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16. Aug 2016

Bücher

Unter Strom: Autorin Hannah Dübgen im Interview

-ARCHIV-

Musik und Worte

Hannah Dübgen wechselte vom Internat in England auf die Oxford University. So wurden aus einem halben Jahr England-Aufenthalt glatt sechs Jahre. Mit 22 studierte sie daraufhin noch Musikwissenschaften in Berlin. Dübgen wollte herausfinden, "welche Verbindung Musik und Worte miteinander eingehen können."

In ihrem ersten Roman "Strom" gelingt es Hannah Dübgen bravurös genau dies auszuloten. Sie gibt den Figuren eine unverwechselbare Stimme - ungeschönt und melancholisch. Mit ihrem scharfen Blick deckt sie die Untiefen in der vernetzten Welt des 21. Jahrhunderts auf, die sich in der Alltäglichkeit des globalen Menschen verbergen. Im Juli wurde Hannah Dübgen für den Lesewettbewerb um den Ingeborg Bachmann-Preis 2013 eingeladen.

"Endlossemester wie in Deutschland gibt es nicht"

UNICUM: Ihr Studium haben Sie in Oxford absolviert. Wie kamen Sie vom Internat an die Oxford University?

Hannah Dübgen: Damals musste man sich mit separaten Aufnahmeprüfungen in Oxford bewerben. Dafür hatte mein Internat mich vorgeschlagen. Vier Jahre lang habe ich in Oxford Philosophie und moderne Fremdsprachen studiert. Innerhalb des Studiums bin ich für ein Jahr nach Paris gegangen aus Interesse an der französischen Literatur und zeitgenössischen Philosophie.

Welche Eindrücke haben Sie in Paris gewonnen?

Das war ein Jahr, in dem ich in 52 Wochen 150 Theatertickets hatte (lacht). Da habe ich vom Gastspiel von Peter Stein auf einer riesigen Bühne bis zum kleinsten Studiotheater alles abgegrast. Oxford ist eine klassische Universität, an der es so etwas wie Theaterwissenschaft nicht gibt und deswegen hatte ich das Bedürfnis nach Paris zu gehen.

Was schätzen Sie wiederum an dem Studium in Oxford?

Das Herz des Oxford-Studiums ist das Tutorial, bei dem du mit zwei Studenten vor einem Professor sitzt. Diese intensive Arbeit hat mir für mein ganzes Leben sehr viel gebracht. Mein Philosophieprofessor hat immer gesagt, es kommt nicht darauf an, was du lernst, sondern dass du denken lernst.

Ein Tutorium in Deutschland ist dagegen meist überfüllt. Wodurch unterscheidet sich das dortige Studium noch?

In Oxford sind Studenten nach vier Jahren exmatrikuliert. Endlossemester wie in Deutschland gibt es nicht. Deswegen war ich sehr jung, als ich meinen Bachelor hatte. Leute, die den Bachelor in Oxford gemacht haben, bekommen den Titel Master of Arts drei Jahre später geschenkt. Das ist auch noch so ein Relikt.

Haben Sie auch schon während des Studiums geschrieben?

Im Studium habe ich sehr experimentelle Gedichte für mich verfasst, aber nie mehr etwas veröffentlicht.

Wann entstand die Idee zum Buch? Der Drang ein längeres Projekt zu veröffentlichen?

2005 habe ich mein Studium beendet. Mein Traum war es immer freier Autor zu sein. Aber inwiefern man sich davon ernähren kann, das ist die Frage. 2009 hatte ich die Idee, einen Roman über unsere Zeit zu schreiben. Bei mir brauchte der Gedanke lange, um sich zu festigen. Es haben sich verschiedene Ideen ineinander verwoben.

"Ich bin Fan von Ein-Wort-Titeln"

Worum geht es in Ihren Worten in „Strom“?

(lacht) Das habe ich schon zu meinem Verlag gesagt: Ich bin froh, den Klappentext nicht schreiben zu müssen, weil ich es extrem schwierig finde. Formal geht es um vier Menschen der Generation zwischen 30 und 40. Deren Geschichten werden parallel und ineinander verwoben erzählt. Was die Figuren verbindet ist, dass sie alle in Kulturen leben oder arbeiten, die nicht ihre eigene ist. In einer Welt, die globalisiert und miteinander vernetzt ist.

Gab es irgendwelche Einflüsse?

Natürlich hat mich der Film „Babel“ insofern beeinflusst, als dass da auch vier Geschichten losgelöst voneinander erzählt werden. Dabei versteht man erst relativ spät, wie die Geschichten zusammenhängen.

Das ist in Ihrem Roman anders. Es offenbaren sich die Zusammenhänge zwar auch nur nach und nach, aber doch nicht erst am Ende.

Für mich war das ein Gefühl, gar nichts Rationales. Der Gedanke, dass der Leser von oben schaut, und merkt, da leben verschiedene Menschen in der gleichen Welt, sind sich nah, aber bleiben einander fremd. Das war ein Ur-Gedanke. Zuerst wollte ich nur die Geschichten motivisch spiegeln. Doch langsam wird das Netz zwischen den Figuren enger, sodass immer mehr Verknüpfungen entstehen. Mir war schnell klar, dass die Figuren am Ende physisch zusammenkommen müssen, aber sich auf gar keinen Fall kennenlernen sollten.

Die Abfolge der Kapitel weist einen steten Rhythmus auf. Gibt es eine Verbindung zur Musik?

Ich hatte mir diesen Rhythmus als Ziel gesetzt, war mir aber nicht sicher, ob sich dieser einlösen wird. Ich hatte die Schönheit des Quartetts vor Augen. Das Gefühl von Gleichzeitigkeit war mir sehr wichtig, deswegen sind die Kapitel sehr kurz und wechseln sich schnell ab. Bis auf eine Ausnahme, wofür ich das strenge Muster aufgerissen habe.

Betrachtet man das letzte Kapitel des Romans, könnte man von einer Art Kanon sprechen.

Das freut mich sehr, dass Sie das sagen. Am letzten Tag sind alle in einer Stadt und Jerusalem ist ja nicht irgendeine Stadt. Da habe ich physisch gespürt, es muss eine Steigerung geben. Wie ein Derwisch beim Tanz muss ich die Drehung hochschrauben.

Besonders sticht die Szene heraus, in der Mai mit Jason über den Strom spricht, der sie alle bewegt. Können Sie das Motiv des Stroms erläutern?

Das Motiv des Stroms umfasst den elektrischen Strom. Die vernetzte Welt, von der ich bereits sprach. Aber auch den Fluss der Zeit. Ich bin Fan von Ein-Wort-Titeln, die sich dann metaphorisch auffächern. Gerade bei Mai und Jason zeigt sich dies. Mai sagt, nur durch die Vergangenheit wissen wir, wer wir sind. Jason hat dagegen den amerikanischen zielgerichteten Blick in die Zukunft (lacht). Ich lasse verschiedene Wahrnehmungen von Zeit aufeinanderstoßen.

"Mich interessiert es, die Gegenwart und unsere Welt zu beschreiben"

Die Städte werden von Ihnen auch immer mit einer sehr charakteristischen Art und Weise gezeichnet. Dann greifen Sie die Gaza-Problematik auf. Das erfordert sicherlich eine Menge an Recherche?

Ja, das macht aber auch Spaß. Ich bin immer wieder überrascht, wie klar ich mich erinnere. Manchmal kann ich aber auch nicht beurteilen, was Erinnerung und was Imagination ist.

Wie sehen Ihre Pläne für die Zukunft aus?

Ich weiß nicht, wie schnell ich zum täglichen Schreiben zurückkehren kann. Ich möchte bald schon wieder an einem längeren Prosa-Werk arbeiten. Ich könnte mir auch vorstellen, dass es wieder etwas Vielstimmiges wird. Mich interessiert es, die Gegenwart und unsere Welt zu beschreiben. Es wird um verschiedene kulturelle Blickwinkel gehen.

Vielleicht auch um einen Studenten?

(lacht) Keine Ahnung. Ich habe noch keine konkreten Ideen. Bei dem Text für Klagenfurt war es auch so: Das Thema drängte sich mir auf. Ich glaube, dass Ideen sich verfestigen müssen. Aber das wird noch einige Zeit dauern.

Ein Roman schreibt sich ja auch nicht in ein paar Tagen.

Es gibt auch Autoren, die viel intuitiver arbeiten, als ich es tue. Dann geht es vielleicht auch schneller. Aber bei so einer Konstruktion wie in „Strom“ braucht es seine Zeit.

Zum Roman

Vier Schicksale an verschiedenen Orte dieser Welt, doch alle miteinander verbunden:

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StromHannah DübgenDeutscher Taschenbuch Verlag, Juli 2013Preis: 14,90 €

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