Adnan Maral im Interview
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15. Aug 2016

Bücher

Im UNICUM Interview: Adnan Maral

-ARCHIV-

Der Schauspieler ("Türkisch für Anfänger") über sein Buch "Adnan für Anfänger"

"Adnan für Anfänger" – ein Bildungsroman?

UNICUM: Eigentlich kennt man dich als Schauspieler. Jetzt präsentierst du deinen ersten eigenen Roman als Schriftsteller. Ein ganz anderer Beruf, oder? Adnan Maral: Ja, sehr. Ich habe mich relativ viel zurückgezogen, als ich das Buch geschrieben habe. Das ist schon eine einsame Geschichte. Man sitzt da und taucht intensiv in das Buchprojekt ein. Dieser Austausch und die Späßchen mit den Kollegen am Set, das bleibt aus. Aber diese Einsamkeit erlaubt es einem auch, in etwas einzutauchen und es zu reflektieren.

"Adnan für Anfänger" ist in der Ich-Perspektive geschrieben, hat biografische Züge und verrät vieles über dich. Wie fühlt es sich an, dass die Öffentlichkeit intime Geschichten von dir liest?Ich habe mich natürlich gefragt, was ich veröffentlichen will. Darunter sind teilweise sehr persönliche Geschichten, die ich aber gerne erzähle. Einiges ist allerdings auch konstruiert. Wenn ich zum Beispiel darüber sinniere, wie es wäre, als Adrian Müller geboren worden zu sein, dann heißt das nicht, dass ich Adrian Müller sein will. Ich habe das Buch in der Ich-Perspektive geschrieben, um die Geschichten nachvollziehbarer zu machen. Ich verknüpfe Erlebnisse von mir und von anderen und baue das zu einer Geschichte zusammen. Dadurch bekommt der Leser gute Einblicke. Frank-Walter Steinmeier hat mein Buch sogar als Bildungsroman bezeichnet.

"Der Begriff Integration grenzt Menschen aus"

Du bist mit unserem Außenminister ja auch befreundet und hast mit ihm gleich zweimal die Türkei bereist. Was schätzt du besonders an ihm?Ich mag Frank, weil er Nähe zu den Menschen sucht, wie es Politiker eigentlich tun sollten. Er ist wahnsinnig deutsch und trotzdem weltoffen. Wir haben viel über Themen wie "Doppelte Staatsbürgerschaft" geredet, ein Thema, das ihm sehr am Herzen liegt, und er hat sich in vielem bestätigt gefühlt.

Und wie gut schlägt sich die Politik deiner Meinung nach dabei?Ich finde, wir haben in der großen Koalition einen faulen Kompromiss gemacht. Wir brauchen aber eine klare Ansage und das muss ein Signal sein. Die Politik muss sagen: Diese Menschen, die hier leben, sind ein Teil von uns. Man muss diese Menschen abholen und ihnen die Verantwortung für das Land geben und dazu gehört vor allem auch das Wahlrecht. Wenn ich zu Erdogan gefragt werde, kann ich sagen: Jaja, den Artikel habe ich auch gelesen. Aber ich bin doch Deutscher und kann viel besser von der Politik in Deutschland berichten!

Du hast in einem Interview mal gesagt, dass du nicht mehr über Integration sprechen willst. Was siehst du daran kritisch?Man muss sich da sprachlich über etwas klar werden. In dem Moment, in dem wir die Begriffe "multikulturell" oder "Integration" verwenden, grenzen wir Menschen aus der Gesellschaft aus und bauen eine Grenze. Ich persönlich habe nicht das Gefühl, dass heutzutage noch integriert werden muss. Vielleicht muss man sagen: Deutschland ist 2014 ein Land, in dem wir alle leben, verschiedene Wurzeln haben und trotzdem Deutsche sind. "Deutsch sein" ist heute einfach anders als vor 20 bis 40 Jahren. Was macht einen Menschen deutscher als einen anderen?

"Akzeptanz" statt "Toleranz"

In deinem Buch schlägst du vor, das Wort "Toleranz" durch "Akzeptanz" zu ersetzen.Tolerieren kommt von "tolerare". Das bedeutet "erdulden". Wer möchte denn schon erduldet werden? Akzeptanz wäre das richtige Wort. Ich nehme dich so an, mit deinen Wurzeln. Das bedeutet: Wir begegnen uns auf Augenhöhe und respektieren uns.

Manchmal sind Situationen kompliziert, obwohl sie es gar nicht sein müssten. Beispielsweise, wenn wir jemanden kennenlernen und wissen wollen, was für einen Background die Person hat. Da wird die Frage: "Woher kommst du?" auch schnell als Affront gewertet. Wie würdest du die Frage stellen?Ich bin da ganz direkt und offen und frage einfach: "Wo kommst du her?" Das ist eine ganz normale Frage, da muss man sich einfach mal entspannen. Vor einiger Zeit hat mich der Journalist Thorsten Otto interviewt und mich ganz locker gefragt, wo ich geboren bin, ohne danach das "Multikulti-Thema" folgen zu lassen. Das war genau richtig. Es bedeutet ja nicht, dass wir unsere Wurzeln nicht kundtun und uns darüber austauschen können. Was haben wir mit einer Zeit zu tun, in der wir nicht gelebt haben?

Adnan Maral: Kurz & kompakt

  • Adnan Maral (46) kennt man vor allem als Metin Öztürk in "Türkisch für Anfänger". Man kann ihn aber auch in vielen anderen Kino- und Fernsehfilmen sowie in der NDR-Doku "Gott und die Welt" sehen.
  • Der in Çıldır (Türkei) geborene Schauspieler wuchs in Frankfurt a. M. auf und lebt heute mit seiner Frau und seinen drei Kindern bei München.
  • Zweimal (2006 und 2014) begleitete er Frank-Walter Steinmeier im Rahmen der Ernst-Reuter-Initiative auf seinen Reisen in die Türkei. Beim ersten Mal sehen sich die beiden im Bundeswehr-Flugzeug "Türkisch fürAnfänger" auf VHS an.

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