Ausschnitt des Covers von "Nach allem, was passiert ist" | Foto: Kein & Aber
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15. Aug 2016

Bücher

UNICUM Buchtipp: Nach allem, was passiert ist

-ARCHIV-

Der Debütroman von Sophie Coulombeau ist seit April im Buchhandel

Jugendliche auf Abwegen

Vier Jugendliche werden in derselben Straße groß, der Chesterton Close. Aus unterschiedlichen Verhältnissen stammend schmieden sie gemeinsam einen Plan. Die 14-Jährigen beschließen, ihre Unschuld zu verlieren. Vier Jugendliche, die die ernsten Folgen dieses Plans nicht ansatzweise erkennen. Erst als es zu spät ist ... Fünfzehn Jahre danach erzählen Day, Rachel, Lizzie und Nick ihre Version der Ereignisse. Doch wer sagt die Wahrheit? Was ist damals wirklich passiert?

Alte Idee vortrefflich neu arrangiert

Sophie Coulombeau ist mit 28 Jahren eine junge Autorin. "Nach allem, was passiert ist" ist ihr erster Roman. Umso erstaunlicher, mit welchem Fingerspitzengefühl sie die Charaktere und deren Ansichten zeichnet. Sie ist sehr gut darin, die Beweggründe und Ansichten der Teenager überzeugend erscheinen zu lassen. Wie schnell sie sich umentscheiden, was sie bewegt, was sie antreibt. Das ist beeindruckend, denn die Perspektive ist doppelt verzwickt. Es sind Erwachsene, die auf ihre eigene Jugendzeit zurückblicken und sich selbst zurückversetzen müssen.

Dagegen ist die Struktur nicht originell. Es sind kurze Kapitel. Die Jugendlichen sprechen abwechselnd. Coulombeau wartet mit einem anderem Kniff auf: Die jungen Erwachsenen schildern ihre Geschichte einem unbekannten, stummen Interviewer. Immer wieder wird der Interviewer direkt von den Protagonisten Day, Lizzie, Nick und Rachel angesprochen. Damit wird der Leser indirekt zum Beichtvater. Und wer hört nicht gerne die dunklen Geheimnisse anderer Menschen?

Wahrheit ist nicht gleich Wahrheit

Coulombeau versteht es geschickt, eine stete Spannung aufzubauen und diese nicht im luftleeren Raum verpuffen zu lassen. Nicht zuletzt, weil Menschen aus dem Umfeld der Teenager zu Wort kommen, wodurch sich ungeahnte Nebenschauplätze ergeben. So lernen wir den einsamen Vater von Rachel oder auch die unterkühlte Mutter von Lizzie kennen. Auch deren Ansichten unterscheiden sich ein ums andere Mal.

Es sind keine einfache Fragen, die der Roman an uns stellt: Wem glauben wir am Ende seine Schilderungen? Haben alle recht oder präferieren wir doch eine Version der Ereignisse? Was bewegt uns zu der Annahme, die Wahrheit gefunden zu haben? Coulombeau fordert uns auf, genau zuzuhören und uns klar zu werden, wie unsere Wahrheit aussieht. Auch wenn uns bewusst sein sollte, dass wir tagtäglich unsere ganz persönliche Wahrheit leben und diese nur eine Illusion ist.

Jeder glaubt an seine Version der Geschichte und beansprucht für sich, die Wahrheit zu kennen. So merkt Day an: "Es gibt da eine kleine Sache namens Wahrheit. Ich war nicht allein. Wir waren zu viert. Und trotzdem hat man mir die ganze Schuld in die Schuhe geschoben." Weil die anderen an ihre Version der Geschichte glaubten, möchte man ergänzen. "Nach allem, was passiert ist" lässt eine endgültige Antwort auf die Frage nach der Wahrheit nicht zu, die können wir nur selbst finden. Illusion hin oder her.

Nach allem, was passiert istSophie CoulombeauKein & Aber, April 2014Preis: 17,90 €

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