Saturday Night Biber
Nur an tierliebe Hände abzugeben: "Saturday Night Bieber" | Foto: © S. FISCHER Verlag GmbH
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04. Jul 2017

Nina Weidlich

Bücher

Saturday Night Biber

Spirit Animal: Ameisenbär

Wer sich beim Spaziergang durch den Zoo schon einmal dabei erwischt hat, ungeduldig vor den Gehegen herumzutigern und alberne Schnalzgeräusche zu machen, um die besonders scheuen Exemplare hervorzulocken, kann in "Saturday Night Biber" noch viel lernen. Zum Beispiel, dass so ein träger Ameisenbär, der höchstens alle paar Stunden mal aus seinem Häuschen herauslugt, nur um uns seine überdimensionale Zunge entgegenzustrecken und sich dann wieder in seiner Höhle zusammenzukugeln, eine durchaus meditative Wirkung haben kann.

Die Zusammenkunft mit dem unförmigen Ameisenbären kann gar rührend werden, nämlich wenn man in dem konsequent langsam agierenden Tier seinen eigenen Chiller-Lifestyle wiedererkennt und merkt: Nichtstun ist in Ameisenbären-Kreisen gesellschaftlich schon total angekommen. Insider-Wissen, dass den einen oder anderen Montagmorgen, an dem man sich noch einmal in die Decke einkuschelt, erträglicher machen kann.

Den Ameisenbären Ernst-Einar hat Anja Rützel im Stuttgarter Zoo kennengelernt und ihm im tierischen Liebestaumel gleich zwei Kapitel ihres Buches gewidmet. Und auch wenn man sich zwischen den Oden an Ernst-Einar, Tipps zur artgerechten Schabenaufzucht oder Abhandlungen über die Entstehung von Molchen, fragt: Tickt die eigentlich noch ganz sauber? – eines muss man Rützel lassen: Sie schafft es, dass man sich für Dinge interessiert, über die man eigentlich gar nichts wissen wollte.

Saturday Night Biber Ameisenbär

Skurrile Tierreportagen ohne Flausch-Garantie

Taxidermie zum Beispiel. Das hat nichts mit einer geheimen Taxifahrer-Sekte zu tun, sondern ist plump gesagt der Oberbegriff für das Ausstopfen von toten Tieren. Oder, um es mit Rützels Worten zu sagen: Der Taxidermist ist ein Mensch, "der tote Tiere aufschneidet, ihnen das Fell oder die Federn abzieht, ihre Knochen bricht. Der die Augen aus den Höhlen löst und das Gehirn aus dem Schädel kratzt."

Das sollte von der Lektüre aber nicht abschrecken. Klar, schön ist das nicht. Auch Anja Rützels Hang zu drolligen Adjektiven und schrulligen Umschreibungen macht's nicht so wirklich viel besser. Denn: die Autorin hat alles, was sie in ihrem Roman beschreibt, selbst ausprobiert und berichtet im Buch von ihren Erfahrungen – #nofilter sozusagen. Wo man bei ihren Ausführungen über das Kuh-Kuscheln noch vergnügt quietschen möchte, schreckt die detaillierte und teils erstaunlich nüchterne Beschreibung vom Sezieren eines tiefgefrorenen Falken eher ab.

Auch, dass sie dem steifen Kadaver in einem verzweifelten Verniedlichungsversuch den Namen Ferdl gibt, tröstet nur schwach darüber hinweg, dass sie den armen Falken nach alter Taxidermie-Manier komplett auseinandernimmt. Zur Beruhigung: Es ist nicht alles eklig in Anja Rützels "Saturday Night Biber". Manchmal wird es sogar richtig plüschig – zum Beispiel, wenn es zum Kaninhop-Turnier nach Erding geht: einem Wettkampf, bei dem Kaninchenbesitzer ihre pelzigen Freunde wie Springpferde durch einen Miniatur-Parcours hüpfen lassen. Absurder ist wohl nur noch die Ausbildung zum Biber-Berater. Ob Anja sie gar nicht aus reiner Biber-Liebe, sondern nur des Titels wegen absolviert hat? Man könnte es ihr nicht verdenken. Auf jeden Fall schafft sie es, auch an den unpopulärsten Tieren und jedem noch so obskuren tierischen Hobby Gefallen zu finden – und uns mit ihrer Euphorie anzustecken.

Fazit zu "Saturday Night Biber"

Trotz aller Kuriositäten und vermeintlich unnützem Wissen hat man nach dem Lesen von "Saturday Night Biber" tatsächlich das Gefühl, tiertechnisch um einiges gebildeter zu sein. Denn man lernt nicht nur etwas über die Haltung von Hirschen oder den unterschiedlichen Lautäußerungen von Murmeltieren, sondern auch darüber, wie man am besten ein Alpaka einfängt. Dinge, über die wir uns in unserem meist eher tierlosen Alltag viel zu wenige Gedanken machen. Und auch wenn Anja Rützels verschrobene Art hier und da ein bisschen angsteinflößend ist (sie hat zum Beispiel eine beachtliche Menge ausgetopfter Dachse bei eBay ersteigert und ihre Wohnung damit "dekoriert"), merkt man: Sie brennt für ihre ulkigen Tierreportagen.

Genau diese nicht von der Hand zu weisende, aber gesunde Portion Wahnsinn macht Spaß – sorgt aber auch für einige verstörte Blicke in der Bahn. Nämlich zum Beispiel dann, wenn man nicht aufhören kann, wohlig zu glucksen, weil Rützel gerade ihre neu erworbene Schaben-Crew benennt: Stefan Schab, der Schab von Persien oder Schabi Alonso, um nur einige zu nennen.

Zugegeben: Man muss schon eine Affinität zu süßen und weniger süßen Tieren, zumindest aber eine leichte Macke haben, um "Saturday Night Biber" zu mögen. All diejenigen, die sich davon angesprochen fühlen, werden Anja Rützels Roman jedenfalls mit ziemlicher Sicherheit als inoffizielle Flausch-Bibel im Nachtschränkchen deponieren.


Die Infos zum Buch

Saturday Night Biber

Anja Rützel
FISCHER Verlag, Mai 2017
Preis: 9,99 Euro (Taschenbuch)
Online bestellen (Amazon): Saturday Night Biber

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