Pierre Chazal So etwas wie Familie
Pierre Chazal rettet mit seinem Roman den Leseherbst | Foto: Deuticke Verlag
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10. Nov 2015

Heike Kruse

Bücher

So etwas wie Familie

Der Erfolgs-Debütroman von Pierre Chazal

Unsere Wurzeln sind die gleichen

Die 1990er-Jahre in Lille. Pierre zögert nicht, als es darum geht, nach dem Freitod seiner Freundin Hélène ihren Sohn Marcus bei sich aufzunehmen. Dabei ist Pierres Alltag beherrscht von seinem trubeligen Dasein als Gemüsehändler, seine Wohnung eigentlich nicht groß genug für zwei und bei der Erziehung weiß er nur, dass er es anders als sein Vater machen möchte. Nicht zuletzt durch die Hilfe seiner guten Freunde gelingt es Pierre, dem Achtjährigen ein neues Zuhause zu schaffen. Es dauert nicht lange und Marcus träumt davon, auf dem Markt Fahrräder und große Autos zu verkaufen. Alles scheint sich für die beiden zum Guten zu wenden. Bis die Vergangenheit Pierre gnadenlos einholt und der zweite Teil des Romans von einem im Gefängnis sitzenden Pierre erzählt wird ...

Es gibt so etwas wie Familie

Französischer Gleichmut gepaart mit einer ans Herz gehenden Story – Pierre Chazal lädt uns zum Grübeln und Mitfühlen ein. Vor allem über Marcus. Herzzerreißend handelt der Junge, wenn ein Sozialarbeiter nach der Beerdigung seinen Verbleib klären möchte: "'Ich bin sein Patenonkel.' Als er mich das sagen hörte, blickte der Knirps zu mir auf und nahm mich an der Hand. Dann starrte er den Typ an, als wolle er ihm zu verstehen geben, dass es besser wäre, nicht zu viele Fragen zu stellen."

Den tapferen Marcus schließt man damit augenblicklich in sein Herz. Chazal schafft immer wieder solche Ach-wie-schön-Momente. So kann auch Pierre sich nicht vor dem "kleinen Knirps" verschließen und muss feststellen, Familie passiert einfach manchmal: "Ich sah all das, was ich Marcus erklären würde müssen, auch was ich vielleicht besser vor ihm verbarg. Und das Leben, das vor uns lag, wobei ich selbst darüber staunte, dass ich für ein Kind, das gar nicht mein eigenes war, das Wörtchen "wir" verwendete."

Doch komplett ist diese Familie erst, als Pierre sich in Fabienne verliebt und diese bei ihnen einzieht. Durch Pierres Augen lernen wir einfach und eindringlich, was für eine Familie wichtig ist: "Wir hatten unser Bedürfnis nach Liebe und Zärtlichkeit ja mit niemanden ausleben können, bevor Fabienne durch diese Tür kam. Ohne es zu wissen, gab sie uns dieses kleine Etwas, das Gewicht, das die Waagschalen ausgleicht und das wir Familie nennen."

So etwas wie Familie. Verwandtschaft greift zu kurz. Zusammenhalt und Geborgenheit sind nicht immer vorhanden. Das Bild von Vater, Mutter, Kind ist von der Realität längst überholt. Also, was macht eine Familie aus? In Worte ist es kaum zu fassen. Man fühlt es eher, hat eine Ahnung davon. Der französische Autor Pierre Chazal fängt liebevoll diese Verbundenheit in seinem Roman "So etwas wie Familie" ein. Mit klarer Sprache lässt Chazal eine alles überstrahlende Wärme im Roman entstehen, die uns daran erinnert, dass die schönsten Dinge des Lebens sich nicht kategorisieren lassen.


So etwas wie FamilieUNICUM Buchtipp
 

So etwas wie Familie

Pierre Chazal

Deuticke Verlag, August 2015

Preis: 18,90 €

Online bestellen (Amazon): So etwas wie Familie

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