Hinterhofleben Roman
Schafft Flüchtling Samih es, ein Teil der Berliner Hausgemeinschaft zu werden? | Foto: Divan Verlag

Zündstoff

08.01.2018

Flüchtlingsdebatte

Flüchtlingsdebatte: Wie es sich anfühlt, fremd zu sein

"Hinterhofleben"-Autor Maik Siegel im...

In seinem Debütroman "Hinterhofleben" erzählt Autor Maik Siegel die Geschichte einer Berliner Hausgemeinschaft, die den illegalen Flüchtling Samih bei sich aufnimmt. Acht ... mehr »

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08. Jan 2018

Nina Weidlich

Bücher

Hinterhofleben

Der Gesellschaftsroman stellt unseren Umgang mit Flüchtlingen infrage

Berlin, Prenzlauer Berg: Hier wohnen die 68er

Die 68er sind keine Horde alter Hippies, sondern die Bewohner der acht Altbauwohnungen der Hausnummer 68 – von dem kinderlosen Pärchen Inga und Jan über den griesgrämigen Ott bis zu den selbst ernannten Haus-Sherriffs Ute und Günther. So unterschiedlich wie die Bewohner sind auch ihre Einstellungen zum Leben.

Das ändert jedoch nichts an ihrem Zusammenhalt: eine anonyme Hausgemeinschaft, in der man im Treppenhaus zum Gruß nur kaum merklich das Kinn hebt, das sind die 68er schon lange nicht mehr. Deshalb verwundert es auch nicht, dass Inga und Jan alle Parteien im Innenhof versammeln, um sie abzustimmen zu lassen über die Frage: Nehmen wir einen illegalen Flüchtling in unser Haus auf?

Vier Stockwerke, acht Partien, viele Meinungen

Der 27-jährige Syrer Samih würde bei Inga und Jan leben, trotzdem ist allen Bewohnern klar: Wenn sie sich für den Flüchtling entscheiden, stecken sie alle mit drin. Das gutbürgerliche Ehepaar Anne und Sven sind vom Anfang an dafür. Sie würden auch selbst helfen, aber ihr kleiner Engel Clara und ein krisengebeutelter Flüchtling in ein und derselben Wohnung? Das ist undenkbar.

Ute und Günther sind skeptisch. Flüchtlinge klauen, begrapschen die deutschen Frauen und liegen dem braven Steuerzahler auf der Tasche – das hört man schließlich jeden Tag im Fernsehen. Auch der Afrikaner James, selbst Einwanderer, wehrt sich gegen den Einzug des Fremden, denn er weiß: "Im Haus sitzen, ganzen Tag? Ohne Arbeit? Das macht ein Mann unzufrieden. Wir brauchen kein unzufriedene Mann in Haus."

Der homosexuelle Amerikaner Will dagegen kann nicht fassen, dass seine Mitbewohner tatsächlich dermaßen arrogant sind. Während seiner Zeit in Deutschland hat er aber gelernt, dass er nur an das schlechte Gewissen der Deutschen zu appellieren braucht: "Mit den zweiten Weltkrieg habt ihr so viele Flüchtlinge gemacht! Wollt ihr nicht helfen, jetzt? Habt ihr nicht eine Verantwortung?"

Flüchtling –  ja, aber bitte nach unseren Vorstellungen!

Schließlich zieht Samih in die Nummer 68 ein, und mit ihm: Die Ernüchterung. Ernüchterung, weil er nicht der bedauernswerte, ausgemergelte und hilfsbedürftige Flüchtling ist, den sie aus den Nachrichten kannten. Weil er keine Geschichten erzählt von zerbombten Wohnsiedlungen, halsabschneiderischen Schleppern oder überfüllten Schlauchbooten. Weil er trotz seiner Zurückgezogenheit nicht fehlerlos ist, die Studentin Nikola unverhohlen anstarrt und am Ende doch einige der Klischees erfüllt, die sie so erfolgreich aus den Schubladen in ihrem Kopf aussortiert hatten.

Samih ist still und unsichtbar, trotzdem wird er immer mehr zur Gefahr. Neonazis verfolgen ihn, die Polizei sucht ihn, die Gemeinschaft der 68er bricht seinetwegen langsam auseinander. Befürworter wie Gegner suchen nach guten Argumenten – warum Samih trotz allem bleiben muss, warum es höchste Zeit wird, dass er das Haus verlässt. Was niemand sucht, ist ein Gespräch mit dem Flüchtling.

Egal, wie wir über Flüchtlinge, den Nachzug ihrer Verwandten oder eine Obergrenze denken, im viergeschossigen Haus Nummer 68 in Berlin Mitte finden wir uns alle wieder. Und zwar zeitweise auch auf der Seite, der wir uns eigentlich gar nicht zugehörig fühlen. Wir merken, dass keine Meinung in Stein gegossen ist – und auch nicht sein sollte. Dass wir uns täuschen können, vielleicht zu hohe Erwartungen haben und uns selbst in der ganzen Debatte im Grunde viel zu wichtig nehmen. Wir sind für Flüchtlinge oder gegen sie, beziehen Position, verteidigen oder beleidigen sie. So viele Worte, die uns genau dann plötzlich abhandenkommen, wenn einer von ihnen vor uns steht. Wenn wir herausfinden könnten, wer sie wirklich sind.

Fazit zu Hinterhofleben

Seit der großen Welle im Jahr 2015 ist über Flüchtlinge viel gesagt, verfilmt und geschrieben worden. Deshalb besteht die Gefahr, dass "Hinterhofleben" als einer von vielen Flüchtlingsromanen in der Masse untergeht – und das wäre schade. Denn ohne uns zu maßregeln trifft Autor Maik Siegel uns genau da, wo es wehtut und bringt uns dazu, unsere eigene Stellung in der ganzen Debatte zu hinterfragen. Denn uns wird klar: auch als Befürworter, Gutmensch oder sogar Wohltäter kann man Fehler machen und mit seinem Verhalten Leid anrichten.

Autor Maik Siegel lässt uns ohne Scham das tun, was uns im wahren Leben immer versagt bleibt: bei den Nachbarn Mäuschen spielen. Durch die Geschichte begleiten uns alle 15 Bewohner, von denen einige mehr, die anderen weniger in den Vordergrund rücken. So sehen wir die Welt der 68er einmal durch die kindlichen Augen Tumainis, ein anderes Mal werden wir mit Utes ungefilterten, einfältigen Anschauungen konfrontiert. Diese vielfältigen und abwechslungsreichen Sichtweisen machen den Roman zu einer Lektüre, der sich niemand von uns wirklich entziehen kann.

Das schwierige und wichtige Thema sollte von einem jedoch nicht ablenken: der Sprache. Trotz klarem Schreibstil ist Maik Siegels Sprache alles andere als nüchtern oder eintönig. Mit typischem Berliner Dialekt oder Fetzen von gebrochenem Deutsch gibt er seinen Figuren außerdem ihren ganz eigenen Charakter und sorgt dafür, dass es zwischen all den Problemen auch immer wieder etwas zum Schmunzeln gibt. Einzig Samih bleibt, obwohl sich im Grunde alles um ihn dreht, ein bisschen grau und irgendwie schleierhaft – aber das sind am Ende die 68er selbst Schuld. Hätten sie mehr mit ihm als über ihn geredet, hätten nicht nur sie, sondern auch wir mehr über den Flüchtling aus Syrien erfahren.


UNICUM Buchtipp:

Hinterhofleben

Maik Siegel

Divan Verlag, 06. Oktober 2017

Preis: 15,90 Euro (Taschenbuch)

Online bestellen (Amazon): Hinterhofleben

Artikel-Bewertung:

3.15 von 5 Sternen bei 129 Bewertungen.

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Veröffentlicht am 06. Feb 2018 um 13:11 Uhr von Markus Peter Michael Schumann
Was weiß ich denn.