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28. Feb 2013

Christoph Köchy

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UNICUM trifft: Pokerstar Sandra Naujoks

-ARCHIV-

Von der Uni an den Pokertisch: Die professionelle deutsche Pokerspielerin im Interview

"Ich will immer gewinnen!"

UNICUM: Nach Dortmund, den Ort deines großen Triumphes, zurückzukehren ist sicherlich etwas Besonderes für dich, oder?

Sandra Naujoks: Verbrecher kehren ja auch immer wieder zum Tatort zurück und daher habe ich auch dieses Mal die Beute ganz fest im Visier.

Wie oft denkst du noch an den großen Titel?

Wie oft denkt Boris an Wimbledon? Natürlich werde ich auch häufig darauf angesprochen und dann habe ich immer noch ein breites Grinsen im Gesicht.

Oft heißt es dann hinterher etwas platt, ein gewonnener Titel habe "das Leben verändert"…

Das Leben verändert sich schon, auf einmal bist du ja allein finanziell schon in einer ganz anderen Position. Das ist etwas, was ich vorher gar nicht so kannte. Meine Freunde haben mir aber bestätigt, dass sich meine Persönlichkeit nicht zum Negativen verändert hat.

Die "alten" Freunde oder die, die von der großen Kohle angelockt wurden?

Damit habe ich keine schlechten Erfahrungen gemacht. Du benötigst als Pokerspielerin durchaus ein wenig Menschenkenntnis und das hat mich vermutlich davor bewahrt, oberflächliche Freundschaften einzugehen.

Was hast du mit dem Haufen Geld gemacht? Ausgegeben oder für Startgelder gespart?

Sowohl als auch. Ich habe meiner Familie und mir ein paar Wünsche erfüllt, z.B. ein paar kostspieligere Reisen unternommen, als es sonst möglich gewesen wäre. Ich habe das also schon auch genossen.

Gehst du die Turniere seitdem etwas lockerer an?

Natürlich ist durch das veränderte Verhältnis von Startgeld zum Einkommen der finanzielle Druck nicht mehr ganz so groß, aber wir sind ja hier nicht bei Olympia mit seinem Motto "Dabeisein ist alles", ich will immer gewinnen und somit ist der Erfolgsdruck der gleiche geblieben.

Kann dieser Druck und der Nervenkitzel denn auf Dauer gut sein?

Ich bin überzeugt davon, dass eine Pause ab und an sinnvoll ist. Ich habe mein Spielpensum auch ein wenig reduziert, um mir ein wenig mehr Freizeit und Ruhe zu gönnen und wenn ich dann einmal zwei Wochen gar nicht gespielt habe, sieht die Welt schon wieder ganz anders aus.

Du hast kürzlich bei der European Poker Tour in Frankreich mit Ass/König alle deine Chips in die Mitte geschoben, dein Gegner deckt Ass/Dame auf und trifft mit der letzten Karte die Dame. Warum bist du in dem Moment nicht völlig ausgerastet?

Erstaunlicherweise ist es so, dass du dich an solche Situationen gewöhnst. Je mehr du spielst, desto häufiger passiert es, dass gute Hände einfach nicht halten wollen.

"Ich bin froh und dankbar, dass ich diesen Job habe"

Als du einmal vom Tisch aufgestanden und weggegangen bist, sagte einer der Kommentatoren: "Da gehörst du hin, Sandra, auf den Laufsteg ...

"Das ist einfach das Schicksal von Frauen beim Poker, vor allem wenn sie nicht aussehen wie ein Toaster. Darauf wirst du dann immer mal wieder reduziert und dagegen hilft offensichtlich noch nicht einmal ein Titelgewinn …

[Kurze Pause, Boris Becker kommt rein und möchte Sandra begrüßen. Fragt beim Rausgehen, ob er stört und schließt die Tür bevor ich antworte. Aber kein Thema, Boris darf das.]

Als Nicht-Toaster wirst du dann wie häufig am Tisch angebaggert?

Gar nicht, die haben ja alle Angst vor mir…

Du kannst ja auch austeilen, neulich hast du das Outfit der Cascada-Sängerin Natalie Horler als "Herbertstraßen-Kostüm" bezeichnet. [Anmerk. der Red.: Die Hamburger Herbertstraße wird von Prostituierten genutzt]

Das war aber auch wirklich schlimm. Eine weibliche Figur finde ich super, aber dann bitte auch das Richtige dazu anziehen.

Wenn du kein Poker Pro wärst, was würdest du dann vermutlich gerade machen?

Da will ich gar nicht so genau drüber nachdenken, ich bin froh und dankbar, dass ich diesen Job habe.

In meinen Ohren klingt es auch besser, in der Karibik zu pokern und Bahama Mamas zu schlürfen als mit Schülern die Glocke zu lesen …

Absolut.

Einige unserer Leser könnten jetzt auch auf die Idee kommen ihr Studium abzubrechen, welche Tipps hast du für das Gespräch mit den Eltern?

Da gibt es kein Rezept. Ich bin einfach nach Hause gekommen und habe verkündet, dass ich Pokerprofi werde, woraufhin ich in zwei völlig verzweifelte Gesichter schaute. Meine Eltern haben mich im Studium auch finanziell unterstützt und hatten demnach eine völlige Fehlinvestition vor sich stehen. Am Ende ist es aber ja gut gegangen und es war für mich die richtige Entscheidung.

Nun kann man Poker etwas länger spielen als Tennis, aber wenn du irgendwann deine Karriere beenden möchtest, wäre so ein abgeschlossenes Studium vielleicht schön gewesen …

Moment, ich habe ja Lehramt studiert, da hält sich der Verdienst schon in Grenzen …

Dafür zahlt der Staat aber bis an dein Lebensende, während PokerStars möglicherweise den Vertrag beendet, wenn du gebrechlich am Tisch sitzt und Herz und Karo verwechselst!

Auch wieder wahr… Frag mich in zehn Jahren noch mal!

Wie sehr ist der Erfolg planbar? Ich möchte nämlich auch gerne beruflich in der Karibik pokern, wie wahrscheinlich ist es, dass ich das packe?

Vor zu hoher Erwartungshaltung möchte ich eher warnen. Ich kann nur jedem raten, online anzufangen und Hände zu spielen, Hände zu spielen und Hände zu spielen. Die Erfahrung ist ein wesentlicher Faktor und online lacht dich dein Nachbar auch nicht aus, wenn du die Könige weg wirfst. Je mehr du spielst, desto besser wirst du, aber natürlich gibt es auch hoffnungslose Fälle, bei denen das selbst mit Proficoach in diesem Leben nichts mehr wird.

Also, sehen wir uns dann in Vegas bei der World Series of Poker?

Ich werde da sein. Ob du es auch packst, sehen wir ja dann.


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