Brexit-Sieger Frankfurt
In Frankfurt am Main gibt es derzeit die meisten Stellen für Absolventen | Foto: Unsplash/Notreone
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03. Nov 2017

Sebastian Wolking

Berufseinstieg

Frankfurt: Die Stadt der Zukunft?

Das neue London?

"Frankfurt ist unglaublich dynamisch", sagt Henrike Meyer zu Devern. Gastronomie, Shopping, Kultur – die Stadt sei in Bewegung, in jeder Beziehung. Ihr Lieblingsplatz? "Das Mainufer mit einem kühlen Apfelwein." Natürlich lobt sie die Stadt in höchsten Tönen, immerhin arbeitet sie als Referentin bei der Vermarktungsgesellschaft der Stadt Frankfurt.

Und dennoch: Insbesondere der Brexit könnte die Main-Metropole tatsächlich in eine ganz neue Liga katapultieren. Denn um weiter reibungslos Geschäfte auf dem Kontinent machen zu können, verlagern zahlreiche Banken massiv Stellen von London aufs Festland. Im Wettstreit zwischen Paris, Amsterdam, Dublin und Frankfurt scheinen die Hessen die Nase vorn zu haben. In einer Umfrage des Center for Financial Studies glaubten 86 Prozent der Befragten Ende Juli, dass Frankfurt in der gesamten EU vom Briten-Austritt am meisten profitieren wird.

"Jahrhundertchance für die ganze Metropolregion"

Goldman Sachs verlagert voraussichtlich 1.000 Stellen in die Goethe-Stadt, Morgan Stanley 200, die Citigroup 250. Die Deutsche Bank will Teile des Wertpapiergeschäfts nach Frankfurt verlagern. Dazu gesellen sich die Schweizer UBS und die japanischen Banken Nomura, Daiwa Securities und Sumitomo Mitsui. Von den britischen Geldhäusern plant Standard Chartered, Frankfurt zur Kontinentalbasis auszubauen. Experten rechnen peu à peu mit bis zu 10.000 neuen Arbeitsplätzen.

Frankfurt auf dem Weg zur europäischen Finanzmetropole Nummer eins? "Hier liegt eine Jahrhundertchance für die Stadt und die gesamte Metropolregion", sagt Ulrich Störk, Partner bei der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PWC und Leiter des Frankfurter Standorts. Fraport-Sprecher Alexander Zell ist etwas zurückhaltender: "Jegliche Prognosen über die Entwicklung neuer Arbeitsplätze in der Region oder speziell hier am Flughafen sind verfrüht."

Die Gefahren des Brexit-Booms

Der (eventuell) bevorstehende Brexit-Boom hat zweifellos auch Schattenseiten. Jeder zweite Frankfurter macht sich laut PWC-Umfrage aufgrund des Zuzugs aus Britannien Sorgen um steigende Mietpreise. Das Gespenst der Gentrifizierung – ohnehin Dauergast – geht noch stärker um als sonst. Und auch die Infrastruktur ächzt unter der Last. Immerhin konnte sich die Stadt, die für ihr schauderhaftes Bahnhofsviertel bekannt ist, in der Kriminalitätsstatistik leicht hocharbeiten, liegt mit 15.671 Taten pro 100.000 Einwohnern "nur" noch auf Rang vier — in Berlin, Leipzig und Hannover lebt es sich gefährlicher.

Und ist vielleicht sogar der Brexit-Bonus nicht mehr als eine Milchmädchenrechnung? Denn: Die Bankenbranche steht vor erheblichen Verwerfungen. Die Deutsche Bank baut im Rahmen ihres Sparprogramms Tausende Stellen ab, ebenso die Commerzbank, viele davon in Frankfurt. Die Digitalisierung könnte sogar, glauben Experten, jeden dritten Bankenjob in Deutschland vernichten. Ob Frankfurt alsbald als strahlender Sieger oder begossener Pudel dasteht, bleibt erst einmal abzuwarten.

Karrierestadt Frankfurt

  • Frankfurt am Main ist derzeit die deutsche Stadt mit den meisten unbefristeten Absolventenjobs: Von 100 solcher Stellen werden nämlich 11 dort ausgeschrieben, 10 in München und 6 in Berlin. Absolventenstudie von Adzuna (August 2017)
  • Eine hohe Nachfrage besteht insbesondere in den Bereichen IT und Consulting.
  • In Sachen Trainee- und Praktikumsstellen landet die Mainmetropole auf Platz 3 (hinter München und Berlin) und Platz 5 (hinter München, Berlin, Stuttgart und Hamburg).  
  • Beim Mietpreis liegt Frankfurt mit 11 Euro pro Quadratmeter hinter München mit 13,20 Euro und vor Stuttgart mit 10,50 Euro. (Quelle: F+B-Wohn-Index Deutschland Q2/2017)

 

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