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09. Aug 2016

Entertainment

"Der Aufstieg des Huttenkartells": Angriff der schwulen Jedi-Ritter?

-ARCHIV-

Das neue Add-On des Online-Rollenspiels "Star Wars: The Old Republic" spaltet die Galaxie

Gleichberechtigung in Videospielen

Dabei gehört das Phänomen, dass Männer auch Männer lieben können oder Frauen sich zueinander hingezogen fühlen, in aufgeklärten Kulturkreisen längst in den Bereich des Alltäglichen. Dies scheint jedoch häufig seine Gültigkeit zu verlieren, sobald der Spieler per Knopfdruck selbst entscheiden darf, zu welchem Ufer die virtuelle, romantische Reise hingehen soll.

Und das, obwohl die Geschichte der Homosexualität in Videospielen bereits einige Jahre zurückreicht. Abgesehen von einigen Titeln, die vor allem aus dem japanischen Raum stammen, legte die beliebte Lebenssimulation Die Sims im Jahr 2000 als eines der ersten populären Spiele den Grundstein. Wer wollte, konnte seine Spielfigur eine vollwertige gleichgeschlechtliche Partnerschaft eingehen lassen mit allem, was für einen Sim dazugehört: Kitzeln, Kuscheln und natürlich dem Intermezzo unter der Bettdecke. Im Verlauf der Reihe wurden die Rechte der homosexuellen Sims immer weiter gestärkt, sodass bald auch das Heiraten und die Adoption von Kindern möglich wurde.

Ähnlich aufgeschlossen präsentierte sich der britische Entwickler Lionhead Studios unter der Leitung von Star-Game-Designer Peter Molyneux, der mit Fable: The Lost Chapters (2004) homosexuell orientierten Charakteren dieselben Handlungsmöglichkeiten einräumte wie heterosexuellen Figuren. Eine Entscheidung, die auch in Fable II und Fable III Bestand hatte.

Vor allem das Genre der Rollenspiele bietet heute einige Titel, die dem Spieler die Option eröffnen, mit seinem Charakter eine gleichgeschlechtliche Romanze zu erleben. Vor allem das Entwickler-Studio Bioware mit Hauptsitz in Kanada, das seit 2007 Electronic Arts angehört, hat in den vergangenen Jahren mit der überaus erfolgreichen Mass Effect-Trilogie und der Dark-Fantasy-Rollenspielreihe Dragon Age Pionierarbeit geleistet. Nicht nur, dass gleichgeschlechtliche Beziehungen zunehmend mehr Raum bekommen und eine ernsthafte Behandlung erfahren haben; generell zeigten die Spiele aus dem Hause Bioware bemüht, den zwischenmenschlichen Beziehungen einen höheren Stellenwert zu verleihen und den Spieler somit emotional mehr einzubinden. Das gelang nicht zuletzt mittels filmreifer Inszenierung, die mit vielen Cutscenes und dramaturgisch choreografierten Dialogsequenzen  mittlerweile das Grundgerüst jedes RPGs der erfolgreichen Spieleschmiede bilden.

Homosexualität im Star Wars-Universum

Offenbar ist es nun für Bioware erneut an der Zeit, seine Rolle als Gleichberechtigungsbeauftragter unter den Entwicklern nachzukommen. Am 14. April veröffentlichte EA das von Bioware entwickelte erste Add-On Der Aufstieg des Huttenkartells für das MMORPG (Massively Multiplayer Online Role-Playing Game) Star Wars: The Old Republic (SWTOR) und bringt dabei gleich zwei Steine ins Rollen.

Während die Kern-Features wie die Anhebung der Level-Obergrenze, die neuen Ausrüstungs-Gegenstände, Waffen und Fähigkeiten nicht für großes Staunen sorgen, setzt ein beiläufigeres Feature die Community in Bewegung. Denn mit dem Add-On holt der Entwickler erstmals nicht bloß die Option der gleichgeschlechtlichen Partnerschaft ins Genre der populären Online-Rollenspiele, sondern sorgt zugleich dafür, dass das Thema Homosexualität nun auch im Star Wars-Universum seinen Platz findet.

So warfen Bioware und EA bereits im Vorfeld mit der Ankündigung der geplanten Integration gleichgeschlechtlicher Beziehungen zwei dicke Brocken in die derzeit eher ruhigen Gewässer der Online-Rollenspiel-Community und mussten sich schnell auf Wellengang einstellen. Bisher bot SWTOR dem Spieler die Möglichkeit, mit im Laufe der Story-Mission rekrutierten Crewmitgliedern vom anderen Geschlecht auf Tuchfühlung zu gehen. Das sollte sich ändern: So wird nun auf dem Planeten Makeb, den das Add-On für hochstufige Charaktere der Galaxie hinzufügt, auch die gleichgeschlechtliche Liebe ihren Platz finden.

Makeb: Sündenpfuhl oder Ghetto?

Natürlich rief das Thema schnell überzeugte Gegner homosexueller Partnerschaften auf den Plan, die in dem Feature eine Gefahr für die Sozialisation jüngerer Spieler und eine Misshandlung der Star-Wars-Marke sahen, sowie dramatische Abwanderungszahlen der Spieler prophezeiten. So flatterten bei EA in den vergangenen Monaten zahllose Beschwerde- und Hassbriefe in den Postkasten und auch die offiziellen Foren wurden zum Schauplatz diskriminierender Meinungsäußerungen.

Unter anderem warf die christliche Florida Family Association dem Publisher vor, unter der Kontrolle von LGBT-Vereinen (Lesbian Gay Bi Transgender) zu handeln, um Kindern das Thema Homosexualität aufzudrängen. An der Briefkampagne beteiligte sich ebenfalls die extrem konservative amerikanische Family Research Council, deren Oberhaupt kommentierte: "Die größte Bedrohung für das Imperium würden im neuen Star Wars-Spiel homosexuelle Aktivisten darstellen."

Jeff Brown, Vizepräsident von EA, reagierte bestimmt und wies die Verantwortlichen vor kurzem mit klaren Worten in die Schranken: Es handle sich bei der Protest-Aktion nicht um den Versuch, Kinder zu schützen, sondern schlichtweg um politische Belästigung, so Brown, und homosexuelle Beziehungen werden weiterhin in den Spielen EAs einen Platz haben.

Hört sich an, als sei der Tag gerettet, die Galaxie befriedet, gäbe es da nicht noch die andere Front: Wer hier in der vordersten Reihe steht? Enttäuschte Befürworter gleichgeschlechtlicher Beziehung, die mit der Umsetzung des neuen Features unzufrieden sind. "Ein Planet für Schwule und Lesben?!" schallt es von dieser Seite, die hier eine "Ghettoisierung" sehen will.

Auch die Tatsache, dass nur jene Spieler das neue Feature in Anspruch nehmen können, die sich das kostenpflichtige Add-On zulegen, lieferte nicht nur Grund zur Beschwerde, sondern förderte auch Analogien wie "käufliche Liebe für Homosexuelle" ans Tageslicht. Außerdem sei eine Gleichberechtigung, so die Kritik, generell nicht gegeben, da die gleichgeschlechtliche Romanze nicht mit einem vollwertigen Crewmitglied eingegangen werden könne, sondern lediglich mit einer Figur aus der Story-Mission.

Dass der produktionstechnische Aufwand, das bestehende Spiel mit all seinen Komponenten von Grund auf umzuschreiben, Unmengen an Dialogen aufzunehmen und zu implementieren unter Umständen zu hoch ist, um eine vollwertige gleichgeschlechtliche Beziehung in ein Spiel zu integrieren, bei dem es eigentlich um den Krieg um die Herrschaft über die Galaxis geht, scheint hier wohl nebensächlich zu sein. Ob sich Bioware und EA diesbezüglich noch etwas einfallen lassen, bleibt abzuwarten. Eines aber sollte EA mittlerweile gelernt haben: Wie man es macht, man macht es falsch.

Lohnt sich "Der Aufstieg des Huttenkartells"?

Im Vergleich zu den umfangreichen Add-Ons eines World of Warcraft, fällt Der Aufstieg des Huttenkartells deutlich schmaler aus, dafür belastet die Erweiterung unsere Geldbörse aber auch nur mit 17 Euro (für Abonnenten sogar nur 8 Euro) anstatt mit den üblichen 40 Euro.

Eindeutiges Highlight ist die wie gewohnt fesselnd inszenierte Story, in deren Verlauf wir die unterschiedlichen Schauplätze des exotischen Planeten Makeb erkunden und unseren Charakter auf die neue Höchststufe 55 bringen können. Wer das Level-Cap erreicht hat, für den dürften die vier neuen Hardmode-Flashpoints eine weitere Herausforderung und vor allem attraktive Items bieten, ebenso wie die neue Operation "Abschaum und Verkommenheit".

Die Daily-Quests hingegen scheinen aus der Retorte zu stammen und fallen wenig innovativ aus. Alles in allem: Für aktive Spieler ein Muss, für Interessierte, die mit der Erweiterung liebäugeln, definitiv einen Versuch wert.

Weitere Infos unter: www.starwarstheoldrepublic.com

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