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10. Dez 2016

Jan Thiemann

Archiv

UNICUM trifft: Steven Gätjen

-ARCHIV-

Der Moderator, Filmexperte und Amerika-Kenner im Interview

"Diese Kritik im Internet verletzt einen schon"

Stimmt es, dass du während deiner Abizeit zusammen mit deinem Bruder Hauspartys veranstaltet hast?
Ja, und zwar sagenumwobene Partys. Wir haben vom 16. bis zum 21. Lebensjahr über 100 Partys bei uns zu Hause in Hamburg gemacht. Meine Eltern sind dann immer ins Hotel gegangen. Die haben Samstagmittag gesagt: "Feuer frei, aber wenn wir am Sonntag zurück in die Wohnung kommen, ist die auch aufgeräumt." Es waren dann immer alle Freunde dabei. Die haben mit angepackt, die Möbel in den Keller getragen, alles dekoriert. Und dann ging’s los.

Kann man das als erste Vorbereitung auf den Samstag-Abend-Gastgeber sehen, wie jetzt als Moderator bei "Schlag den Raab"?
Ich bin ja nicht nur der Gastgeber, ich bekleide verschiedene Rollen in meinem Job. Bei "Schlag den Raab" sehe ich mich als jemand, der viele Fäden zusammenführt und hält. Ich bin nicht der Star, sondern das sind die Show und Stefan.

Nach deiner Premieren-Sendung gab es einen regelrechten Shitstorm im Netz.
Stefan Raab hat vorher zu mir gesagt: "Du wirst mindestens ein Jahr lang Feuer kriegen. Es werden dich viele nicht mögen. Und das größte Problem wird sein, dass sie Matthias Opdenhövels 26. Sendung mit deiner ersten vergleichen." Dieser Shitstorm, der da kam, war schon schwierig, weil so etwas nie konstruktiv ist, sondern immer destruktiv. Diese Kritik im Internet verletzt einen schon. Aber auch die von den schreibenden Kollegen, die keinen Zynismus verstehen.

"Die MTV-Zeit war wie Studentenleben"

Steven Gätjen OscarsWas meinst du damit?
Beim Oscar hatte ich einmal Kate Winslet am Mikrofon und wir haben ein bisschen gescherzt. Ich hab sie gefragt: "Drehst du jetzt Titanic Zwei?" Worauf sie meinte: "Dir ist schon klar, dass das Schiff untergegangen ist." Und der Kollege von der Süddeutschen Zeitung schrieb: "Wieso sagt Steven Gätjen, er sei Kino-Experte, und weiß noch nicht einmal, dass die Titanic untergegangen ist?"

Das klingt ganz schön hart.
Was man in diesem Job braucht, sind einfach eine tolle Familie und tolle Freunde. Ich finde, man muss immer wissen, für wen man das macht und warum. Das habe ich nie verloren, weil ich mir alles hart erarbeiten musste. Ich habe in meiner Karriere so häufig gesagt bekommen: "Steven, du wirst bei uns nicht moderieren!" Bei MTV hab ich das gehört, beim Radio, bei Pro7. Das hat mich geprägt.

Neben deinen Nehmerqualitäten hast du aber auch in den ersten Jahren bei MTV extrem viel gearbeitet, oder?
Damals in London hatte ich eine Redaktion hinter mir und mir war immer wichtig: Ich muss vor denen da sein und ich geh auch nach denen. Sonst ist es nicht legitim, dass ich deren Chef bin. Ich bin nicht derjenige, der sagt: "Ich hör jetzt mal auf." Einmal hab ich den Einsatz auf der Funkausstellung für MTV geplant, etwas, was ich vorher noch nie gemacht hatte. Und als meine Mutter anrief und mich fragte, wie es mir ginge, hab ich darauf hin so angefangen zu flennen, das war einfach zu viel. Ein Burn-out war das nicht, aber schon ein Nervenzusammenbruch.

Du bist dann 2002 mit deinem Bruder in die USA gegangen und ihr habt dort einige Monate gelebt, gearbeitet und auch an der Uni studiert.
Ja, ich habe an der University of California Kurse besucht, habe für E!News, einem Entertainment Channel im amerikanischen Fernsehen, gearbeitet. Aber wir haben uns es natürlich auch gut gehen lassen.

War das ein bisschen die nachgeholte Studentenzeit?
Nein, es war nichts nachzuholen. Die MTV-Zeit war wie Studentenleben (lacht). Es war einfach so: Mein Bruder und ich haben beide den amerikanischen Pass, also haben wir gesagt: Let’s do it!

"Kino ist meine Steckdose, um den Akku wieder aufzuladen"

Darfst du mit deiner doppelten Staatsbürgerschaft eigentlich auch im November den Präsidenten wählen?
Ja, ich darf den Präsidenten wählen und werde es auch auf jeden Fall machen.

Wer kriegt deine Stimme?
Für mich gibt es da keine zwei Meinungen. Die Republikaner sind mir zu konservativ und stehen für das Amerika, was ich verabscheue. Deshalb ist für mich Barack Obama jemand, an dem man nicht vorbeikommt.

Das Auf und Ab in der Karriere. Nun das Happy End mit den Samstagabend-Shows. Klingt ein bisschen nach Hollywood-Kino. Wenn das dein Film wäre, wie wäre der Titel?
"The Good, the Bad and the Ugly" (lacht). Es gibt einen Song von Kate Bush und Peter Gabriel "Don’t give up". Das würde passen.

Woher kommt deine Liebe zum Kino?
Mein Vater ist mit uns schon früher oft ins Kino gegangen. Ich hatte immer schon Kino im Kopf. Das ist für mich meine Steckdose, um den Akku wieder aufzuladen.

Hast du bestimmte Rituale, wenn du ins Kino gehst?
Ich hasse es, das Vorprogramm zu verpassen, das ist für mich Kult. Und ich bleibe bis zum Abspann sitzen. Eine Zeit lang habe ich mir mit meinem Bruder den Spaß gemacht, bei den amerikanischen Filmen zu zählen, wie viele "Stevens" in der Produktion mitgeholfen haben. Und dann gab‘s die magischen Grenzen: 5 sind cool, 10 sind super, 15 sind das Größte.

Das Größte ist für dich sicher auch immer dein Einsatz am roten Teppich der Oscars. Wie bereitest du dich vor?
Ich gucke mir wirklich jeden Film an. Mit einem Redakteur zusammen erstelle ich zudem einen Oscar-Almanach von A bis Z, einen Riesenwälzer. Dann setzen wir uns jeden Tag eine Stunde zusammen, fragen uns gegenseitig ab und überlegen, was für Fragen wir den Stars stellen können.

Wenn du am roten Teppich stehst, gibt es da auch Momente, wo du denkst: Liebe Leute, es ist doch nur ein Film?
Ich denk einfach nur: "Wie genial ist das denn?! Rock’n’Roll!" Ich genieße einfach die Atmosphäre. Hier in Deutschland ist das Publikum immer so unterkühlt. Das merke ich hier ganz häufig auch bei den Premierenfeiern. Wenn du hier einen Superstar wie Will Smith mal auf der Bühne stehen hast, da ist das Berliner Publikum so drauf (klatscht gedämpft). Und ich denke: "Hey, das ist Will Smith. Das ist doch großartig, dass er da ist. Freut euch doch mal!"


Kurz & kompakt

  • Steven Gätjen kam in Phoenix, Arizona zur Welt und hat deshalb den deutschen und den amerikanischen Pass.
  • Der Moderator hat zwei jüngere Brüder: Daniel ist Mediziner, Andy Gätjen ist Schauspieler ("Operation Walküre").
  • Steven Gätjen war ebenfalls schon auf der Leinwand zu sehen, unter anderem in "Real Steel" oder im Fernsehen als verliebter Student in einer Folge von "Inga Lindström".
  • Als Moderator arbeitete er schon in England und den USA, wo er seit Jahren der einzige deutsche Interviewer bei den Oscar-Verleihungen am roten Teppich ist.
  • Für die Kinokette CinemaxX präsentiert er ein eigenes Film-Vorprogramm.

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