Ausschnitt des Covers von "Die Erbin" | Foto: Heyne Verlag
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15. Aug 2016

Bücher

UNICUM Buchtipp: Die Erbin

-ARCHIV-

Die Fortsetzung von "Die Jury" ist seit März in den Buchhandlungen

Erste und letzte Worte

"Sie fanden Seth Hubbard an der vereinbarten Stelle, allerdings anders als erwartet. [...] Alle sprachen durcheinander, während sie den Baum hinter sich ließen und sich auf den Weg zum Picknick machten."

Das sind der erste und der letzte Satz von John Grishams neuestem Roman "Die Erbin". Dazwischen liegen rund 700 Seiten packender Justizthriller. Der zu verhandelnde Fall: Es ist, wie der deutsche Titel offenbart, ein Erbschaftsstreit. Doch Seth Hubbard hat nicht irgendeinem Verwandten sein beträchtliches Vermögen vermacht. In seinem handschriftlichen Testament spricht er einen Großteil des Geldes seiner farbigen Haushälterin Lettie Lang zu. Die Brisanz dieser Entscheidung liegt auf der Hand. Es ist Ende der 1980er Jahre in Clanton, einem verschlafenen Nest im Bundesstaat Mississippi und Rassismus ist immer noch ein Thema. Zudem sind Hubbards Verwandte vor den Kopf gestoßen, denn keiner versteht den Grund. Der neugierige Leser kann nicht anders, als sich zusammen mit dem aus "Die Jury" bekannten Anwalt Jack Brigance auf Spurensuche zu begeben. Jacks Frau Carla stellt jedoch richtig fest: "Das wird heftige Wellen schlagen, Jake."

Es ist und bleibt ein Grisham

Der Roman glänzt: Das malerische Setting versprüht Südstaaten-Charme. Die Wendungen kommen zur rechten Zeit. Die Sprache ist schlicht, funktional und fließend. Der Rechtstreit mit seinen feinen Winkelzügen wird fachkundig begründet. Rasend schnell ist man in der Geschichte drin und wird nebenbei zum Experten für amerikanisches Erbschaftsrecht. Der Wechsel der Perspektive wird gekonnt zur Spannungserzeugung eingesetzt. Die Charaktere sind von der Cafebedienung bis zum Richter verschroben und einzigartig genug, um sie im beschaulichen Örtchen Clanton tatsächlich zu vermuten. Lediglich Jack Brigance ist zu glatt geraten. Er besitzt keine großen Fehler, keine echten Macken. Trotzdem ist er der Sympathieträger im Roman. Aber es fehlt ein wenig der Nervenkitzel bei seinen Entscheidungen und Handlungen.

Sympathischer Held, großspurige Anwälte, raffgierige Verwandte und ein kniffliger Fall. Die bewährte Grisham-Mischung passt. Ganz ehrlich, "Die Jury" muss man nicht gelesen haben, um der Handlung von "Die Erbin" folgen zu können. John Grisham nimmt den Leser bei der Hand, lässt ihn eine Ahnung davon bekommen, was in "Die Jury" passiert ist und schreibt eine Geschichte, die auch für sich alleine stehen kann. Ausreichend Spannung besitzt sie und kommt dabei ganz ohne blutrünstigen Killer aus. Auch nach über 20 Jahren schreibt Grisham mit "Die Erbin" einen anspruchsvollen, unheimlich fesselnden Justizthriller.

Die ErbinJohn GrishamHeyne Verlag, März 2014Preis: 24,99 €

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