Sarah Kuttner 180 Grad Meer
Hat Sarah Kuttner den nächsten Bestseller geschrieben? | Foto: Fischer Verlag
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15. Jan 2016

Heike Kruse

Bücher

180 Grad Meer

Sarah Kuttners dritter Roman

Nur das Leben ertragen

"Ich bin kein schöner Mensch. Meine Aura ist irgendwie zahnfarben. [...] Meine Präsenz fühlt sich an, wie ein Kuss von jemandem, der schlechten Atem, sich aber gerade eben die Zähne geputzt hat ..."

So stellt sich die Protagonistin Jule in ihrer ganzen Eigenheit zu Anfang des Romans vor. In Jules Nähe wird ständig alles kritisch beäugt. Nichts kann sie unkommentiert lassen, am wenigsten das Verhalten anderer Menschen in ihrer Umgebung. Seit zwei Jahren arbeitet sie als Soulsängerin, spielt mit Daniel in einer Bar und lässt die Show mit Müh und Not über sich ergehen. Mehr als eine Show ist es für Jule auch nicht. Die Einstellung der Anfang Dreißigjährigen ist klar: Mir ist alles egal, ich finde alles beschissen und bin eh nur "eine Prostituierte der menschlichen Emotionen". Das sitzt.

Kuttner bombardiert uns direkt vom Fleck weg mit Fremdwörtern wie medioker, rezessiv. Nimmt dazu kein Blatt vor den Mund, so mal gar nicht: "Also dachte ich nein und sagte ja und ließ mich leidenschaftslos von Andreas ficken ..." Die Rotzfrech-Mirkannkeinerwas-Pose kann man mögen, muss man an dieser Stelle vielleicht auch einfach mal kurz aushalten, um zum Kern der Geschichte zu kommen. Und der ist echt gut. Denn schlussendlich schockiert der lapidare Umgang mit den unflätigen Ausdrücken auch nicht wirklich, sind wir doch seit Charlotte Roches Büchern abgehärtet.

Der Kern ist schwer zu finden

Jule wächst zusammen mit Bruder Jakob bei ihrer depressiven Mutter Monika auf. Der Vater hat die Familie verlassen und so musste Jule schnell erwachsen werden und für alle stark sein. Dabei erlebt Jule die Selbstmordversuche ihrer Mutter mit. Im wahrsten Sinne des Wortes. Ohne einen Knacks kann das niemand überstehen.

Einen ersten Anker im Leben findet sie in Tim, ihrem Freund: "Tim muss liebgehabt werden, er ist der einzige Mensch in meinem Leben, dessen Nähe ich will, ertrage." Wir teilen intime Momente mit dem ungleichen Paar. Tim, der stets zwei Enden miteinander verbinden will und Jule, die eine Mauer aufbaut, wann immer sie kann. Dazu erschwerend findet Konversation nur unterbrochen von Jules Gedankenspielen statt. Die kleinsten Kleinigkeiten führen stets zu Kaskaden aus Ideen, Erinnerungen, ... Doch wenn wir in ihre Gedanken eintauchen, klingt alles nach tiefer Enttäuschung – vom eigenen Leben, von den Menschen. Jule kommt in ihrem Leben zurecht. Mehr auch nicht. Bis Tim sich von ihr trennt. Sie flüchtet nach London zu ihrem dort studierenden Bruder.

In der englischen Hauptstadt angekommen, wird immer deutlicher, dass das, was Jule wirklich umtreibt, die schwierige Beziehung zu ihrem Vater Michael ist. Das letzte Mal sahen sie sich vor einigen Jahren, auch sonst vermeiden sie jeglichen Kontakt. Selbst die Nachricht, dass er Krebs hat, löst in Jule keine Gefühlausbrüche aus – zumindest oberflächlich. Unterbewusst geschieht jede Menge, denn nicht anders ist ihr Aufbruch ans Meer zu erklären. Nach Eastbourne, ein Städtchen, ganz in der Nähe, wo ihr Vater mit seiner neuen Frau Ruth lebt. Ihre Suche nach Halt beginnt damit erst ...

Das Sarah Kuttner Ding

Während man den Roman so liest, ist es schwer, in Jule nicht Sarah Kuttner wiederzufinden. Würde dieser schnoddrige, unkonventionelle Geist doch sehr gut zur Art der Wahlberlinerin passen. Zudem lässt sie uns immer wieder über zu viel Verzagtheit versteckt in einer gehörigen Portion Coolness schmunzeln. Und dann haut Jule diese Sätze raus und man denkt: Wow, so habe ich das noch nie gelesen. "Ein mächtiges Bedürfnis gibt den stärksten Charakteren ein Rückgrat aus Gummi." Das ist scharf von Kuttner beobachtet und ist eine Stärke des Romans.

Der Schluss von "180 Grad Meer" ist dann doch überraschend versöhnlich. Das hätte er nicht sein müssen, aber, und das macht Kuttner hervorragend, es ist kein Happy-happy-alle-haben-sich-lieb-Ende. Sie belässt es bei einem Fingerzeig, wie doch noch alles gut hätte werden können oder eben vielleicht auch schon gut geworden ist. Eine echte Entdeckung, die Kuttners großes Schreibtalent zeigt und nach (noch) mehr verlangt!


180 Grad MeerUNICUM Buchtipp
 

180 Grad Meer

Sarah Kuttner

S. Fischer Verlag, Dezember 2015

Preis: 18,99 €

Online bestellen (Amazon): 180 Grad Meer

Artikel-Bewertung:

3.27 von 5 Sternen bei 196 Bewertungen.

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