Fachkräftemangel
Der Experte rät: Die Jobsuche sollte schon während des Studiums beginnen | Foto: nd3000/Thinkstock

Berufseinstieg

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19. Mär 2018

Nina Weidlich

Berufseinstieg

Fachkräftemangel in Deutschland: Deine Chance für den Berufseinstieg

Fachkräftemangel – was bedeutet das eigentlich? 

Wer sich zum Thema Fachkräftemangel informiert, wird häufig mit riesigen Zahlen konfrontiert: Die Deutsche Industrie- und Handelskammer (DIHK) berichtete erst vor kurzem, dass 1,6 Millionen Stellen langfristig nicht besetzt werden können. Vor allem im Ingenieurwesen sagten Experten wegen fehlenden Nachwuchses vor ein paar Jahren einen großen Crash voraus. Auch heute noch sind Ingenieure auf dem Arbeitsmarkt gefragt, von einem Fachkräftemangel spricht hier aber fast niemand mehr.

Eine allgemeingültige Definition oder eine mathematische Formel für den Fachkräftemangel gibt es nicht. Vereinfacht liegt ein Fachkräftemangel immer dann vor, wenn es weniger Arbeitslose als offene Stellen gibt. Es gibt aber auch bestimmte Kennzahlen, die Aufschluss darüber geben, ob eine Branche betroffen ist oder nicht: So zählen zum Beispiel solche Jobs als sogenannte "Engpassberufe", bei denen auf eine gemeldete Stelle weniger als zwei Arbeitslose kommen. 

Ein weiteres Kriterium ist die Vakanzzeit – also die Zeit, die ein Unternehmen benötigt, um eine offene Stelle neu zu besetzen. Im Jahr 2017 dauerte es laut Bundesagentur für Arbeit brauchten Betriebe im Schnitt 102 Tage, bis sie eine neue Arbeitskraft gefunden haben. Zum Vergleich: In der Altenpflege war die Vakanzzeit mit 171 Tagen besonders hoch.

Diese Branchen sind vom Fachkräftemangel besonders betroffen

Bei der Analyse von Fachkräfteengpässen wird außerdem zwischen den Qualifikationsstufen Fachkraft, Spezialist und Experte unterschieden. Als Fachkräfte gelten diejenigen, die eine mindestens zweijährige Berufsausbildung absolviert haben. Spezialisten sind alle mit Meister-, Techniker- oder Fachschulabschluss sowie Bachelorabsolventen, die noch keine Berufserfahrung gesammelt haben. Master- und Diplomabsolventen zählen zu den Experten – auch Bachelorabsolventen mit Berufserfahrung gehören zu dieser Gruppe.

Die Daten der Bundesagentur für Arbeit zeigen: In der Gruppe der Fachkräfte ist der Personalmangel am größten. Besonders die Bereiche Kältetechnik, Altenpflege und Mechatronik sind hier betroffen. Bei den Spezialisten werden vor allem in der öffentlichen Verwaltung, im Gesundheits- und Rettungsdienst und in der Fachkrankenpflege Arbeitskräfte gesucht. Auch unter den Experten bleiben viele Stellen in der öffentlichen Verwaltung unbesetzt. Außerdem fehlen hier Fachkräfte im Bereich Versorgung und Entsorgung sowie in der Informatik.

Auch regional gibt es in Sachen Fachkräftemangel große Unterschiede: Während in Berlin nur 38 Prozent der gemeldeten Stellen zu den Engpassberufen zählen, hat Baden-Württemberg mit 83 Prozent am stärksten mit einem Personalmangel zu kämpfen. Generell ist der Fachkräftemangel im Süden ein größeres Problem als in anderen Teilen des Landes – das zeichnet sich schon bei der Ausbildung des Nachwuchses ab: auch viele Ausbildungsplätze bleiben im Süden jedes Jahr unbesetzt.

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Kritiker sagen: Den Fachkräftemangel gibt es nicht

Der Fachkräftemangel ist in Deutschland ein viel diskutiertes Thema. Kritiker behaupten sogar häufig, dass er gar nicht existiere. Auch die Bundesagentur für Arbeit räumt in ihrer Analyse ein, dass sie in Deutschland keinen flächendeckenden Fachkräftemangel feststellen kann – trotz zahlreicher Engpässe in bestimmten Bereichen und Regionen. Ein häufiger Vorwurf: Der Fachkräftemangel ist eine Erfindung von Branchenverbänden und Lobbyisten. Mit Prognosen von tausenden fehlenden Arbeitskräften würden sie junge Leute dazu motivieren, sich in ihrer Branche ausbilden zu lassen – aus einem Mangel an Fachkräften entwickelt sich so ein Überschuss an potentiellen Mitarbeitern.

Gibt es besonders viele Bewerber auf eine Stelle, haben Arbeitgeber es leichter, sie mit einem niedrigen Gehalt abzuspeisen. Gibt es sehr wenige Bewerber für einen Job, müssten die Löhne demnach eigentlich steigen, um Anreize zu schaffen und mehr Fachkräfte für den Job zu gewinnen. Genau das passiert aber oft nicht – wie wir zum Beispiel am Beruf des Altenpflegers sehen können.

Experteninterview: Fünf Fragen an Autor Martin Gaedt

Auch Redner und Autor Martin Gaedt hält den Fachkräftemangel für eine Lüge. Seine Gedanken zu dem Thema hat er unter anderem in seinem Buch "Mythos Fachkräftemangel: Was auf Deutschlands Arbeitsmarkt gewaltig schiefläuft" festgehalten. Wir haben den Kritiker gefragt, wie Berufseinsteiger von der Situation auf dem Arbeitsmarkt profitieren können.

UNICUM: Wenn es Ihrer Meinung nach keinen Fachkräftemangel gibt – was ist dann der Kern des Problems?
Martin Gaedt

Martin Gaedt: Fachkräftemangel ist Mangel an Attraktivität und guten Gründen, sich zu bewerben. An Alleinstellung und Unterscheidung in der Personalgewinnung. An Sichtbarkeit unter Millionen Unternehmen. Mangel an unbefristeten Stellen. Mangel an Unternehmenskultur. Mangel an Mitarbeitern, die stolz auf ihren Arbeitgeber sind. Mangel an Respekt. Mangel an Ausbildung.

1,2 Millionen Schüler haben seit 1999 keinen Schulabschluss gemacht, obwohl es 800.000 Lehrer gibt. Das ist ein kollektiver Systemfehler. In Estland werden durch die digitalisierte Verwaltung pro Jahr 800 Jahre Arbeitszeit gespart – bei nur 1,3 Millionen Einwohnern. Fachkräftemangel ist immer auch ein Mangel an Organisation, Abläufen und Verwaltung.

Viele Uni-Absolventen behaupten von sich, Fachkräfte zu sein – und wundern sich, wenn sie keinen Job finden. Woran liegt das?
Es gibt 23 Millionen Unternehmen in Europa und 3,6 Millionen Firmen in Deutschland. Wer kann da den Durchblick behalten? Stellenanzeigen sind über 2.500 Jobbörsen verteilt. Den passenden Arbeitgeber zu finden, gleicht einer Joblotterie. Der deutsche Arbeitsmarkt ist geprägt durch Mittelstand und Handwerk. Doch die Konzerne werden mit Bewerbungen überschüttet, weil sie einfach zu finden sind. Ein einziger Konzern bekommt 250.000 Bewerbungen und sagt 248.600 Mal ab. Künftige Berufseinsteiger müssen vorsorgen. Die Suche beginnt nicht erst nach Studienabschluss.

Wie kann ich als Berufseinsteiger von der Situation auf dem Arbeitsmarkt profitieren?
Für Berufseinsteiger ist es heute viel einfacher als vor zehn oder 20 Jahren, schnell einen guten Berufseinstieg zu finden. Ich würde mir während des Studiums eine Liste von interessanten Arbeitgebern erstellen. Arbeitgeber, bei denen Kommilitonen Praktika gemacht und davon geschwärmt haben. Arbeitgeber, die in der Region einen guten Ruf haben. Arbeitgeber, die Preise bei 'Top Job' gewinnen. Arbeitgeber, über die Blogs und andere Medien positiv berichten. Wenn du dann einen Job suchst, weißt du bereits, an wen du dich wenden musst.

Welche Möglichkeiten habe ich,mich schon vor dem Uni-Abschluss auf die Jobsuche vorzubereiten?
Die meisten Berufe und Arbeitgeber kann man sich nicht vorstellen. Zudem ändern sich alle Berufsbilder rasant. Ich würde mir möglichst viele Unternehmen von innen ansehen und Berufe kennen lernen. Wenn ich Berufe kenne, kann ich mich sinnvoll spezialisieren. Überall gibt es tolle Arbeitgeber – in Boppard, Coburg, Deggendorf, Schleiz, Simmern und Wildeshausen. Die meisten Arbeitgeber sind in 11.000 Kleinstädten zu finden.

Es gibt täglich Veranstaltungen von Wirtschaftsverbänden in Unternehmen. Es kann sich lohnen, dort hinzugehen. Lerne Unternehmer und Personaler persönlich kennen. Kannst du dir vorstellen, dort zu arbeiten? Passen Aufgaben, Umgang und Werte zu deinen Vorstellungen? Wenn ja, kommen Berufe und Unternehmen auf die Liste deiner Top Arbeitgeber.

Was sollte ich bei der Jobsuche sonst noch beachten, um ein passendes Unternehmen für mich zu finden?
Jeder will wissen: "Was bringt mir das?" Dasselbe gilt für Berufseinsteiger. Welchen Mehrwert trägst du zum Unternehmenswert bei? Wenn Berufseinsteiger wissen, was sie beitragen können und wo sie hinwollen, und wenn Unternehmen wertschätzend mit Mitarbeitern und Bewerbern umgehen, finden Fachkräfte und Betriebe einfach zusammen.


Über unseren Experten

Martin Gaedt ist Autor der Bücher "Mythos Fachkräftemangel" und "Rock Your Idea". Gaedt ist Preisträger des Alternativen Wirtschaftsbuchpreis 2016 und Land der Ideen 2012. Seit 1999 ist er Gründer, Unternehmer, Arbeitgeber und Recruiter. Seine Vorträge sind provokant und unterhaltsam.

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