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17. Jan 2012

Heike Kruse

Archiv

Verfassungsschutz ist wichtiger Aufbauhelfer der rechtsextremen Szene

-ARCHIV-

Rechtsextremismus in Jugendkulturen – Autor Klaus Farin im Gespräch

"Viele in dieser Szene sind potenzielle Amokläufer"

UNICUM: Herr Farin, dramatisieren die Medien bzw. die Öffentlichkeit die aktuellen Geschehnisse?
Klaus Farin: Einerseits muss man sagen, bei der Bezeichnung "Döner-Morde" braucht man keine Nazis mehr. Das wurde schon kritisiert. Zehn, fünfzehn Morde – von einer kleinen Gruppe durchgeführt – das hat jedoch in der Tat eine neue Qualität. Andererseits muss man gestehen, wir wussten bereits vorher von knapp 150 Menschen, die seit Beginn der 90er Jahre von Neonazis umgebracht wurden. Ohne es zynisch klingen zu lassen: Jetzt wissen wir es von zehn Menschen mehr. Da wundert man sich schon über das Missverhältnis, da kaum andere Opfer so viel Medienpräsenz bekommen haben. Da gab es keine Entschuldigung der Regierung, keine Entschädigung der Justizministerin und an deren Gräbern stand damals auch nicht die Bundeskanzlerin. Oft hat man es sogar niedrig gehängt, gerade aus Richtung der Politik oder Justiz. Die Regierung zählt bis heute nur fast jedes zweite Opfer offiziell in ihren Berichten, weil es für sie nicht eindeutig nachweisbar sei. Absurd. 

Sehen Sie darin eine neue Entwicklung in der Szene?
Dass das jetzt eine neue Terrorstruktur darstellt, das sehe ich nicht so. Wir wussten schon, dass es Durchgeknallte in der rechten Szene gibt, die Morde begehen. Das es so viele und in einer Gruppe sind, ist schon ein neuer Faktor. Aber die grundsätzliche Annahme war schon immer da. Viele in dieser Szene sind potenzielle Amokläufer. 

Wie erklären Sie sich den Werdegang von Uwe Mundlos? Er ist der Einzige, der aus einem gut situierten Elternhaus stammt. Sein Vater ist Professor.
Ja, das ist sehr untypisch in dieser Szene. Einzelne gibt es ja immer. Aber Christian Worch ist auch aus gutem Hause, neben einigen anderen, die Funktionen inne haben. In der Masse ist das aber die Ausnahme. Serienmord mit rechtsextremem Hintergrund ist, glaube ich, die richtige kriminalistische Bezeichnung. Bei linken Morden gab es immer sehr viel Diskussion in der Szene, viel Distanzierung. Das hat man in der rechten Szene nicht. Dort wird sich nie von solchen Gewalttaten distanziert oder gesagt, das geht zu weit. Dort ist alles gestattet, was der Sache dient bis hin zum Massenmord.

Wodurch zeichnet sich heute ein rechtsextremer Jugendlicher aus? Denn ich denke, die Zeiten von Springerstiefeln und Glatze sind mittlerweile vorbei ...
Diese Zeiten sind nicht vollkommen vorbei. Es dominiert der traditionelle, sehr männliche Stil. Das liegt der Identität der Szene einfach nahe: Harte Jungs. Jugendkulturelle Vielfalt entdeckt man in der Szene nicht. Ein Großteil der rechtsextremen Szene sah aber schon immer normal aus. Man hat nur gerne auf die exotischeren Mitglieder geguckt. 

"Was die Jugendlichen anzieht, ist Kameradschaft, Saufen und Spaß haben"

Wovon werden Jugendliche angezogen, wenn sie sich einer rechtsextremen Organisation anschließen?
Den kleinen Organisationen stehen etwa 100.000 Jugendliche unter 30 gegenüber, die in rechtsextremen Cliquen unterwegs sind. Das ist ein viel größeres Problem, denn die stehen an jeder Tankstelle und im Dorf.Was die Jugendlichen anzieht, ist Kameradschaft, Saufen und Spaß haben. Davon fühlen sich vor allem gewaltaffine Männer angezogen. Dort gibt es zwar keine formellen Hierarchien, aber doch ungeschriebene, tradierte Regeln. Die Skater-Szene ist stolz darauf jede Woche eine neue Location, ein neues Outfit zu entdecken, in der rechten Szene bleibt dagegen alles gleich. Psychologen würden wahrscheinlich sagen, dass sich in solchen Gruppen Personen wiederfinden, die wenig Ich-Stärke besitzen und eine Gruppe suchen, die sagt, wo es langgeht.

Wie würden Sie die Neonazi-Szene charakterisieren?
Für mich ist die rechte Szene eine sehr religiöse, esoterische Szene. Es fängt schon klassisch bei der Holocaust-Lüge an: Zu sagen, es hätte alles gar nicht stattgefunden. Aber ebenso wird behauptet, die Ausländer nehmen uns die Arbeitsplätze weg. Wenn das ein kleiner 14-Jähriger in Thüringen erzählt, wo knapp 16 Prozent Arbeitslose und drei Prozent Migranten sind, dann ist jedem klar, das kann nicht zusammenhängen. Aber in der rechten Szene wird das ernsthaft geglaubt, weil man dann jemanden hat, der Schuld an der schlechten Situation ist.

Wissen Sie, wie hoch der Anteil von Studenten in rechtsradikalen Gruppierungen ist?
Es wäre auch wieder ein Mythos, wenn man sagen würde, das sind alles bildungsferne Leute. Die Basis der militanten Szene bilden Leute, die perspektivlos sind. Unabhängig davon gibt es eine kleine studentische Szene von einzelnen Leuten, die sich nicht mit der militanten Schläger-Szene vermischt. Entsprechende Einstellungen finden sich quer durch die ganze Gesellschaft. Das ist der Professor, der Studenten mit Migrationshintergrund benachteiligt. Das ist der Vermieter, der seine Wohnung nicht an "Ausländer" vermietet. Wenn man diesen Leuten sagen würde: "Du bist ein Nazi", wären sie empört. Ich erinnere mich da an ein Zitat eines Jugendlichen, der gesagt hat: "Kanaken und Nazis kann ich nicht leiden." Das trifft genau den Punkt, rassistisch denken, aber man ist kein Nazi. Doch Rassismus hat nichts mit organisiertem Neonazismus zu tun. Jeder Dritte in Deutschland ist rassistisch, jeder Achte hat ein geschlossen rechtsextremes Weltbild. Die Szene wäre froh, wenn diese Leute zu ihnen kämen, aber das findet nicht statt.

"Das größte Problem der Szene ist, dass sie gerade keine Frauen kriegen"

Sind rechtsradikale Frauen ein unterschätztes Phänomen der rechten Szene?
Weder organisatorisch, noch auf Posten, noch bei Demonstrationen lässt sich irgendwie belegen, dass Frauen stärker in der rechtsextremen Szene vertreten sind. Etwa 20 Prozent der Mitglieder sind Frauen, dies aber bereits seit den frühen 80er Jahren. Das größte Problem der Szene ist, dass sie gerade keine Frauen kriegen. Wer hat in der NPD Posten? Da finden sich kaum Frauen. Es ist nach wie vor ein Männerverein. Aufstiegwillige, gut gebildete Frauen sind am wenigsten anfällig. Die Szene hat ein Frauenbild, das eben für diese Frauen nicht akzeptabel ist.

Welche Gründe gibt es für den Eintritt?
Die Gewaltbereitschaft der Jugendliche und das rassistische Gedankengut bekommen die Kinder bereits durch ihre Erziehung mit. Das ist bereits eine Vorentscheidung, die dazu führt, dass sich Leute in diese Richtung entwickeln. Es ist allerdings alles veränderbar. Man spricht deswegen nicht mehr von Ursachen, sondern von Risikofaktoren.

Werden die Jugendlichen im digitalen Zeitalter verstärkt über das Internet angeworben?
Anwerbung wird immer nur vom Jugendschutz thematisiert. Was dabei unterschätzt wird: Es gibt vieles anderes und Jugendliche sind keine seelenlosen Opfer. Es gibt Untersuchungen, die besagen, dass Jugendliche eine größere Medienkompetenz besitzen als Erwachsene. Bei Facebook gehen zum Beispiel Erwachsene viel offener und risikoreicher mit ihren Daten um. Die Jugendlichen beurteilen Online-Medien kritischer. Sie wissen um die Möglichkeit der Datenmanipulation, weil Sie sich selbst im Internet inszenieren. Die öffentliche Wahrnehmung dieser Medien ist mir zu einseitig; aber natürlich gibt es Risiken, auf die hingewiesen werden müssen. 

Was sind Ihrer Meinung nach die effektivsten Maßnahmen, die man gegen Rechtsextreme ergreifen kann?
Meine politisch strukturelle Forderung wäre, schnellstmöglich den Verfassungsschutz aufzulösen. Es wird noch mehr herauskommen, dass der Verfassungsschutz ein struktureller und personeller Aufbauhelfer der rechtsextremen Szene ist. Die Mehrheit der Gesellschaft muss auf Distanz dazu gehen und solche Leute isolieren. Die bunten Jugendkulturen müssen im Gegenzug unterstützt werden. Es ist ein riesiger Skandal, dass Skater, Rapper oder Punks als viel schlimmer angesehen werden als Nazis.

Rührt das daher, dass Skater, Rapper und Punks ihren Lebensstil viel offener zur Schau tragen?
Solange die Nazis unter sich bleiben, stören die keinen. Aber der Punk sitzt in der Fußgängerzone, das stört beim Einkaufen. Gerade bunte Jugendkulturen stören offenbar das Spießerherz mehr. Wenn in einer Kleinstadt viele bunte Jugendkulturen vorhanden sind, dann haben es Neonazis schwer. Weil jeder 13-Jährige, der eine Clique sucht, gar nicht auf die Idee kommt, sich den Rechten anzuschließen. Kaum einer geht in die rechte Szene, weil er Hitler liebt, sondern weil die cool sind. Da ist mir unverständlich, dass im Osten Jugendclubs, -zentren und -flächen geschlossen werden. 

Ist Rechtsextremismus also ein Phänomen, das vor allem den Osten Deutschlands betrifft?
In allen Bundesländern ist die Quote, die rechtsextreme Meinungen vertreten, gleich hoch. Aus anderen als den verbreiteten Gründen trifft also die Ost-West-Diskrepanz zu. Man weiß, dass in Westdeutschland die Mittelschichten am wenigsten anfällig für militanten Rechtsextremismus sind. In den neuen Bundesländern fehlt eine immunisierende, tabuisierende Bevölkerungsschicht ganz massiv. Wir stellen fest, dass seit den 90er Jahren das Problem in den größeren Städten zurückgegangen ist, weil dort diese Form stärker geächtet wird. Die rechtsextremen Hochpunkte befinden sich alle in ländlichen Regionen. 

"Böhse Onkelz-Workshops"

Wie schätzen Sie den Effekt ein, den ein NPD-Verbot haben würde?
Also Verbote bringen gar nichts. Die benennen sich um und existieren weiter. Die NPD als größte Organisation ist aus den Verboten immer gestärkt hervor gegangen. Wenn sich der staatliche Druck auf die Organisationen erhöht, bewirkt das nur, dass sich alle gegen einen gemeinsamen Feind in den verbliebenen Organisationen verbünden. Das hat gleichzeitig eine Alibi-Funktion für den Bürger. Er empfindet sich als nicht zuständig. Dabei funktioniert Demokratie gerade dadurch, dass sich der Bürger engagiert. Auch da ist ein Verbot kontraproduktiv. Zudem waren die Täter aus Thüringen meines Wissens nicht in der NPD und ohne NPD hätte es die auch gegeben.

Was halten Sie dann von der Verbunddatei über Rechtsextremisten, die Bund und Länder schaffen wollen?
Das ist wieder ein typischer Schnellschuss der Politiker. Ein großes Problem ist, der Verfassungsschutz hat oft Kenntnisse, sagt sie aber nicht den Ermittlungsbehörden. Eben weil bekannt werden könnte, von wem die Informationen stammt, eben von ihrem inoffiziellen Mitarbeiter. Es ist ein ständiges Ärgernis für die Polizei, dass der Verfassungsschutz Dinge weiß und die Polizei nicht. Die Verbunddatei für die Polizei mag Sinn machen, allerdings waren die Täter bereits bekannt. Meines Erachtens hätte eine Datei in diesem Fall nichts gebracht. Dass Täter bekannt sind, verdanken wir engagierten Journalisten und Antifas, aber nicht den Behörden.

Welche präventiven Maßnahmen ergreifen Sie im Archiv der Jugendkulturen?
Wir haben ein Team aufgebaut von über 70 Leuten, die größtenteils selbst aus Jugendkulturen sind. Wir bieten jugendkulturelle Workshops für Schulen an. Das Ziel ist es, geschichtliche Hintergründe zu vermitteln, denn die meisten Jugendkulturen sind bunt und nicht braun. Letztendlich geht es immer um Toleranz, das vermitteln wir bei dem Projekt "Culture on the Road". Bei den Erwachsenen muss das Bewusstsein gestärkt werden, dass nicht jeder Emo selbstmordgefährdet ist, Grufties keine Friedhofsschänder sind, Black Metaler keine Satanisten und Skins auch links sein können.

Sprechen Sie mit den Schülern auch über deren eigene Erfahrungen mit Rechts?
Ich mache regelmäßig "Böhse Onkelz-Workshops". Da wird automatisch diskutiert, welche Erfahrungen die Schüler mit Drogen und Rechts gesammelt haben, aber eben auf spannende Art. Wenn ich über deren Texte spreche oder denen ein Video zeigen, in dem der Sänger sagt, ich war auch mal so beschissen drauf, ich habe mich geändert und wenn ihr heute Fans der Böhsen Onkelz seid, könnt ihr keine Nazis sein oder ihr habt nichts von uns verstanden. Dann packt das die Jugendlichen.

 

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