Epidemie von Åsa Ericsdotter
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10. Apr 2017

Ann-Christin Kieter

Bücher

Epidemie

Åsa Ericdotters Debüt-Roman über Schweden im Schlankheitswahn

Staatliche Gewichtskontrolle

Gesundheit für alle! Das verspricht der schwedische Ministerpräsident Johan Svärd seiner Bevölkerung. Was die Schweden dafür tun müssen? Schlank sein und sich strikt an sein Abnehm-Programm halten. Doch dazu gehört nicht nur eine radikale Diät und viel Sport, sondern auch die Pflichteinnahme von Wunderpillen und Fettabsaugungen und Magenband-OPs – sogar schon für Kleinkinder.

Wer sich nicht daran hält, und seinen Körperfettanteil in den kritischen Bereich bringt, verliert nicht nur seinen Job, sondern wird ins Fat Camp gesteckt. Denn Svärds Meinung nach sind nur dünne Menschen gute Menschen. Und vor allem Menschen, die die Staatskasse weniger belasten.

Schweden auf der Flucht vor dem Kalorienkampf

"Epidemie" wird aus verschiedenen Perspektiven erzählt. Zum einen aus der Sicht des Ministerpräsidenten Johan Svärd, der in ein paar Monaten wiedergewählt werden will und bei der Verfolgung seiner Ideen mit der Zeit immer radikaler wird und nach und nach seine restliche Menschlichkeit verliert, weil er sich einfach zu sehr verrannt hat. Ein bisschen schade ist, dass in seinen Kapiteln trotz der persönlichen Ebene nicht deutlich wird, warum genau er seine Plan so radikal verfolgt. 

Ihm gegenübersteht Professor Landon, der zwar leicht übergewichtet ist, aber noch nicht als gefährdet eingestuft wird. Er hat sich gerade von seiner Freundin getrennt, die dem Schlankheitswahn vollkommen verfallen ist und flüchtet erstmal in ein Ferienhaus auf dem Land. Dort lernt er Helena und ihre kleine Tochter Molly kennen, die sich vor der Regierung verstecken. Alle drei wollen sich nicht auf die teils wahnsinnigen Anordnungen von Präsident Svärd einlassen. Sie kommen dabei sehr sympathisch rüber und ihr Verhalten ist durchaus nachvollziehbar.

Und dann wäre da noch die ehemalige Uni-Angestellte und Autorin Gloria, die zunächst noch versucht hat, sich zu widersetzen, mit ihren 150 Kilo aber nun so unter dem Druck der Gesellschaft leidet, dass sie es vorzieht, sich in ihrer Wohnung zu verschanzen. Auch in sie kann man sich schnell hineinversetzen.

Parallelen zur Nazizeit in Deutschland

Asa Ericdotter

Trotz der vielen Perspektivwechsel, die anfangs immer etwas zu Verwirrung führen, fällt einem der Einstieg in die Geschichte leicht. Grund dafür ist sicher auch der flüssige Schreibstil der Autorin Åsa Ericdotter (36), der den Leser sofort fesselt und ins Geschehen hineinzieht. Auch die recht kurzen Kapitel sorgen dafür, dass das Buch zu einem echten Pageturner wird. Man sollte den Debüt-Roman der Schwedin daher auch eigentlich eher als Thriller einstufen. Und wo wir gerade bei der Genre-Diskussion sind: Häufig fällt im Zusammenhang mit "Epidemie" der Begriff "Dystopie". Doch haben wir es tatsächlich nur mit einer düsteren Zukunftsvision über den Aufschwung totalitärer Ideologien zu tun oder haben wir das Ganze nicht so ähnlich schon mal erlebt?

Denn während man beim Lesen überlegt, ob das alles tatsächlich gerade so passieren könnte und so eine Gehirnwäsche im großen Stil wirklich funktionieren würde, fallen einem immer wieder schockierende Parallelen zur Nazizeit in Deutschland auf. Einen machtbesessenen, größenwahnsinnigen Einzelnen hat es immerhin schon einmal gegeben. Und damit auch die Ausgrenzung bestimmter Personen durch irgendein Merkmal, das nicht zum allgemeinen Idealbild passt. Und so ist es bestürzend zu sehen, wie man eine ganze Gesellschaft – samt der Presse – mit einem brandaktuellen Wahn packen und so lenken kann, dass fast alle schweigend mitziehen und die Situation bagatellisieren.  

Fazit zu "Epidemie"

Epidemie ist im wahrsten Sinne des Wortes alles andere als "leichte Kost". Nach kurzer, anfänglicher Verwirrung wegen der verschiedenen Figuren aus deren Perspektive jeweils erzählt wird, entwickelt schnell sich eine mitreißende Story um die radikalen Maßnahmen eines fanatischen Politkers, die beim Lesen hin und wieder für ein ungutes Gefühl im Magen sorgen. Und zwar nicht nur deshalb, weil unter anderem von Magenbändern für Säuglinge die Rede ist. Die Thematik "Schönheitswahn" ließe sich im Grunde auch austauschen.

Das Schockierende ist vielmehr, mitzuerleben, wie gut die Manipulation eines ganzen Landes heute noch funktioniert. Ein schonungsloses Roman-Debüt, das Eindruck hinterlässt! 


Infos zum Buch

Epidemie

Åsa Ericsdotter

Arctis Verlag, ET. 10. Februar 2017

Preis: 22 Euro (gebundenes Buch)

Artikel-Bewertung:

3.88 von 5 Sternen bei 49 Bewertungen.

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