Jahresrückblick
2013
Musik
UNICUM
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21. Jun 2016

Entertainment

Der musikalische Jahresrückblick: Die Songs und Künstler 2013

Die Hits, Skandale und Comebacks des Jahres im Überblick

Miley Cyrus und die Abrissbirne...

Kein anderer Popstar hat im zu Ende gehenden Jahr einen ansatzweise ähnlichen Wahnsinnswirbel veranstaltet wie diese Tochter eines schlecht frisierten Countrysängers aus Kentucky, die vor Jahren als Serienhauptfigur "Hannah Montana" ein harmloser Kinderstar und heute ein harmloser Elternschreck ist.

Oder hat noch jemand anders so schön und ausdauernd mit dem Hintern gewackelt und sogar ein Verb für diese Arschakrobatik ("to twerk") erfunden? Hat sonst noch jemand so formvollendet mit einem Schaumstofffinger im Schritt herumhantiert wie Miley bei den "MTV Awards" Ende August? (MTV hat sie denn auch folgerichtig zur "Künstlerin des Jahres" ernannt, nimm das, du Papst!) Ist gar sonst noch jemand nackt auf einer Abrissbirne herumgeritten und hat interessante Dinge mit der Zunge angestellt? Eben. Miley hatte jedoch nicht nur die schärfsten Videos, sondern mit "We can't stop" und "Wrecking Ball" von ihrem Album "Bangerz" auch zwei sehr gute Songs im Angebot.

"Ich wollte etwas machen", sagt sie, "worüber die Leute reden. Zu sexy? Das gibt es für mich nicht. Ich bin überzeugt, dass die Leute in meinem Alter mich verstehen. Wenn du erwachsen wirst, dann willst du dich befreien von allem, was dich zurückgehalten oder eingeengt hat."

Von Lady Gaga bis Lorde

Mehr und mehr eine Gefangene ihres eigenen Anspruchs wird hingegen Lady Gaga. Erst tanzte sie sich die Hüfte kaputt, und dann machte sie monatelang ein derartiges Getöse um ihr Werk "Artpop", dass das Album, als es im November endlich erschien, für keinen Knall, sondern höchstens noch für ein klitzekleines Knällchen sorgte.

Selten klafften Anspruch und Realität weiter auseinander. Da kann Gaga einem im Interview noch so lange die Ohren abquatschen und behaupten, ihre Musik sei große Kunst, bloß weil sie in einem inhaltsfreien Marina-Abramovic-Filmchen nackt im Wald herumgeistert. Die Songs überzeugten einfach nicht, und selbst die bedeutungsschwangerste Inszenierung macht aus billigem Plastik eben kein Edelholz.

Katy Perry, die vom unlustigen Komiker Russell Brand sitzengelassene brünette Gegenspielerin Gagas, vertendelte ihre letzte Chance auf Weltdominanz mit einer trägen Platte, die bei jedem Hören öder wird. "Prism" ist einfach kein Feuerwerk, sondern hat die Strahlkraft eines Päckchens nassgewordener Streichhölzer.

Ganz anders, nämlich erfrischend, fröhlich und unverbraucht: Das latent überdrehte Mädchenduo Icona Pop aus Stockholm mit seiner garstig-gutgelaunten Männer-sind-Schweine-Hymne "I don't care". Und vor allem: Lorde alias Ella Yelich-O'Connor, Oberstufenschülerin aus Auckland/ Neuseeland und ein höllisch heißes Eisen. Mit ihrem Hit "Royals" führte Ella monatelang die US-Charts an und bleibt trotz allem gelassen, fast stoisch. "Das ist kein lebensveränderter Schock für mich. Natürlich habe ich mit dieser Resonanz nicht gerechnet, aber ich drehe deswegen nicht durch."

"Wake me up" oder lieber "Blurred Lines"?

Zum Ausflippen neigt auch Avicii nicht. Der heißt in Wirklichkeit Tim Bergling, ist 24, nebenbei Calvin-Klein-Model und hält sich mittels an den Händen festgetackerter Kippen und Energiedrinkdosen mehr schlecht als recht wach. Kein Wunder, dass der Song des jenseits des DJ-Pults eher tranigen Jungen "Wake me up" heißt. Den ganzen Sommer stand Tim mit der von Aloe Blacc gesungenen Nummer auf Platz Eins in Deutschland und eigentlich auch überall sonst, und fragt man ihn, wie das passieren konnte, erntet man ein Gähnen und die Information, "dass mich der Song einfach immer noch nicht zu Tode nervt, selbst wenn ich ihn jede Nacht höre." Da geht es ihm exakt wie seiner Partypeople- und Radiohörer-Kundschaft, die ihn jede Nacht hört.

Den Titel der erfolgreichsten Single des Jahres in Deutschland hat Avicii freilich längst nicht in der Tasche, vor ihm steht zwei Wochen vor Schluss noch immer der Kanadier Robin Thicke, ein seit Urzeiten friedlich verheirateter Möchtegern-Playboy, der zu den wenigen Männern gehört, mit denen Sylvie van der Vaart Schrägstrich Meis in diesem Jahr nichts hatte.

Thicke jedenfalls, dem gelang ein echter Welterfolg mit "Blurred Lines", einer Soul-Pop-Funk-Nummer, die vage an Prince erinnert und dafür verantwortlich sein dürfte, dass der zuvor nur mäßig angesagte Sänger auch mit Unterstützung einiger gekonnter Hüftschwünge (zu denen Miley Cyrus bei der MTV-Preisverleihung mit dem Schaumstofffinger Twerking betrieb, s.o.) seine Schäfchen im Trockenen hat.

Die Böcke von Justin Timberlake stehen dort schon seit alten Boybandzeiten, und als der Teilzeitsänger in diesem März geruhte, nach sieben Jahren mal wieder ein Album rauszubringen ("The 20/ 20 Experience"), wurde es gleich das meistverkaufte des Jahres, zumindest in den USA.

Hits mit oder ohne Rap

Die coolsten vier Minuten des Jahres aber gehen zweifelsfrei auf das Konto (im wahrsten Sinne) der Pariser Maskenmänner Thomas Bangalter und Guy-Manuel de Homem-Christo. "Get Lucky" aus dem ebenfalls verdammt viel verkaufenden Comeback-Album "Random Access Memory" dürfte der zum Foltern am wenigsten geeignete Song des Jahres sein. Überdies zauberten Daft Punk als Gesangsgast auf "Get Lucky" ein lebendiges Kaninchen aus dem Hut, das längst schon gebraten schien: Pharrell Williams, vor zehn Jahren als Teil des Produzentenduos The Neptunes erst allseits präsent, dann überpräsent und schließlich weg war, feierte sein ganz großes Comeback. Auch auf "Blurred Lines" macht der inzwischen 40-Jährige bekanntlich mit, auf das Soloalbum, das im Sommer kommen und ohne Rap (rappen kann Pharrell nämlich nicht) auskommen soll, darf man sich vorfreuen.

Überhaupt ohne Rap kommen Macklemore & Ryan Lewis aus. Das HipHop-Duo aus Seattle hat dem Genre mit Songs wie "Thrift Shop" richtig schön Wind ins Segel geblasen. Und eine Hymne an die gleichgeschlechtliche Liebe ("Same Love") hatte man im HipHop bis dato auch noch nicht gehört.

Überzeugend ist auch die Rückkehr des wieder hungrigen Ex-Pillenjunkies Eminem gelungen, während Kollege Jay Z zwar die meisten Grammy-Nominierungen (nämlich neun) einsammelte, mit "Magna Carta....Holy Grail", aber eine eher mittelmäßige Platte machte.

Mit Liebeskummer zum Erfolg

Gefragt war nicht nur die dicke Hose, sondern auch manch ein ruhiger Vertreter aus der Softie-Songwriter-Sparte. Etwa Mike Rosenberg alias Passenger. Ein sympathischer Überlebenskünstler aus dem englischen Brighton, der jahrelang für ein paar Kröten und ein warmes Bier am Hafen von Sydney klampfte und plötzlich mit seinem Liebeskummerlied "Let her go" via Internet, Zufall und Glück den Erdball eroberte. Einziger Nachteil: "Ich lerne neuerdings weniger Mädchen als früher kennen." Als Straßenmusiker hatte er einfach mehr Zeit zum Flirten.

Auch bei Tom Odell, einem jungen blonden Piano-Engländer auf den stilistischen Spuren von Elton John, läuft es mit den Frauen überwiegend enttäuschend. Auf seinem Hit "Another Love" besingt er sein schweres Trennungsschicksal, über das ihn auch ein kleiner Flirt mit Taylor Swift nicht hinweghelfen mochte.

Altrocker vs. Neurocker

Dass Altrocker eine sichere Bank sind, ist ja eigentlich keine Nachricht. Vielleicht abgesehen von der kleinen Sensation, dass Black Sabbath nicht nur immer noch am Leben sind, sondern nach endlos vielen Jahren ein neues Album veröffentlicht haben, ein sehr gutes noch dazu ("13"). Oder der noch größeren Sensation, dass sogar der Spaziergänger von Little Italy, dass die Legende, die nur noch zum Tennisspielen und Tochter-in-die-Schule-bringen das Haus verließ, dass also David Bowie mit 66 Jahren und quasi urplötzlich ein neues, erstklassiges Album mit dem Titel "The Next Day" herausbrachte.

Die Nachricht ist, dass es endlich mal wieder richtige Neurocker gibt. Imagine Dragons aus Las Vegas ("Radioactive", "It's Time") klingen wie The Killers mit Eiern, und Biffy Clyro aus Schottland sind zwar streng betrachtet nicht neu, aber haben mit ihrer Klasseplatte "Opposites" in diesem Jahr dermaßen viel gerissen, dass sich die auf der Bühne notorisch oberkörperfreien und stilistisch den Foo Fighters nicht fernen Musiker seit neuestem sogar dem Muskeltraining verschrieben haben.

Und da war dann noch der Schlager ...

Ob Heino in die Muckibude geht, ist nicht bekannt, das Hemd lässt er jedenfalls und zum Glück stets an. Das Comeback des alten Recken kam aus heiterem Himmel, auch wenn die Meinungen bis heute geteilt sind, ob sein Cover-Album "Mit freundlichen Grüßen" nun genial oder bescheuert ist. Einhellige Freude hingegen empfinden lustige Menschen mit gutem Geschmack angesichts des Erfolgs des auch schon bald 60-jährigen Helge Schneider, der mit dem "Sommer, Sonne, Kaktus!"-Album seine erste Nummer-Eins-Platzierung einfuhr – wahrscheinlich auf seinem geliebten Sitzmäher.

Vollständig bekleidet tauchte die einstige Abba-Blondine Agnetha Fältskog (63) im Frühjahr mit dem Album "A" aus der sprichwörtlichen Versenkung (in ihrem Fall befindet sich jene auf einem Bauernhof in den schwedischen Wäldern) auf. Und auch Helene Fischer erschien wie immer züchtig und zurückhaltend gekleidet zum Dienst. "Farbenspiel", das jüngste Album der Immer-noch-nicht-mit-Flori-Silbereisen-Verheirateten, hat sich 2013 in Deutschland häufiger verkauft als jedes andere. Mit mehr Haut, dafür seit neuestem deutlich weniger Kilos geht die knapp zwei Jahrzehnte ältere Rivalin Andrea Berg auf Kundenfang – Bergs Doppelalbum "Abenteuer" steht in der Jahresauszählung auf Rang Zwei, noch vor Depeche Mode und allen anderen.

What Does the Fox Say?

Und falls die Redaktion von "Time" oder sonst irgendjemand vielleicht noch schnell das allerlustigste Lied und das allerallerlustigste Video des Jahres küren will – an dem norwegischen Komikerbrüderduo Ylvis und ihrem köstlichen Clip zu "The Fox" führt in diesem Punkt kein einziger Weg vorbei.

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