Mittelstadtrauschen von Margarita Kinstner
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15. Aug 2016

Bücher

UNICUM Buchtipp: Mittelstadtrauschen

-ARCHIV-

Ein Debütroman mit Wiener Schmäh

Verzwickt, verzwackt, verzwirbelt

Sie stößt seine Kaffeetasse um, er schaut ihr in die Augen. Marie und Jakob lernen sich in einem Wiener Kaffeehaus kennen und lieben. Doch zuerst muss sich Jakob von Sonja trennen. Marie ihre Gefühle für Joe klären. Joe ist allerdings von einer Brücke gesprungen und verstorben. Das macht die (Liebes-)Dinge kompliziert. Sonja stürzt wiederum nach der Trennung von Jakob in ein Loch, möchte sie doch unbedingt Kinder. Sie fängt eine Beziehung mit Gery, dem besten Freund von Joe an. Der wiederum pflegt Jakobs Großmutter Hedi und freundet sich mit ihr an. Währenddessen erkrankt Maries Vater Hugo. Ihr merkt schon: Die Handlung von "Mittelstadtrauschen" zusammenzufassen ist schier unmöglich … Ich habe versucht, die Beziehungen der Figuren nachzuvollziehen und bin gnadenlos gescheitert:

Lasst euch in die Geschichte hineinziehen und genießt die Reise voller Verschränkungen (Teil 1), Interferenz (Teil 2), Absorption (Teil 3), Disentanglement (Teil 4) und Fliehkraft (Teil 5).

Ein starkes Debüt, das am Ende Glücksgefühle freisetzt

Wer auf ein wenig Herzschmerz bei dem Roman spekuliert hat, wird auch nicht enttäuscht. Die Trennung von Marie und Joe hat eine ungeahnte Tiefe:

"Marie nahm Joe seine Liebe nicht ab, und Joe konnte nicht anders, als so zu sein, wie er eben war. Als er sah, wie sie litt, gab er sie frei, indem er ihr bestätigte, was sie längst ahnte, nämlich, dass er sie nicht genug liebte. Es war das erste und einzige Mal, dass er sie belog."

Die Sätze fliegen einem entgegen, so schnell wie auch die Annäherung zwischen Marie und Jakob ist auch das Tempo im Roman. Kinstner bedient sich einer poetischen Sprache voller Personifikationen und Vergleiche. Es beeindruckt zutiefst wie gekonnt sie mit Worten umgeht und uns das Lesen auf derart neue Art und Weise lehrt. Die Wörter bahnen sich mit einer Bilderflut ihren Weg in unsere Leserphantasie. Ich könnte stundenlang in diesem wortgewaltigen Werk schwelgen. Hier für euch deshalb eine kleine Kostprobe dieser bombastischen Wortschöpfungen: Mozartkaffees, blassblaue Märzhimmelaugen, Kaffeehausaschenbecher, Liebeskummertränen, Altweibermundgeruch, Großmutterwohnung, Geschirrklapperoffbeat und Waschtrommeldownbeat …

Ein Beziehungsknäuel, das sich am Ende auflöst

Der Roman "Mittelstadtrauschen" bricht wie ein Wirbelwind über den Leser ein, im Kern ganz ruhig, doch Drumherum ein Chaos an Gefühlen und Geschichten. Das Konstrukt der Beziehungen unter den zahlreichen Figuren baut sich schleichend auf, um im letzten Teil eine ungeheuerliche Wendung zu nehmen. Die Welt ist ein Dorf und die 2.0-Weisheit "Jeder kennt jeden" versteckt sich hier allerdings direkt in den familiären Banden. Denn der Stolz der Menschen treibt manch ungeahnte, verbotene Frucht. Ein Buch wie ein Rausch: schnell, intensiv und einnehmend!

 

 

MittelstadtrauschenMargarita KinstnerDeuticke Verlag, August 2013Preis: 19,90 €

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