Der Geruch der Erinnerung von Molly Birnbaum
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15. Aug 2016

Bücher

UNICUM Buchtipp: Der Geruch der Erinnerung

-ARCHIV-

Reizvolle Lesekost mit anspruchsvollem Thema

So fängt alles an

Molly Birnbaum wird in Boston geboren, wächst dort auf, geht in Provedence zur Universität, um Kunstgeschichte und Architektur zu studieren. Doch dann entdeckt sie ihre Leidenschaft für das Kochen. "Ich hatte eine Welt betreten, die mich herausforderte, mich frustrierte und entzückte, eine Welt, in der ich wachsen konnte. Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, meine Zukunft sehen zu können, sie zu kennen." Sie wirft alles über den Haufen und möchte nun Köchin werden, beginnt eine Ausbildung. Doch auch dieser Traum zerplatzt. Sie kann nicht mehr riechen. Die Diagnose: Anosmie. In New York City versucht sie daraufhin einen vollkommenen Neubeginn. Molly entdeckt das Schreiben und lässt uns an ihren Erfahrungen teilhaben.

So nimmt es seinen Lauf

In ihrem Roman "Der Geruch der Erinnerung" lernen wir als Leser die mysteriöse und faszinierende Welt des Riechens kennen. Es gibt unzählige Prozesse, die in unserem Gehirn passieren, wenn wir riechen. Geruchsrezeptoren, Neuronen, Riechepithel spielen dabei eine gewichtige Rolle. Vieles davon versteht die Wissenschaft bis heute nicht. Die Ärzte stehen bei Anosmie vor einem Problem, denn, wie der Heilungsprozess verlaufen wird, können diese nicht eindeutig vorhersehen.

Molly Birnbaum ist das beste Beispiel dafür: Bei einem Autounfall verliert sie ihren Geruchssinn. "Den kleinen Ford, der die Ampel überfuhr, die gerade von Rot auf Grün gewechselt hatte, bemerkte ich nicht. Ich spürte nicht, wie mein Körper gegen die Stoßstange knallte." Danach erscheint die Welt ihr ohne Geruchssinn fad, öde und platt. Selbst der heiß geliebte Apfelkuchen ist nicht mehr wie zuvor. Die Konsistenz, die Weichheit der Früchte und die Knusprigkeit der Streusel nimmt sie wahr, aber: "Das Aroma von Zimt, Muskat, Zitrone war unauffindbar, ebenso wie das von Honig und Getreide. Und wo war die sahnige Butter?" In ihrer Not sucht sie Antworten bei Ärzten und Wissenschaftlern, aber auch beim Speiseeishersteller Ben Cohen, einem der Gründer von Ben & Jerry‘s. Ein HNO-Arzt sagt ihr auf den Kopf zu, dass es keine Aussicht auf Heilung für sie gibt. Ein Schock. Für Molly steht jedoch fest: Das kann nicht die endgültige Antwort sein! Sie fängt an zu recherchieren. Immer wieder führt sie im Roman renommierte Wissenschaftler ins Feld und schildert anschaulich die Ergebnisse ihrer Forschung. Eine Gradwanderung zwischen romanhaften Elementen und wissenschaftlicher Abhandlung, die unheimlich gut gelingt.

So beginnt alles neu

Eines schönen Tages steht Molly bei ihrer Mutter in der Küche und es passiert das Unglaubliche: Der Duft von Rosmarin bricht sich seine Bahn durch ihre Nase. Sie riecht. Sie riecht Rosmarin. Seit diesem Augenblick entdeckt Molly in unregelmäßigen Abständen die Welt neu. Mal ist es das metallische Wasser eines Springbrunnens, das süße Parfüm einer Mitreisenden, der ekelerregende Gestank von Müll in New York City. Und endlich riecht der Herbst wieder nach gerösteten Kürbiskernen für Molly. Da ist die Liebe auch nicht mehr fern.

Dieser Roman versetzt euch in eine unbekannte Welt. Aber Molly Birnbaum schildert ihren Weg mit beeindruckenden und ausdrucksvollen Worten, so dass man als Leser selbst in den Bann der Gerüche gerät. Ein nachdenklich stimmendes Buch, das zugleich so unheimlich viel Wohlgefühl spendet. Molly Birnbaums Lebensgeschichte ist fesselnd bis zur letzten Seite und macht Lust auf mehr!

Molly BirnbaumDer Geruch der Erinnerungbtb, Februar 2013Preis: 9,99 €

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