John Grishams Der Gerechte
Sebastian Rudd ist "Der Gerechte" in John Grishams neustem Thriller | Foto: Heyne Verlag
Autorenbild

21. Mär 2016

Heike Kruse

Bücher

Der Gerechte

Der neue Grisham-Thriller ist ab jetzt erhältlich

Grisham mal anders

Ich dachte, Romane von John Grisham laufen immer gleich ab: Wir lernen den Helden, zumeist einen Anwalt, kennen, tauchen langsam in einen verzwickten Gerichtsfall ein, lassen uns von Hindernissen, Geheimnissen und Bedrohungen in die Geschichte ziehen, um dann am Ende den guten Ausgang zu erleben, gespickt mit der ein oder anderen unvorhergesehenen Wende. Nicht zuletzt waren "Das Komplott" und "Die Erbin" genau so gestrickt. Spannend, packend und schlussendlich überraschend.

Doch Grishams neuester Roman "Der Gerechte" ist anders. Komplett anders. Ein so verwinkelter, aufgespaltener Plot ist mir bei Grisham noch nicht begegnet – auch bei "Anklage" nicht in dieser komplexen Form. Schon allein sein Held lässt sich nur schwer einordnen: Ist er durchweg gut oder hat er einen dunklen Fleck?

Der heroische Underdog-Held

Sebastian Rudd, mittleren Alters, geschieden, ein siebenjähriger Sohn, Investor eines Käfigkämpfers und seit zehn Jahren Strafverteidiger, sucht sich seine Fälle gerne selbst aus. Mörder, Vergewaltiger, Kleinkriminelle, Betrüger – unter seinen Mandanten finden sich die Menschen, denen man nachts lieber nicht über den Weg laufen möchte.

Kein Wunder also, dass Rudd kein normales Büro, dafür aber einen Leibwächter und einen kugelsicheren Van hat, der ihm als Arbeitsort dient. Bewaffnet ist er ebenfalls; entladen sich an ihm doch die Emotionen der Opfer, Geschädigten oder auch gleich einer gesamten Stadt. Morddrohungen per E-Mail inklusive.

Rudd sieht sich selbst in der Rolle des glorreichen Stand-alone-Verfechters der Gerechtigkeit. Und ganz Unrecht hat er damit nicht: Jeder Angeklagte hat einen fairen Prozess verdient. Jeder. Eben auch die Verbrecher. Dass Rudd dabei stets sein Gehalt im Blick hat, die Medienaufmerksamkeit genießt, ist eine andere Sache.

Da, wo es wehtut

Worum geht es Grisham also, wenn er uns Sebastian Rudd als seinen manchmal zwielichtig wirkenden Helden präsentiert? Der großartige Thrillerautor lenkt unsere Aufmerksamkeit in seinem gewohnt schnörkellosen Stil auf einen Pfad in unserem Gerechtigkeitsempfinden, der weh tut. Es ist nicht amüsant darüber nachzudenken, dass Verbrecher in unserem Justizsystem verteidigt werden (müssen). Genauso wenig ist es schön, zu erfahren, mit welchen Tricks sie sich vor einer harten Strafe retten können.

Grisham entwickelt gekonnt wie kein Zweiter eine Fülle an vertrackten Fällen, rechtlichen Schachzügen und Verwicklungen. Dabei tritt Rudd von Anfang an in einem pathetischen, dramatischen Ton auf, nur um dann Stück für Stück von Grisham demontiert zu werden. Die Fassade des Überhelden bekommt Risse und trotzdem stehen wir ein ums andere Mal auf seiner Seite, wenn er Partei für einen miesen Kerl ergreift. Die Zeiten von glatten, geleckten Helden sind zum Glück vorbei.

Der rauere, düstere Ton ist für viele Grisham-Liebhaber sicherlich irritierend. "Der Gerechte" könnte aber der Auftakt zu einer härteren Gangart, einer anderen Schreibweise von Grisham sein – im Stile eines Thrillers noir. Dennoch oder auch gerade deswegen ist und bleibt John Grisham der Meister der Gerichtsdramen. Das ist ihm auch in diesem Roman ungenommen. Ein absolut bemerkenswerter Justizthriller, der einfach gelesen werden muss!



Der GerechteUNICUM Buchtipp
 

Der Gerechte

John Grisham

Heyne Verlag, März 2016

Preis: 22,99 €

Online bestellen (Amazon): Der Gerechte

Artikel-Bewertung:

3.23 von 5 Sternen bei 194 Bewertungen.

Deine Meinung: