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17. Nov 2011

Martin Przegendza

Archiv

UNICUM.de trifft Joscha Sauer

-ARCHIV-

"Cartoons sind eine klassische Klolektüre"

UNICUM: Mein erster Kontakt mit Nichtlustig war auf dem Klo. Ich musste nur mal kurz, blieb dank deiner Cartoons aber über 20 Minuten im Bad. Ist Nichtlustig eine typische Klolektüre?
Joscha Sauer: Das höre ich immer wieder. Cartoons sind eine klassische Klolektüre. Das ist auch das Schöne daran. Du kannst überall einsteigen, aber auch überall wieder aussteigen, wenn du fertig bist, mit dem, was du auf der Toilette so machst.

Du zeichnest jedem auf der Signiertour einen personalisierten Cartoon. Gehen dir da nicht nach ein paar Stunden die Ideen aus? Und viel schlimmer: Droht dir nicht bald eine Sehnenscheidentzündung?
Ne, überhaupt nicht. Trotz sechs Stunden Signiermarathon ist da noch nie was passiert. Ich hoffe, das bleibt auch so. Was da eher nachlässt, ist das Hirn. Kleinigkeiten wie "Ist das 'für Marc' mit C oder K?". Die personalisierten Cartoons sind für mich so eine Art Impro-Comedy. Wenn sich einer vor mich hinstellt und einfach sagt "Lemminge", dann greife ich natürlich auf bestimmte vorgefertigte Sachen zurück. Wenn jemand aber nach einem Ninja und einer Gießkanne fragt, ist das was anderes. 

Das klingt nach Stand-Up-Comedy.
Ja, es hat tatsächlich was davon. Ich sehe Signierstunden als die kleinsten Stand-Up-Auftritte der Welt. Ich habe eine Person als Publikum und zwei Minuten, um eine Pointe abzuliefern, die idealerweise erst mit dem letzten Strich erkennbar wird.

Ist dein Humor eigentlich typisch deutsch?
Ich weiß nicht, ob es so etwas wie deutschen Humor gibt. Ich habe nicht das Gefühl, "englischen", "jüdischen" oder "schwarzen" Humor zu haben. Ich finde es erst dann interessant, wenn Humor überraschend ist. Er kann erst lieb und süß sein und dann bitterböse. Der Bekanntheitsgrad von Nichtlustig ist aber was sehr deutsches. Auch wenn die Bücher in Russland, in Spanien und in Italien erschienen sind, ist das da nie so abgegangen. 

Hast du eine Lieblingsfigur oder einen Lieblingscartoon?
Das ist die Frage nach dem Lieblingskind. Nicht wirklich. Ich mag die aktuelleren Sachen immer mehr, weil ich zu denen mehr Bezug habe. Es gibt natürlich auch ein paar Klassiker, bei denen ich mir denke, da habe ich einen guten Lauf gehabt. 

Joscha Sauers Karriere als Comiczeichner war nie geplant

Ich habe gelesen, dass du als Schüler gesagt hast, du willst nie Comiczeichner werden. Und trotzdem bist du hier gelandet. Was ist schief gelaufen?
Ich habe Gott sei Dank das goldene Los gezogen. Als ich 2000 meine Webseite gestartet habe, wollte ich eigentlich nur für ein paar Monate Cartoons im Internet veröffentlichen, bis ich "was richtiges" finde. Auftragsarbeiten haben mich immer abgeschreckt. Das Ganze hat sich von da an verselbstständigt.

In deinen Anfangstagen musstest du von Wasser und Cornflakes leben.
Das hört sich immer schlimmer an als es ist. Ich wusste, selbst wenn das hier nicht klappt, falle ich weich. Ich hatte aber zu viel Ehrgeiz es zu schaffen und zu viel Stolz, um wieder zu meinen Eltern zu ziehen. Dann habe ich mich eben für eine Woche von Cornflakes und Wasser ernährt, weil ich wusste, dass von irgendwo wieder Kohle reinkommen würde. Ich habe mich aber nie gut gefühlt, wenn ich etwas allein aus finanziellen Gründen getan habe.

Viele Künstler sind nur kreativ, wenn sie unter finanziellem Druck stehen. Andere brauchen eine gewisse Grundsicherheit. Wie ist das bei dir?
Ich halte nichts von der brotlosen Kunst Kiste. Mir war es immer wichtig, zumindest soviel Geld zu haben, dass ich mir darüber keine Sorgen machen muss. Ich wollte einfach tun können, was ich will, ohne ständig aufs Geld schauen zu müssen. Mich treibt weniger der finanzielle Druck an, sondern eher der Zeitdruck. Ich schiebe nach wie vor gerne Sachen vor mir her. Nicht, weil ich faul bin, sondern weil eine Idee erst in meinem Kopf reifen muss. 

Dein Charakter Herr Riebmann, der zwischen den Wänden seines Nachbarn wohnt, ist mit Sicherheit deine schrägste Figur. Wie ist die Figur entstanden?
Ich liebe Mikrokosmen. Ob das jetzt Riebmann mit der Wand, oder die Lemminge mit dem Klippenspringen sind, die Yetis mit ihrer Eishöhle oder der Dino mit der Zeitmaschine – ich finde es immer schön, wenn ein Setting einen eigenen Charakter bekommt. Und das war bei Herr Riebmann von Anfang an durch die extreme Limitation gegeben.

Er ist sicherlich die Figur, die am meisten polarisiert. Es gibt Leute die ihn abfeiern und Leute die absolut nichts mit ihm anfangen können. Die Idee entstand im Jahr 2000. Ein Kollege von mir hat gerade Zivildienst gemacht und hatte eine unglaublich kleine Dienstwohnung. Irgendwann plagten ihn Geldprobleme und er überlegte, die gefühlt 15m² große Wohnung noch unterzuvermieten. Einen Abend saßen wir zusammen und haben uns aus Jux überlegt, wo er überall Leute wohnen lassen könnte. 

Wer ist cooler: Spider-Man oder Batman?
Definitiv Batman. Wobei es bei mir sehr darauf ankommt, welcher Batman. Der Batman im grauen Latexkostüm, der zusammen mit Robin ans rote Telefon geht und tagsüber rumrennt – ist nicht wirklich cool. Nachts immer wieder im Schatten verschwinden ist da schon wesentlich cooler. Das ist wohl auch das Problem, das ich immer mit Spider-Man hatte. Zum einen habe ich das Outfit nie verstanden: Dieser komische roten Anzug, mit diesen abstrus großen Augen. Zum anderen war dieses tagsüber da rumhopsen nie meins.


InfoÜber Joscha Sauer

Joscha Sauers (Jahrgang 1978) Nichtlustig-Cartoons begeistern Comicfans seit zehn Jahren. Was im Jahr 2000 als Zeitvertreib auf www.nichtlustig.de begann, ist eine Dekade und eine Million verkaufte Exemplare später eine Erfolgsgeschichte. Höchste Zeit für eine Rückschau. Für "Nichtlustig: Das dicke Cartoonbuch" hat Sauer persönlich seine Lieblingscartoons rausgesucht. Der perfekte Einstieg für alle, die noch keinen seiner fünf Bände zu Hause haben. 

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