Nachts Mercedes Lauenstein
Wer ist in "Nachts" noch wach? | Foto: Aufbau Verlag
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31. Mär 2016

Heike Kruse

Bücher

Nachts

Das Debüt von Mercedes Lauenstein wiederentdeckt

25 Begegnungen mit der Nacht

Die namenlose Erzählerin wagt sich etwas, was vielen wohl nicht einmal im Traum einfallen würde. Sie klingelt bei ihren nächtlichen Streifzügen durch die Stadt an wildfremden Häusern. Immer dort, wo noch Licht brennt. Wenn ihr aufgemacht wird – und das passiert nicht oft –, dann sagt sie, sie wolle "eine Forschung machen, also über die Nacht, über das Wachsein" und herausfinden, was die Menschen nachts umtreibt. Mit einem einfachen "Darf ich reinkommen?" erhält sie Eintritt. Neugierig folgen wir der Erzählerin und lassen uns von 25 Schlaflosen ihre Geschichte erzählen.

Nachts – das Wort schon alleine weckt unzählige Assoziationen: dunkel, Mondlicht, Sterne, schlafen, träumen. Nachts scheint die Welt eine andere zu sein. Die Ideen verrückter, die Stimmung hemmungsloser, die Zeit endlos und das Mysteriöse, Unbekannte hat Raum. In der Nacht liegt eine versteckte Wahrhaftigkeit.

Und mit genau diesem Motiv spielt Lauenstein virtuos, wenn ihre Erzählerin an den Haustüren klingelt, um Einlass zu der Architektur-Studentin, zum Rentner, zur Werbetexterin und vielen anderen zu erbitten.

Entgrenzung bis zum Neubeginn

Dabei erzählen die Schlaflosen vom Verlassen-Werden nach zwölf Jahren Beziehung, vom nie zu stillenden Fernweh, vom Tod der geliebten Oma, vom alles verändernden Muttersein ... Allen Geschichten wohnt eine Erwartung nach einem neuen Anfang inne. Ganz so, als warteten sie nachts alle auf den Sonnenaufgang, um neu mit ihrem Leben beginnen zu können. Losgelöst von ihrer erdrückenden Vergangenheit.

So unterschiedlich die einzelnen Begegnungen auch sind, die Episoden folgen einem gleichbleibenden Schema: Zuerst beschreibt die Erzählerin das Haus, das Treppenhaus und ihren eigenen Zustand. Danach folgt der äußere Eindruck des Besuchten sowie dessen Wohnung oder Zimmers, bis sich dann meist ein Gespräch entspinnt, das die Erzählerin oftmals sehr abrupt verlässt.

Im Kleinen atmosphärisch-dicht

Lauenstein versteht es meisterhaft, ganze Biografien in den zwei-, drei-seitenlangen Episoden entstehen zu lassen, die mehr wie Monologe der Schlaflosen wirken, nur unterbrochen von den Beobachtungen der Ich-Erzählerin. Diese bleibt wiederum eine nebulöse Gestalt, erfahren wir doch als Leser kaum etwas über sie. Kein Wort darüber, was die Erzählerin zwischen den Episoden macht. Wo ist sie hingegangen, wenn sie keinen Einlass bekam? Wo gehört sie überhaupt hin?

Zwangsläufig fragt man sich als Leser, was für eine Geschichte die namenlose Erzählerin verbirgt. Eine Ahnung davon bekommen wir erst ganz zum Ende. Dass sie nicht wirklich über Menschen in der Nacht forscht, ist dagegen von Anfang an klar. Dass es lediglich ein vorgeschobener Grund ist, um die Menschen von ihren harmlosen Absichten zu überzeugen.

Die Münchner Autorin ist eine unheimlich atmosphärisch-dichte Schreiberin. Mit wenigen Worten lässt sie vor unseren Augen Episode um Episode wachsen, um im entscheidenden Moment abzubrechen, damit sie mit der nächsten weitermachen kann. Eine ruhelose Wanderin durch den Kosmos der Nacht. Und es gelingt. Lauenstein glückt der Kunstgriff, uns immer wieder aufs Neue zu begeistern, zu fesseln. Dieses Kleinod ist äußerst empfehlenswert!


Nachts BuchUNICUM Buchtipp
 

Nachts

Mercedes Lauenstein

Aufbau Verlag, August 2015

Preis: 18,95 €

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