Ausschnitt des Covers | Foto: Berlin Verlag
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15. Aug 2016

Bücher

UNICUM Buchtipp: Der Besuch

-ARCHIV-

Seit August liegt das mutige Debüt der israelischen Schriftstellerin Hila Blum im Handel

Also, worum geht es in "Der Besuch"?

Heute und gestern. Früher und Jetzt. Einsam und gemeinsam. Das sind die Extreme zwischen denen die Protagonisten in "Der Besuch" schwanken. Ihre Gegenwart wird immer wieder unterbrochen, um die Vergangenheit hervorzuholen. Stets in Bruchstücken. Nie wird die ganze Episode erzählt. Diese Fragmente formieren sich erst am Ende zu einem diffizilen Bild einer Familie. Auch wenn nicht alle ihre Geheimnisse gelüftet werden.

Der rote Faden in "Der Besuch" ist glasklar: In Paris kommt dem Liebespaar Nili und Nataniel ein merkwürdiger Mann namens Duclos in einem höchst-exklusiven Restaurant zu Hilfe. Jahre und ein Anruf später will Duclos die beiden (nun) Verheirateten in ihrer Heimatstadt Jerusalem besuchen. Ein Zwischenfall stößt damit wieder an die Oberfläche, der Lücken in die heile Welt reißt. Was geschah damals in Paris?

Familiengeschichte in den Zehnerjahren

Bei "Der Besuch" handelt es sich um eine emotionale Einfärbung der Realität eines Familienalltags. Wenn das soziale Konstrukt Familie betrachtet wird, dann in höchst emotionaler Weise. Diese Gefühlsbetontheit wirft Schlaglichter auch ins Leben des Lesers. Wie definieren wir den Begriff Familie? Woraus ziehen wir die enge Verbundenheit? Blum nähert sich diesem Komplex von einer anderen Seite und fragt, was eine Familie innerhalb ihrer Strukturen verdrängt. Und ganz wichtig: Was können wir als Familie ertragen?

Nati und Nili leben, lieben und streiten als Eltern einer Patchwork-Familie. Viel Schmerz, Zurückweisung, Unsicherheit und Halbwahrheiten stecken in dieser Familie, die aus einem Stiefkind, einem gemeinsamen Kind und einer Ex-Ehefrau besteht. Um sich der Komplexität dieser familiären Strukturen und deren emotionaler Tiefe auf literarischem Wege zu nähern, entwirft Blum eine ungeheure Sprachgewalt.

Die Bedrohlichkeit der Außenwelt

Jerusalem. Das Kolorit dieser Stadt legt Blum um alles herum. Verschiedene Kulturen, eine hügelige Landschaft, die Unruhe einer Großstadt, aber auch ein Mikrokosmos der Bedrohung:

"Fast jeden Tag sterben Menschen auf den Straßen. Sprengstoff wird in Rohre geblasen, Bomben werden gebastelt. Das Dach eines Cafés hebt sich in die Luft, salutiert dem Himmel, ein Autobus bricht auseinander, ein Auto wird beschossen."

Das ist der Alltag für Nili und Nati. Terroranschläge fegen die Straßen leer. Touristen fliehen aus der Stadt. Eine ständige Angst vor plötzlichen Gewaltausbrüchen schwebt über der Stadt und dadurch über ihrer Familie. Diese Atmosphäre setzt Blum als eine Allegorie für die Zerbrechlichkeit von Familien. Jeden Moment kann sie auseinandergerissen werden. Von außen und von innen.

Gefühle gibt es eine Unmenge. In jeder Familie. Manchmal gehen wir zu schnell über sie hinweg und was folgt, ist ein innerer Bruch. Diese Nachwirkungen zeigt uns Hila Blum. Denn "Gefühle lassen sich nicht befehlen". Dennoch entlässt uns die Geschichte mit der versöhnlichen Formel: "Wir erzählen alles, verzeihen uns alles und dann werden wir schlafen."

 

Hila BlumDer BesuchBerlin Verlag, August 2014Preis: 22,99€

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