon gar nicht mehr zugehört, weil die Enttäuschung so groß war. Das hat viel Kraft gekostet, aber das ist für mich ein Prinzip meiner Arbeit.

Was glauben Sie, wen hat das mehr Kraft gekostet, Sie oder Ihren Gegenüber?

Beide. Die Spieler sind enttäuscht, distanzieren sich erst einmal auch vom Trainer und begreifen das nicht. Aber der Trainer muss ja die Entscheidung treffen.

Was für ein Verhältnis haben Sie zu Ihren Spielern?

Ich habe ein eher distanziertes Verhältnis, weil der Respekt groß ist, aber auch die Distanz. Wenn man die Spieler zu nah an sich heranlässt, geht auch der Respekt verloren. Die Autorität aufrechterhalten kann man nur, wenn man eine gewisse Distanz hat. Ich hab immer Mühe damit gehabt, nach einer Meisterfeier mit den Jungs noch in die Disco zu gehen, weil dann die Spieler angetrunken sind und zu einem Trainer noch mehr Nähe suchen. Das kann dann auch etwas zerstören. Denn ich bin nicht der Kumpel der Spieler, sondern ich bin deren Chef.

Sie sind sehr heimatverbunden, legen Wert auf professionelle Distanz und Werte. Da haben Sie sich mit dem Beruf des Fußballtrainers eigentlich genau das Falsche ausgesucht, denn dort ist man ja ständig unterwegs und hat immer mit Emotionen und Konflikten zu tun?

Das ist richtig. Das widerspricht sich im Großen und Ganzen. (lacht) Zum Glück hab ich nicht gewusst, was auf mich zukommt. Wenn ich gewusst hätte, wie hart man sein muss, welch harte Entscheidungen man treffen muss und dass ich insgesamt 12 Mal umziehen musste, dann hätte ich mir das wahrscheinlich nicht zugetraut. Aber es war vielleicht schon immer in mir drin, diese Leidenschaft für den Fußball.


Kurz & kompakt

  • Ottmar Hitzfeld (64) ist einer von drei Trainern, die mit zwei Vereinen (Borussia Dortmund, Bayern München) die Champions League gewannen.
  • Der ausgebildete Mathematik- und Sportlehrer ist seit 2008 Trainer der Schweizer Nationalmannschaft, die er zur WM in Südafrika führte.
  • Als Spieler nahm er im deutschen Nationalteam 1972 an den Olympischen Spielen in München teil.
  • 2008 wurde Europas höchster Fußballplatz in der Nähe des Matterhorns nach ihm benannt.

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