Das Volk der Ewigkeit kennt keine Angst - Shani Boianjiu
Foto:

15. Aug 2016

Bücher

UNICUM Buchtipp: Das Volk der Ewigkeit kennt keine Angst

-ARCHIV-

Ein eindringlicher Roman über die verlorene Jugend in Westgaliläa

Ein geteiltes Schicksal in Israel

Drei junge Mädchen, drei unterschiedliche Lebenswege, aber eine Geschichte. Lea, Avishag und Yael gehen zur Schule, lernen alles über vergangene Kriege und müssen dann selbst zum Militär. So wie jedes Mädchen in Israel. Die 18-Jährigen ziehen eine Uniform an, werden knallhart ausgebildet und müssen dabei mitunter harte Lektionen über sich ergehen lassen. Yael berichtet, wie Rekrutinnen in einem Tränengaszelt diese vier Fragen gestellt bekommen:

"Liebst du die Armee? Liebst du dein Land? Wen liebst du mehr, deine Mutter oder deinen Vater? Hast du Angst vor dem Tod? Die Oberleutnants haben ihren Spaß dabei, weil sie diese Fragen einmal stellen, wenn der Soldat die Maske auf hat, aber dann noch einmal, wenn der Soldat ohne Maske im Tränengaszelt steht, und sie zusehen können, wie er in Panik ausbricht."

Dazwischen werden sie erwachsen, haben Liebschaften, Sex und erträumen sich eine andere Realität, um ihre zu ertragen. Lea, Avishag und Yael teilen ein Schicksal, gehen aber unterschiedlich daraus hervor. Das Militär hat seine Spuren in ihren Leben hinterlassen. Jedes der drei Mädchen erzählt aus der Ich-Perspektive seine Erlebnisse. Mit jedem Kapitel wechselt auch die Erzählstimme, nicht aber der schlanke Stil und der nüchterne Tonfall. Das mutet am Anfang befremdlich an. Denn herauszufinden, wer spricht, ist dadurch manchmal nicht leicht.

Aufrüttelnd bis zum Schluss

Die Sprache, die Boianjiu benutzt, ist hart und schafft dennoch unglaublich berührende Bilder. Yael erzählt zu Anfang des Romans, was sich hinter dem Wort "Panzerfaust-Kinder" verbirgt. Neun oder zehn Jahre alt sind diese Kinder, denen 1982 im Libanonkrieg eine Panzerfaust in die Hand gedrückt wird. Eines der Kinder legt sich die Waffe auf die Schulter, das andere hält das Ende fest. Bei einer Panzerfaust tritt nach dem Abfeuern hinten ein Feuerstrahl aus. Das hintere Kind wird dadurch in Flammen gesteckt.

"Keiner hat mit ihnen geredet, keiner hat ihnen irgendwas gesagt, weder den Kindern, die vorn festhielten, noch den Kindern, die hinten festhielten, aber sehr, sehr interessant ist, dass das vordere Kind sehr oft das brennende Kind hinten ansprang und es umarmte, und dadurch stiegen die Opferzahlen massiv, das eine Kind ist nicht allein verbrannt.“

Für uns hier in Deutschland kaum vorstellbar, in anderen Ecken der Welt Alltag. Solche Geschehnisse werden schnell zur Gewohnheit, wenn man ihnen täglich begegnet. Sie lassen die Menschen abstumpfen und genau diese Tatsache klingt in jedem Satz des Romans mit. Die Schilderungen sind weder profan noch lassen sie den Leser kalt. Es breitet sich ein Gefühl von Ausweglosigkeit aus, wenn klar wird, wie traumatisiert Lea, Avishag und Yael am Ende ihrer Dienstzeit sind.

Nahost-Konflikt scheint unlösbar und schonungslos

Boianjiu nähert sich der Geschichte ihres Heimatlandes in einer unpolitischen, aber sehr persönlichen Weise an: Sie beschreibt die harte, brutale Realität, in der nicht nur die drei Protagonistinnen in Israel aufwachsen, sondern ganze Generationen von Teenagern. In einem Israel, das keine Rücksicht nimmt, denn Tod, Gewalt und Gefahr sind ihre permanenten Begleiter. Shani Boianjiu ist dort aufgewachsen, wo ihr Roman spielt, in Westgaliläa an der Grenze zum Libanon. Auch sie musste zwei Jahre zum Militärdienst und wurde wie Yael als Waffenausbilderin eingesetzt. Deswegen ist ihr Roman aber keineswegs autobiografisch. Der Roman basiert vielmehr auf einzelnen Erzählungen von Boianjiu, die im "New Yorker" und in der "New York Times" erschienen sind. Die bloße Aneinanderreihung dieser Texte fällt mal mehr, mal weniger auf bis sie zu einer Collage des Grauens verschmelzen. In 19 Sprachen erscheint das Debüt von Shani Boianjiu und wird ganz sicher seine Leser rund um die Welt bewegen.

 

Das Volk der Ewigkeit kennt keine AngstShani BoianjiuKiepenheuer & Witsch, September 2013Preis: 19,99 €

Artikel-Bewertung:

3.23 von 5 Sternen bei 106 Bewertungen.