Kleinstadt
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15. Aug 2016

Bücher

UNICUM Buchtipp: Ein plötzlicher Todesfall

-ARCHIV-

J. K. Rowlings sehnlichst erwarteter "Post-Potter"

Die Idylle trügt

Hinter der augenscheinlich idyllischen Fassade der (fiktiven) englischen Kleinstadt Pagford brodelt es gewaltig. Zum Epi-Zentrum wird die Sozialsiedlung Fields, die von Familienkonflikten, Kriminalität und Drogenmissbrauch geprägt ist. Mit dem unerwarteten Tod von Barry Fairbrother, hat die Gemeinde seinen größten Befürworter im Stadtrat von Pagford verloren. Gutmensch Barry stammte selbst aus Fields und galt als gelungenes Vorzeigemodell in Sachen Resozialisierung. Nach seinem Tod gibt es eine Menge Kandiaten für seine Nachfolge, die mehr oder weniger eigennützige Ziele verfolgen. Ein brisanter Umstand, der nicht gerade zum Frieden in Pagford beiträgt.

TROTZ DES TITELS KEIN KRIMI

Vor Veröffentlichung des Romans hielt sich das Gerücht hartnäckig, es handle sich bei J. K. Rowlings neuem Werk um einen Krimi. Beim Titel "Ein plötzlicher Todesfall" liegt das natürlich auch nahe. Die ersten Seiten beschreiben das Ableben Barry Fairbrothers auf dem Golfplatz. Auch wenn als Todesursache schnell die Rede von einem Aneurysma ist, könnte man natürlich vermuten, dass der gute Barry Fairbrother keineswegs eines natürlichen Todes gestorben ist. Aber nein, um die Aufklärung eines Mordfalls geht es nicht!

ZAHLREICHE FIGUREN SORGEN FÜR VERWIRRUNG

Was stattdessen die nächsten knapp 600 Seiten folgt, ist ein erstaunlich reales Abbild der Gegenwart, eine sozialkritische Betrachtungsweise der Lebensumstände in Pagford. Die Sprache J. K. Rowlings ist gewohnt detailgetreu und überzeugt mit treffsicheren Formulierungen. Nur was fehlt, ist eine richtige Handlung. Es tauchen gefühlt 50 verschiedene Personen auf: niederträchtige Lokalpolitiker, gewalttätige Schüler, eine drogensüchtige Mutter und außerdem zahlreiche Familienangehörige, Freunde und Bekannte – teilweise zusätzlich mit Spitznamen – was die Sache nicht unbedingt leichter macht. Man bringt schnell etwas durcheinander und weiß nicht mehr genau, wer jetzt wer ist und was genau die Person für eine Rolle in der Geschichte spielt.

SPRACHE: NICHT JUGENDFREI

Um ein möglichst dichtes sozialkritisches Bild zu vermitteln, ist die Wortwahl der Autorin recht derb. Kraftausdrücke wie "Ach du meine Fresse" und "selbstgefälliger Wichser" ziehen sich durch das gesamte Buch, genau wie das Thema Sex. Denn während eine Person "von einer Stellung in die nächste wechselt, ihre stämmigen Beine für ihn angehoben und sich wie eine slawische Akrobatin verbogen hat", hat eine andere sich schon im zarten Alter von zwölf Jahren mitten im Unterricht von den Mitschülern an die Brüste fassen lassen. Solche Szenen wären in Harry Potter natürlich undenkbar gewesen. Aber genau darum geht es J. K. Rowling auch. Sie will nicht mehr unterhalten, sondern auf aktuelle Themen der Gegenwart hinweisen und Gesellschaftskritik, ohne dabei sentimental zu wirken. Und das gelingt ihr.

 

Ein plötzlicher TodesfallJoanne K. RowlingCarlsen Verlag, 2012Preis: 24,90 €

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