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21. Aug 2012

Heike Kruse

Archiv

Verjährung für Plagiate gefordert

-ARCHIV-

Der Bonner Rechtsprofessor Wolfgang Löwer im Gespräch

"Eine wissenschaftliche Leistung besteht nicht aus der Netzsuche"

Herr Löwer, Sie sind auch Ombudsmann für die Wissenschaft. Mit welchen Fällen beschäftigen Sie sich dort vorrangig?

Vorrangig beschäftigen wir uns mit Problemen der Autorschaft. Also zum Beispiel die Behauptung eines Nachwuchswissenschaftlers, er müsse auf einem bestimmten Paper Mitautor sein, aber der Chef oder die anderen Autoren verweigerten ihm dies. Oder auch umgekehrt, der Chef drängt sich rein, obwohl er nichts zu dem Artikel beigetragen hat.

Wie gehen Sie in solchen Fällen vor?

Es gibt Regeln der guten wissenschaftlichen Praxis, die aus der Sachgesetzlichkeit der Wissenschaft abgeleitet sind. Diese sind in einer Denkschrift der DFG zusammengefasst. Danach wird gefragt, ob ein wesentlicher Beitrag desjenigen vorliegt, der die Autorschaft für sich beansprucht. 

In unserer Redaktion hat uns eine Anfrage eines Studenten erreicht, den es interessieren würde, ob man aus Wikipedia-Artikeln als Public-Domain-Artikel in Seminararbeiten zitieren darf?

Man darf alles zitieren, aber man darf nichts abschreiben ohne auf die Quelle hinzuweisen. Das gilt auch für Wikipedia. Eine wissenschaftliche Leistung besteht nicht aus der Netzsuche. Aber man muss auch hinzufügen: die Suche im Netz ist wissenschaftlich keineswegs unerlaubt. 

"Bei Schavan liegt kein Guttenberg-Problem vor"

Derzeit steht die Doktorarbeit der Bildungsministerin Annette Schavan unter Plagiatsverdacht. Wie stehen Sie zu diesem Vorwurf?

Einschätzen kann ich diesen Vorwurf nicht, denn ich habe die Doktorarbeit von Frau Schavan nicht gelesen. Aus dem, was ich aus Zeitungsberichten entnehmen kann, haben wir es nicht mit einem Guttenberg-Problem zu tun. Also es liegt kein vergleichbarer Fall vor wie bei vergangenen Plagiatsfällen. Es scheint eher ein schwieriger Fall zu sein, weshalb die Düsseldorfer Universität sich auch bis zum Wintersemester Zeit nimmt, um zu entscheiden. 

Haben Sie sich denn den Blog SchavanPlag angeschaut?

Nein, das habe ich nicht. Es könnte sein, dass wir zurzeit eine Art Verschärfung des Maßstabs vornehmen, den man an alte Arbeiten nicht anlegen dürfte. Darauf beziehen sich viele Aussagen, dass das, was dort beanstandet wird, mindestens zur Entstehungszeit der Arbeit ein gängiger Umgang mit Sekundärliteratur gewesen sein könnte. 

Sehen Sie also ein generelles Problem darin, nach vielen Jahren Plagiatsfälle zu beurteilen?

Ja, aber nicht erst seit Schavan. Mein erster Fall an der Universität Bonn betraf eine Professur, deren Inhaber bereits 64 Jahre alt war. Damals war ich zu jung, um auf die Idee zu kommen, dass im Ablauf der Zeit ein ernstes Problem liegen könnte. Doch gerade wird lebhaft diskutiert, ob es nicht eine Zeitschranke geben sollte, nach der Titel nicht mehr entzogen werden können. 

„Pack den Koffer und geh!“

Befürworten Sie eine Verjährungsfrist?

Das erscheint mir vernünftig zu sein, denn immerhin ist es in der juristischen Ausbildung fünf Jahre nach dem Staatsexamen so. Für wissenschaftliche Prozesse wäre dies viel zu kurz, weil Plagiate erst in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung auffallen. Dann liest jemand ein Buch und denkt, das kommt mir doch bekannt vor. Es geht mir aber nicht darum, die Plagiate nicht mehr zu benennen, sondern ob man mit Titelaberkennungen überhaupt arbeiten kann. Jemandem wie Frau Schavan würde dies aber nicht mehr helfen. 

Wie meinen Sie das?

Als Politiker überlebt man diesen Vorwurf nicht, wenn er begründet ist. Wenn man jetzt sagen würde, das ist doch verjährt, würde dies Frau Schavan gar nichts bringen. Denn die Öffentlichkeit würde weiterhin fragen, ob es ein Plagiat war oder nicht und wissenschaftlich muss die Frage auch dann geklärt werden, wenn kein Titelentzug mehr folgt. Wenn es ein Plagiat war, würde es in der Politik unnachsichtig heißen: Pack den Koffer und geh! Wir sind schließlich nicht in einem Land, wo eine Regierung mal so ein Votum schlicht durch eine Verordnung außer Kraft setzen kann.

Was halten Sie von der Anregung, wissenschaftlichen Arbeiten in einer zentralen Stelle prüfen zu lassen, wie es SPD-Politikerin Ulla Burchardt, die Vorsitzende des Ausschusses für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung ist, vorschlägt?

Bisher ist das Sache der titelverleihenden Fakultäten. Das ist auch sachgerecht; wer einen Verwaltungsakt erlässt, ist auch für die Rücknahme zuständig, weil es ein Qualitätssicherungsproblem der Wissenschaft selbst ist. Zentrale Lösungen sind nicht zwingend die besseren Lösungen. Ich könnte mir jedoch ein "Plagiatsgericht" vorstellen, das die Arbeiten prüft. Ich verstehe Frau Burchardt bis zu einem gewissen Grade. Es gibt schon Argumente, wenn man sieht, mit welcher Nachlässigkeit manche Fakultäten in der Vergangenheit Fälle behandelt haben. Das ist das Segensvolle am Fall zu Guttenberg, dass die Aufmerksamkeit doch sehr geschärft worden ist, dass ein solcher laxer Umgang mit den Vorwürfen nicht mehr möglich ist.

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