Rezension Alles Geld der Welt
"Alles Geld der Welt" handelt auch von J. Paul Gettys fast schon legendärem Geiz. | Foto:Tobis
Autorenbild

10. Jul 2018

Kevin Kallenbach

Filme

Alles Geld der Welt: Geld ist nicht alles, oder?

Kann man ein Menschenleben in Geld aufwiegen?

Gail (Michelle Williams) erlebt den Albtraum einer jeden Mutter: Ihr Sohn Paul (Charlie Plummer) ist mitten in Rom entführt worden! Die Entführer verlangen 17 Millionen Dollar Lösegeld, sonst sieht Paul seine Familie nie wieder. Denn bei dem Entführten handelt es sich nicht einfach um irgendeinen jungen Mann, sondern um den Lieblingsenkel des reichsten Mannes der Welt: Jean Paul Getty (Christopher Plummer).

Nur hat Gail mit dem Vater ihres Ex-Manns überhaupt keinen Kontakt mehr und verzichtete bei der Scheidung zugunsten des Sorgerechts für ihre Kinder auf jegliche finanzielle Unterstützung durch die Gettys. Dazu kommt noch, dass der alte Getty nicht nur der reichste, sondern auch der geizigste Mann der Welt ist. Niemals würde dem milliardenschweren Geschäftsmann in den Sinn kommen, Geld einfach so herzugeben.

Es kommt zum erbitterten Tauziehen zwischen Mutter und Großvater, bei dem um jeden Penny gnadenlos gerungen wird. Aber auch die Geduld von Pauls Entführern ist nicht grenzenlos und so werden sie mit jedem vergehenden Tag unruhiger und greifen zu immer drastischeren Mitteln, um an ihr Geld zu kommen…

Alles Geld der Welt, dafür aber kein Funken Menschlichkeit?

Ridley Scott erhebt mit der Handlung von "Alles Geld der Welt" schon eine sehr deutliche Kritik am Kapitalismus. Mitunter erscheint die Figur des Jean Paul Getty als zu übertrieben dargestellt, in seinem Geiz und der sein ganzes Leben kontrollierenden Geldgier. Etwa wenn Getty seine Besucher zwingt, ein Münztelefon zu nutzen, damit ihm keine Kosten entstehen. Doch das Erschreckende ist, dass der Film auf Tatsachen basiert und von Getty überliefert ist, dass er tatsächlich bis ans Lächerliche grenzend geizig war. Denn auch der wirkliche Getty weigerte sich, die Lösegeldsumme für seinen Enkel aufzubringen.

Christopher Plummer: Ein echter Glücksgriff

In der Tat versucht "Alles Geld der Welt" seinem Jean Paul Getty sogar noch eine humanere Seite zu geben, als es der Ruf des realen Gettys nahelegen würde. Das ist vor allem den Leistungen von Christopher Plummer zuzurechnen, der dem hartherzigen Öl-Tycoon einen Funken Menschlichkeit und  Zerbrechlichkeit schenkt. Trotz seiner unbarmherzigen Handlungen merkt man durch Plummers schauspielerisches Geschick, dass Getty seinen Enkel sehr liebt und sich um ihn sorgt.

Trouble hinter den Kulissen

Gerade der Hintergrund, dass Plummer quasi in letzter Minute eingesprungen ist, macht sein facettenreiches Spiel umso beachtlicher. Denn  als er Teil der Filmproduktion wurde, war "Alles Geld der Welt" eigentlich bereits komplett im Kasten, mit Kevin Spacey als Getty.

Nur wurde dieser nach den Enthüllungen um seine Person im Zuge der #MeToo-Debatte aus dem Film geschnitten und seine Szenen mit Plummer nachgedreht. Die dahinterliegende  moralische  Entscheidung einmal außer Acht lassend, ist Plummer optisch einfach als bereits über 80-Jähriger überzeugender als Spacey und ist somit eine wahre Bereicherung für den Film

Starke Rollen und gute Schauspieler

Aber auch die anderen, regulär an der Produktion beteiligten Schauspieler können durchaus überzeugen. Gerade der erst 19-jährige Charlie Plummer – übrigens nicht mit Christopher Plummer verwandt –  spielt das Entführungsopfer Paul wirklich glaubhaft. Man kauft ihm den Schock, die Überforderung, aber auch den unbeugsamen Überlebenswillen jede Minute ab.

Auch Michelle Williams als Gail spielt ihre Rolle überzeugend. Dank ihrer Darbietung erkennt der Zuschauer auch ohne eine große theatralische Szene, in der das Innenleben der Figur ausgerollt wird, dass es sich bei Gails taffem Auftreten nur um eine Fassade handelt. Gerade in den ruhigen Momenten schimmert immer wieder die Sorge und - Angst um ihren Sohn durch.

Allein Mark Wahlberg bleibt in seiner Rolle als ehemaliger CIA-Agent Fletcher Chace, der von Getty angeheuert wird, um seinen Enkel möglichst kostengünstig zu befreien, ein wenig blass. Das ist aber auch der Tatsache geschuldet, dass Fletcher als Stellvertreter des Zuschauers vor allem die Funktion hat, uns beide Seiten des Konflikts zwischen Gail und Getty möglichst neutral vorzustellen. Da bleibt nun mal nicht viel Platz für tiefes Charakterspiel.



Die Welt des großen Geldes: Sehr düster und manchmal zu explizit

Die Optik von "Alles Geld der Welt" ist leider so eine Sache für sich. Zwar wurde das Setting mit viel Liebe zum Detail ausgestattet, nur sieht man davon teilweise recht wenig. Denn der Film ist gerade in Szenen, die in Innenräumen spielen, sehr dunkel geraten. Die ungenügende Ausleuchtung einzelner Szenen macht es mitunter sogar schwer, einzelne Figuren voneinander zu unterscheiden. Die Szenerie wahrzunehmen, ist in diesen Momenten völlig unmöglich. Dafür sind manche Szenen auf der anderen Seite zu gut zu sehen: Als Paul von seinen Entführern als Zeichen dafür, dass sie ihre Geduld verlieren, ein Ohr abgeschnitten wird und dieses anschließend per Post verschickt wird, kommen wir nicht nur in das zweifelhafte Vergnügen, das blutige Abtrennen des Ohres aus nächster Nähe miterleben zu dürfen. Auch das anschließende Öffnen des Briefes von einer ahnungslosen Sekretärin wird explizit gezeigt. Für eine FSK-Einstufung ab zwölf Jahren ein wenig zu explizit.

Fazit zu "Alles Geld der Welt"

"Alles Geld der Welt" kann durch die Entführungsthematik bis zur letzten Minute fesseln und nimmt gerade in seiner letzten Viertelstunde nochmal gehörig an Spannung zu. Dennoch ist der Film nicht bloßes Unterhaltungskino. Denn im Laufe der Handlung rückt eine kritische Auseinandersetzung mit dem rein auf materielle Dinge ausgerichteten Lebenswandel Gettys zunehmend in den Fokus.

Da es dem Film gelingt, den alten Getty trotz seines teilweise schon absurd wirkenden Menschenhasses nicht komplett zu verteufeln, sondern auch versucht, seiner Denkweise auf den Grund zu gehen, wird die Frage aufgeworfen, ob wir nicht alle etwas vom alten Getty in uns haben. Eine Frage, die uns auch nach Ende des Films noch begleiten kann.

Neben der grandiosen Leistung der Schauspieler ist es diese Tatsache, die den Film absolut sehenswert macht.


UNICUM Film-Tipp:

Alles Geld der Welt CoverAlles Geld der Welt

Drama/Mysteryfilm, USA

Regie: Ridley Scott

Darsteller: u.a. Christopher Plummer, Charlie Plummer, Michelle Williams, Mark Wahlberg, Andrew Buchan, Romain Duris

Verleih: Tobis Film

Laufzeit: 132 Minuten

Ab dem 13. Juli 2018 auf Blu-ray, DVD und VOD erhältlich.

Online bestellen (Amazon): Alles Geld der Welt


Das kannst du gewinnen:

UNICUM verlost zum Heimkinostart von "Alles Geld der Welt" 3 x 1 Paket bestehend aus der Blu-ray des Films und der Buchvorlage.

Die Teilnahme ist bis zum 29. Juli um 23:59 Uhr möglich.

Artikel-Bewertung:

3.59 von 5 Sternen bei 29 Bewertungen.

Deine Meinung: