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30. Nov 2012

Heike Kruse

Archiv

Welt-Aids-Tag: "… kein Grund den Kopf in den Sand zu stecken …"

-ARCHIV-

Student Moritz über seinen Einsatz als Botschafter für die Kampagne "Positiv zusammen leben!"

"Es fing mit Grippesymptomen an"

UNICUM: Mit welchem Ziel studierst du?
Moritz: Aus purem Interesse. In welche Richtung mein Studium mich dann führt, das sieht man dann (lacht). Aber ich würde gerne Presse- und Öffentlichkeitsarbeit machen.

Dieses Jahr bist du Botschafter für den Welt-Aids-Tag am 1. Dezember. Wie bist du dazu gekommen?
Das Angebot bekam ich in meiner Selbsthilfe-Gruppe von der Aidshilfe. Ich habe dabei eher an das Verteilen von Flyern auf einem Christopher Street Day gedacht.

Wie haben deine Freunde und Familie darauf reagiert?
Alle waren zunächst skeptisch, aber dann haben sie sich dafür ausgesprochen und standen von Anfang an hinter mir. Sonst hätte ich es gelassen. Das ist natürlich toll, wenn man einen solchen Rückhalt hat.

Vor allem, wenn es einem gesundheitlich nicht gutgeht ...
Ja, stimmt. Kennst du dich mit dem Krankheitsbild aus?

Ich würde nicht behaupten, dass ich eine Expertin bin ...
... bis zu drei Monate nach der Infektion tritt eine akute Phase mit unterschiedlich starken Grippesymptomen ein. Mir konnte erst kein Arzt sagen, was ich genau habe. Um HIV auszuschließen, habe ich einen Schnelltest gemacht. Doch der Test ist nicht eindeutig. Ich musste eine Woche bis zum endgültigen Ergebnis warten. Das war hart, auch weil ich nicht wusste, wie es nach dieser Woche weitergeht. Das wünsche ich niemandem.

"Ich kannte den Feind"

Wie war es dann das positive Ergebnis zu bekommen?
Es hört sich vielleicht blöd an, aber ich war erleichtert.

Das hört sich wirklich merkwürdig an.
Ich war natürlich nicht erleichtert, dass das Ergebnis positiv war. Aber der enorme Druck war weg. Ich hatte durch die Diagnose etwas, womit ich umgehen konnte. Ich kannte den Feind.

Wie bist du damit zurechtgekommen?
Ich brauchte ein paar Wochen für mich. Nach eineinhalb Monaten bin ich zur lokalen Aids-Hilfe. Im Beratungsgespräch wurde mir vom Sozialarbeiter ein Buddy vermittelt. Das ist jemand, der ebenfalls in einem ähnlichen Alter HIV-positiv ist. Es war sehr wichtig für mich, jemanden zu sehen, dem es im Gegensatz zu mir gut geht.

Was hattest du für Beschwerden?
Ich hatte irrsinnig viel abgenommen und dadurch ein schmales Gesicht bekommen. Ich fühlte mich ausgelaugt, schlapp, stumpf und kraftlos. Da ist auch die Angst, dass andere einem das ansehen.

Wie hast du dich infiziert?
Ich nehme an, dass ich mich über den sexuellen Weg angesteckt habe, obwohl ich keinen unsafer Sex hatte. Ich vermute, dass ich irgendetwas übersehen oder nicht mitbekommen habe.


Fakten zu HIV

  • In den 1980er Jahren ist HIV/Aids von Virologen entdeckt worden. Bislang gibt es weder ein Aussicht auf Heilung noch einen Schutz vor der Infektion.
  • Um sich vor einer Ansteckung beim Sex zu schützen ist Safer Sex eine wirksames Vorgehen. Dazu sollten Sperma, Scheidenflüssigkeit, Darmsekret, Blut oder Blutspuren nicht in den Körper gelangen.
  • Es haben sich bereits jetzt mehr als 60 Millionen Menschen mit HIV infiziert. Knapp die Hälfte ist an den Folgen der Infektion gestorben.
  • Im Jahr 2011 liegt die Zahl der Neuinfektionen in Deutschland bei schätzungsweise 2700 Fällen.

Quelle: Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, Deutsche Aids-Hilfe


"Shit, ich bin der einzige!"

Ging es dir in der Beratungsstelle darum, andere betroffene Leute zu treffen? Oder was hast du dir für Hilfe versprochen?
Ich weiß nicht, wonach ich gesucht habe. Mmmh … Das ist eine gute Frage, die habe ich mir selbst noch nie gestellt ...

In die Öffentlichkeit einer Beratungsstelle zu gehen erfordert Mut. Da stellt sich mir die Frage, warum macht jemand diesen Schritt?
Die Beratungsstelle ist nicht öffentlich. Der Berater lud mich nach der Sprechstunde ein, sodass mich niemand sah. Ich ging dorthin, weil ich über meine Infektion reden wollte. Obwohl ich da einige aus meiner Familie bereits informiert hatte.

Was fehlte dir, das du von deiner Familie nicht bekamst?
Ich brauchte einen fachlich kompetenten Ansprechpartner. Mir fehlte eine rationale Sichtweise, jemand, der zu mir sagt: "Hey, entspann dich. Das ist scheiße, dass dir das passiert ist, aber es ist kein Grund den Kopf in den Sand zu stecken."

Die Infektion ist eben nicht das Ende vom schönen Leben …
Ja, und zu der Zeit kannte ich auch keine anderen Betroffenen. Da dachte ich mir: "Shit, ich bin der Einzige!" Mir hat die Krankheit, Angst gemacht. Leider gibt es nicht in jeder Stadt einen Buddy, der einem Betroffenen zeigt, wie man damit lebt.

"… man sollte vorsichtig sein, es am Arbeitsplatz zu sagen."

Hast du negative Erfahrungen gemacht, wenn du von deiner Erkrankung erzählst?
Nein, bisher nicht. Man sollte es nur denjenigen sagen, denen man vertraut. Die Reaktionen haben mich erstaunt. Alle hatten Angst um mich, nicht um sich selbst.

Du bist Botschafter "Positiv zusammen leben!", die in diesem Jahr den Schwerpunkt "HIV im Arbeitsleben" hat. Sorgst du dich, wie es mal an deinem zukünftigen Arbeitsplatz wird?
Ich mache mir da eigentlich wenig Sorgen. Ich weiß auch nicht, ob ich es meinem Arbeitgeber sagen würde, weil es nicht relevant für meine Leistung ist. Ich bin nicht öfter krank und genauso leistungsfähig.

Was würdest du anderen Betroffenen raten?
Was ich sagen muss, ist, dass man vorsichtig sein sollte, es am Arbeitsplatz zu sagen. Wenn sich deine Erkrankung rumspricht, dann kannst du die Informationen nicht mehr kontrollieren. Ich würde es mir deshalb gut überlegen.

Gerade jetzt geht es dir gut, deine Blutwerte sind stabil, du brauchst keine antiretrovirale Therapie.
Bei mir sind die Werte bisher stabil und mein Immunsystem funktioniert. Wie lange das so bleibt, weiß ich nicht. Für mich kommt eine Therapie auch erst aus medizinischen Gründen infrage.

Was meinst du damit?
Es gibt verschieden Gründe mit einer Therapie anzufangen. Manche brauchen das Gefühl, dass sie etwas dagegen tun. Oder um seinen negativen Partner zu schützen, denn durch die erfolgreiche Therapie liegt das Ansteckungsrisiko nahezu bei Null. Ich persönlich würde gerne so lange wie möglich warten.

"Wenn man das nicht tut, dann ist alles positiv."

Einmal begonnen, muss man die Therapie ein Leben lang fortsetzen.
Mittlerweile sind die Tabletten so gut, dass man auch mal eine vergessen darf. Das sollte nur nicht fünfmal im Monat sein. Vor der Einnahme habe ich keine Angst, auch nicht, dass ich eingeschränkt sein werde.

Aber bedeutet es nicht auch ein Leben lang mit Nebenwirkungen zu kämpfen?
Es können Nebenwirkungen wie Übelkeit, Alpträume, aber auch Depressionen auftreten. Doch was passiert mit mir bei 40 Jahre Medikamenteneinnahme? Vielleicht gehen dadurch meine Organe kaputt … Aber die Alternative wäre es die Tabletten nicht zu nehmen und das bedeutet zu sterben.

Dadurch lässt du dich nicht abbringen, anderen jungen Menschen Zuversicht zu geben.
Der Vorteil der zukünftigen Infizierten ist, dass sie nicht mehr in dem Maße wie vor 20 Jahren mit dem Thema Tod umgehen müssen. Es ist eine chronische Krankheit, die unter Kontrolle zu bringen ist. Es ist so schade, dass man aufpassen muss, wem man es erzählt. Aber das ist das Ziel der Kampagne, zu vermitteln, es gibt keinen Grund zur Ausgrenzung.

Was ist deine Botschaft an junge HIV-Positive?
Was ich noch einmal betonen möchte: Ihr seid damit nicht allein. Dieses "Scheiße, ich bin positiv und allein" ist nicht real. Das ist mir jetzt während des Gesprächs noch einmal ganz klar geworden. Dieses Gefühl kann einen in die Resignation treiben, gerade am Anfang. Auf diesen Trugschluss darf man sich nicht einlassen. Wenn man das nicht tut, dann ist alles positiv (lacht).


Hintergrund

Die Antidiskriminierungskampagne "Positiv zusammen leben!" der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung wird in Partnerschaft mit dem Bundesministerium für Gesundheit, der Deutschen Aids-Hilfe und der Deutschen Aids-Stiftung realisiert und vom Fachverband Außenwerbung unterstützt. Erstmals rief 1988 die Weltgesundheitsorganisation am 1. Dezember zum Welt-Aids-Tag auf.

Dieses Jahr machen sich sechs Männer und Frauen gemeinsam für die Kampagne in Deutschland stark und wollen Vorurteile gegenüber HIV-Positiven am Arbeitsplatz bekämpfen. Mobbing und negative Auswirkungen auf die Karriere sind reale Folgen für die Betroffenen, wenn ihre Erkrankung bekannt wird. Die Botschafter rufen deswegen zu Solidarität, Toleranz und Unterstützung auf.

Weitere Infos unter www.welt-aids-tag.de

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