Tess Gerritsen Interview
In ihrem neuen Thriller "Totenlied" dreht sich alles um die Kraft der Musik | Foto: © Derek Henthorn

09.08.2016

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28. Sep 2016

Nina Weidlich

Bücher

Tess Gerritsen: Von der Ärztin zur erfolgreichen Krimiautorin

Im Interview sprach sie über den Druck an Elite-Unis und mutige Job-Wechsel

"Ich habe immer meine Hausaufgaben gemacht!"

UNICUM: Sie haben an der Stanford University studiert. Heißt das, Sie waren ein richtiger Überflieger?
Tess: (Lacht) Das bedeutet, dass ich in der Schule sehr hart gearbeitet habe. Ich habe immer meine Hausaufgaben gemacht, hatte gute Noten – und ich war die erste Schülerin meiner Highschool, die nach Stanford gegangen ist. In den USA nennen wir das eine "Reach School": Es gibt bestimmte Unis, bei denen du weißt, dass du dort locker angenommen wirst. Bei anderen hoffst du, dass du angenommen wirst, und an wieder andere möchtest du es wirklich, wirklich gern schaffen, aber es ist fast unmöglich. Aber ich hab's geschafft und darüber habe ich mich wahnsinnig gefreut.

Muss man denn unbedingt an einer Elite-Uni studieren, um Karriere zu machen?
Nein, auf keinen Fall! Klar bin ich nach Stanford gegangen, weil ich wusste, dass ich dort wirklich gute Dozenten bekommen würde und es dort ein sehr gutes wissenschaftliches Institut gibt. Ich finde aber, das Wichtigste an einer Uni ist eine große Auswahl an verschiedenen Fachbereichen und Dozenten – wie an einem Buffet, wo du von allem ein bisschen probieren kannst.

Für Ihr Medizinstudium sind Sie dann an die University of California gewechselt. Haben Sie große Unterschiede zwischen privater und staatlicher Uni bemerkt?
Der größte Unterschied zwischen privaten und staatlichen Unis ist natürlich immer das Geld. Es gab damals nur eine begrenzte Zahl an Ärzteschulen in den USA, und an einer Privat-Uni hätte mich das Medizin-Studium eine Menge mehr gekostet. Ich habe mich dann für die University of California entschieden, denn sie hat eine der besten medizinischen Fakultäten im Land, obwohl Sie durch Steuergelder finanziert wird.

Was ist Ihre schlimmste Erinnerung an die Studienzeit?
Am härtesten war der Druck an der Ärzteschule. Man musste einfach konstant Leistung bringen, als Medizinstudent hast du nicht wirklich viel Zeit für Spaß. Es dreht sich alles nur darum, irgendwie den ganzen Lernstoff in den Kopf zu bekommen.


Rizzoli and Isles


"Ein Karrierewechsel ist quasi vorprogrammiert."

Stimmt es, dass Ihr Vater Sie überreden musste, Medizin zu studieren?
Ja, eigentlich wollte ich schon immer Schriftstellerin werden. Aber mein Vater war überzeugt davon, dass ich mir damit niemals meinen Lebensunterhalt finanzieren könne. Er meinte: "Du solltest in die Wissenschaft gehen, da kannst du Karriere machen."

Aber Sie konnten ihm das Gegenteil beweisen…
Leider ist mein Vater an Alzheimer erkrankt, bevor ich mit dem Schreiben erfolgreich geworden bin. Ich wünschte, er hätte mitbekommen, wie weit ich es gebracht habe. Aber im Endeffekt bin ich ganz froh, dass ich Medizin studiert habe. Daher habe ich das Hintergrundwissen, um über viele verschiedene Themen zu schreiben.

Welche Rolle sollte die Meinung der Eltern denn bei der Berufswahl ihrer Kinder spielen?
Das ist eine wirklich gute Frage, die ich mir als Mutter auch selbst oft gestellt habe. Wir haben immer versucht, unseren Kindern Ratschläge und ein bisschen Weisheit mit auf den Weg zu geben, aber am Ende habe ich mir immer gesagt: Kinder müssen tun, was sie tun wollen. Meine Söhne haben viele unterschiedliche Dinge gemacht: Der Ältere hat ein paar Jahre in einem Pharma-Unternehmen gearbeitet. Er hat sich dort wirklich gut gemacht, aber irgendwann rief er an und meinte: "Ich bin unglücklich, ich möchte nicht mein ganzes Leben in einem Labor verbringen." Daraufhin ist er Biologielehrer an einem College in seiner Nähe geworden. Mein jüngerer Sohn war eine Zeit lang Farmer, das war immer sein Traumberuf. Aber er konnte nicht genug Geld damit verdienen, deshalb ist er in seine Heimat zurückgezogen und macht jetzt Filme. Unser Leben ist so lang, da ist es quasi vorprogrammiert, dass wir einen Karrierewechsel machen. Oder zwei, oder drei…(lacht)


InfoDarum geht's im Buch "Totenlied"

Als Erinnerung an einen Aufrtritt in Italien kauft sich die Violinistin Julia ein Notenbuch mit alten Zigeunermelodien. Vor allem eine Walzerkomposition, die lose aus dem Buch herausguckt, weckt Julias Interesse. Doch jedes Mal, wenn sie sich Zuhause daran macht, das schwierige Stück zu proben, beginnt ihre ihre dreijährige Tochter, grausame Dinge zu tun. Julia ist überzeugt, dass es der Walzer ist, der ihre Tochter auf eine merkwürdige Art und Weise verändert, doch Freunde und Familie erklären die junge Mutter für verrückt. Als sie zunehmend Angst vor ihrer Tochter bekommt und schon beginnt, an ihrem eigenen Verstand zu zweifeln, macht Julia sich daran, in Italien nach dem Ursprung des geheimisvollen Musikstücks zu suchen. 


"Ich war immer dazu bestimmt, Autorin zu sein!"

Was mögen Sie am Autorenberuf, was Sie als Ärztin vermisst haben – und umgekehrt?
Ich liebe es, als Schriftstellerin Geschichten erzählen zu können. Was ich am Beruf als Ärztin vermisse, ist der Kontakt zu den Patienten, sie näher kennenzulernen, etwas über ihr Leben zu erfahren. Und vor allem dieses unglaublich befriedigende Gefühl, das Leben der Menschen besser zu machen. Aber alles in allem habe ich den Berufswechsel nie bereut. Ich glaube, ich war immer dazu bestimmt, Autorin zu sein.

Aber heute machen Sie das Leben der Menschen doch auch besser, auf eine andere Art und Weise…
Na ja, heute mache ich ihnen eher Angst! (lacht)

Wobei kommen Ihnen die besten Ideen?
Eine Menge meiner Ideen stammt aus echten Meldungen, echten Gewalttaten. Viele Einfälle kommen mir auch, wenn ich auf Reisen bin: In meinem letzten Venedig-Urlaub kam mir zum Beispiel die Idee zu meinem neuen Roman "Totenlied". Dort hatte ich einen Albtraum: Ich spielte Geige, und neben mir saß ein Baby, das sich plötzlich in ein Monster mit roten Augen verwandelt hat. Als ich wach wurde, wusste ich, dass hier irgendwo eine unheimliche Geschichte lauert.

Und was machen Sie, wenn Sie mal eine Schreibblockade haben?
Oh, das passiert mir ständig. Mir hilft es dann, eine längere Strecke mit dem Auto zu fahren. Wenn ich wirklich verzweifelt bin, lege ich mich einfach nur aufs Sofa, starre die Decke an und überlege, an welcher Stelle meine Geschichte aus dem Ruder gelaufen ist.

Tess Gerritsen Violine

Musik – Fluch oder Segen?

In Ihrem neuen Thriller "Totenlied" dreht sich alles um das Musikstück "Incendio", das sie selbst komponiert haben. Welche Rolle spielt die Musik in ihrem eigenen Leben?
Ich spiele Klavier und Geige und habe viele Freunde, die Musiker sind. Oft treffen wir uns für Jam Sessions, meistens spielen wir irische oder schottische Lieder. Während ich arbeite, höre ich allerdings überhaupt keine Musik, da brauche ich die Stille. Wenn ich aber meine Lieblingsmusik benennen müsste, wären es wohl die Songs aus meiner Jugend: Mit Rap kann ich nichts anfangen, aber ich liebe immer noch die Beatles!

Was ist schwieriger: Ein Buch schreiben oder ein Lied komponieren?
Das sind zwei komplett unterschiedliche Dinge. Ich kann zum Beispiel kein Stück komponieren, bis ich eine konkrete Melodie in meinem Kopf habe. Beim Schreiben ist das anders, da finde ich überall um mich herum Inspirationen für neue Geschichten: In Tageszeitungen, in Gesprächen … für mich ist es deutlich einfacher, mir eine neue Geschichte auszudenken.

Und wie kamen Sie auf die dann auf die Idee zu "Incendio"?
Ich hatte einen Traum – schon wieder! Ich weiß, es klingt verrückt, aber das war mein zweiter Traum zu diesem Buch. Ich wurde wach und dachte: Okay, ich weiß jetzt, wie "Incendio" klingt. Dann hab ich mich direkt ans Klavier gesetzt und die Melodie mit meinem Handy aufgenommen. So etwas ist mir vorher noch nie passiert.


Kurz nachgehakt bei Tess Gerritsen:

Haben Sie Einfluss auf die TV-Serie "Rizzoli und Isles", die auf Ihren Romanen basiert?
Nein, insgesamt stammen nur zwei Folgen aus meiner Feder. Es gibt dort ein Autorenteam, das sich alle Geschichten selbst ausdenkt.

Schauen Sie die Serie?
Ja, ich schalte regelmäßig ein! Während des Serienfinales war ich leider unterwegs, aber ich hab´s mir aufgenommen.

Wissen Sie bei Krimiserien nicht schon nach 5 Minuten, wer der Mörder ist?
Ja, das ist ein echtes Problem! Ich sehe ständig überall Hinweise – wahrscheinlich sind wir Krimi-Autoren da ziemlich spoileranfällig.

Was für Bücher lesen Sie in Ihrer Freizeit?
Hauptsächlich Geschichts- und Sachbücher. Privat interessiere ich mich einfach mehr für die Realität als für erfundene Stories.

In "Totenlied" beginnt alles mit dem Kauf eines Souvenirs. Was ist ihre schönste Urlaubserinnerung?
Eine alte Geige, die ich in Cremona in Italien gekauft habe – DIE Stadt der Geigen! Ich spiele sie auch heute noch gerne.


Totenlied Tess GerritsenUNICUM Buchtipp:

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Tess Gerritsen

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