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12. Jul 2012

Ann-Christin Kieter

Archiv

UNICUM trifft: Skispringer Severin Freund

-ARCHIV-

Die nächste Vierschanzentournee startet am 29. Dezember

"Ich bin gern oben dabei. Das hat der Leistungssport so an sich"

UNICUM: Nach den großen Erfolgen von Sven Hannawald und Martin Schmitt suchen die Medien nach einem neuen, deutschen Aushängeschild. Wie fühlt es sich an, dass mal alle Augen auf dich gerichtet sind und dann wieder auf einen deiner Team-Kollegen, wie Richard Freitag?
Severin Freund: Gut! Es zeigt, dass wir nicht nur einen haben, der da anknüpfen kann. Wir können eher über die Jahre ein starkes Team nach vorne bringen.

Und welche Rolle gefällt dir besser? Die des Jägers oder des Gejagten?
Ich bin natürlich gern oben dabei. Das hat der Leistungssport so an sich. Am besten ist, wenn ich selber gut springe, aber aus der Mannschaft auch noch zwei, drei andere vorne mit dabei sind. Ganz überspitzt formuliert: Wenn ich am Ende des Winters Zweiter des Gesamtweltcups werde, dann wäre es mir lieber, wenn noch ein Deutscher vor mir wäre als ein anderer.

Zu den "anderen" gehören vor allem auch die Österreicher. Ich habe gelesen, sie seien deshalb so erfolgreich, weil sie ein besonders gutes Mentaltraining haben. Was ist denn da dran?
Das beste Mentaltraining ist das für dich geeignete. Wenn du in Form bist, dann springst du gut. Was dich zu der Form bringt, ist im Endeffekt egal. In unserer Sportart ist der Kopf wahnsinnig entscheidend. Du kannst im Training alles hundertmal richtig machen, aber dann kommt Zeitpunkt X mit den drei Zehntel Sekunden am Absprung, wo alles passen muss.

Ist es nicht verrückt, dass ihr mit 90 km/h die Schanze runterfahrt, um dann ein Stück zu fliegen?
(lacht) Ist 90 Minuten hinter einem Ball herzurennen nicht genauso wahnsinnig? Mir macht es sehr viel Spaß, die Sportart auf einem Niveau betreiben zu können, wo du auch mal richtig ins Fliegen hineinkommst. Die Geschwindigkeit nehme ich sowieso nicht wahr. Ich mache das jetzt so lange, ich habe überhaupt keine Überwindung mehr, darunterzufahren. Es gibt zwar Nervenkitzel-Momente – bei schwierigen Bedingungen zum Beispiel –, aber das reine Springen ist quasi Tagesgeschäft.

"Ich bin nicht der Typ, der in den Wald geht und Bäume anschreit"

Wie fühlt es sich an, dort oben auf dem Balken?
Sobald man auf dem Balken sitzt, läuft sowieso nur noch ein Film ab. Wenn man sich Gedanken macht, dann vorher. Ich persönlich konzentriere mich nur noch auf das Startsignal durch den Trainer beziehungsweise die Ampel. Ich habe nur noch eine periphere Wahrnehmung. Zuschauer sehe ich zum Beispiel gar nicht.

Wann ist der Moment, in dem ihr wieder psychisch "anwesend" seid?
Erst, wenn du unten stehst. Das ist etwas, was total schade ist. Du kriegst, wenn du einen guten Sprung gemacht hast, den Jubel gar nicht mit.

Ihr wirkt dadurch immer so abgeklärt. Kannst du auch mal richtig ausrasten?
Ich bin grundsätzlich nicht der Typ, der in den Wald geht und Bäume anschreit. Aber irgendwann habe ich begriffen, dass es nichts bringt, sich tagelang über ein schlechtes Ergebnis zu ärgern. Da bin ich lieber mal eine halbe Stunde lang richtig schlecht drauf. Deswegen bin ich ganz froh, immer mit Richard Freitag auf dem Zimmer zu sein. Der ist jemand, bei dem ich laut sein kann und der vielleicht auch mal zurückschreit. Das Schlechte an unserem Sport ist, du kannst danach nicht einfach mal drei Stunden laufen gehen und dich beim Training auskotzen. Wir haben immer nur kurze Belastungszeiten, die dann zwar sehr hoch sind, aber wir machen nie monoton dasselbe. Deswegen musst du irgendwelche anderen Ventile finden.

Macht ihr zum Üben eigentlich wirklich so oft die "Dirty Dancing"-Hebefigur, bei der ihr eurem Trainer auf die Arme springt?
Ja! Aber das ist eine von den Trainingsformen, die ich nicht so wahnsinnig gerne mache.

Dann ist es ja Glück für euren Trainer, dass ihr als Athleten so leicht seid. Aber ist es schwer für dich, dein Gewicht (67 Kilo bei 1,85 m) zu halten?
Wir müssen relativ dünn sein und trotzdem Muskeln aufbauen. Deshalb haben wir einfach wenig Fett. Wenn du nicht eine gewisse körperliche Anlage mitbringst, dann wird das auch nichts werden. Denn irgendwann würde es dir auf den Geist gehen. Ich weiß mein Gewicht, das ich haben muss, damit ich fliege. Dafür muss ich aber nicht zehn Wochen vorher anfangen mit einem Hungerprogramm.

Was ist denn dein persönliches Ziel für die anstehende Vierschanzentournee?
Letztes Jahr wollte ich unter die Top 10 kommen und habe das geschafft, obwohl ich die beiden letzten Springen eher in den Sand gesetzt habe. Deswegen will ich dieses Jahr auf jeden Fall eine konstantere Tournee springen und dabei natürlich auch noch weiter vorne stehen. Wie weit vorne, liegt dann eben auch an den Konkurrenten.


Kurz & kompakt

  • Severin Freund gehört seit der Saison 2007/2008 zum deutschen Skisprung-Weltcup-Team, der Durchbruch gelang 2011 mit dem Weltcup-Sieg im japanischen Sapporo.
  • Nach einem Bandscheibenvorfall im April 2012 feierte er sein Comeback im Oktober gleich mit einem Sommer-Grand-Prix-Sieg.
  • Bei der vergangenen Vierschanzentournee wurde er Siebter, die nächste startet am 29. Dezember.
  • Am 24. November bzw. 01. Dezember feierte Severin in Lillehammer und Kuusamo seine Weltcup-Siege Nummer 3 & 4
  • Momentan trägt Freund das Gelbe Trikot des Gesamtweltcup-Führenden. 
  • Seit 2008 studiert er International Management, einen speziellen Bachelor-Studiengang für Spitzensportler, an der Hochschule Ansbach.

 

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