Jens Söring Versprechen
Jens Söring bei seiner Aussage (li.) - auch die Zeitungen berichten (re.) | Foto: Farbfilm Verleih
Autorenbild

24. Okt 2016

Sandra Ruppel

Filme

Das Versprechen – Erste Liebe lebenslänglich

Der Fall Jens Söring: Die Hintegründe

Lynchburg, Virginia. 30. März 1985: Derek Haysom und seine Frau Nancy werden in ihrem eigenen Haus mit einem Messer angegriffen und grausam ermordet. Wochenlang beherrscht die Tat die Schlagzeilen der US-amerikanischen Zeitungen. Für den Mord angeklagt wird schließlich der deutsche Diplomatensohn Jens Söring. Das Urteil: Zweimal lebenslänglich.

Im Jahr zuvor hatte Jens ein Studium an der Universität von Virginia aufgenommen und dabei die Tochter der Haysoms kennengelernt: Elizabeth. Sie ist zwei Jahre älter als der damals 18-jährige Jens, sie ist hübsch, intelligent, aber nicht leicht zu durchschauen. Als sich die beiden begegnen, versucht sie gerade, von ihrer Drogensucht loszukommen. Sie hat ein schwieriges Verhältnis zu ihren Eltern, erzählt Jens sogar, dass ihre Mutter sie sexuell missbraucht hat. Es dauert nicht lange, bis Elizabeth und Jens ein Paar werden. Für ihn ist es die erste große Liebe – und die letzte.

Denn eines abends, so wird Jens es später vor Gericht aussagen, kommt Elizabeth zu ihm ins Zimmer und gesteht ihm, dass sie gerade ihre Eltern umgebracht habe. Es seien die Drogen gewesen – aber egal, die beiden hätten es sowieso verdient. Kurzerhand packt das Pärchen seine Koffer und flieht nach Europa. Sie fliegen auf und werden zurück in die USA gebracht, wo sie wegen des Mordes am Ehepaar Haysom angeklagt werden.

Lebenslänglich für die erste Liebe

Obwohl Jens anfangs sagt, dass er es gewesen sei, der die Haysoms umgebracht hat, nimmt er sein Geständnis kurz darauf wieder zurück. Er habe gelogen, um Elizabeth zu schützen. Trotzdem wird er für den Doppelmord an Derek und Nancy Haysom verurteilt.

Auch Elizabeth wird schuldig gesprochen und bekommt 90 Jahre Haft. Sie sagt aus, sie habe Jens zum Mord an ihren Eltern angestiftet, sei es aber nicht selbst gewesen. Bis heute beteuert Jens Söring seine Unschuld.



Fairer Prozess oder fahrlässige Verfahrensfehler?

In dem Prozess, der Jens gemacht wird, bleibt vieles undurchsichtig. Viele Beweise, die man gegen ihn anführt, scheinen fragwürdig. Die beiden Filmemacher Marcus Vetter und Karin Steinberger, die außerdem auch Reporterin für die Süddeutsche Zeitung ist, haben den Fall nun mit ihrer Dokumentation "Das Versprechen - erste Liebe lebenslänglich" filmisch noch einmal neu aufgerollt. Mit UNICUM sprechen die beiden über den Fall und eine Verhandlung voller Fragezeichen.

Verschleierte Fakten und fachfremde Experten

UNICUM: Frau Steinberger, haben Sie den Eindruck, im Prozess wurde bewusst gepfuscht?
Karin Steinberger: Fakt ist, dass bei dem Verfahren viele Dinge nicht korrekt gelaufen sind. Wie kann es zum Beispiel sein, dass ein Experte, der auf Reifenabdrücke spezialisiert ist, vor den Geschworenen Aussagen über die Fußabdrücke machen darf, die am Tatort gefunden wurden? Abgesehen davon durfte auch der Missbrauch, den Elizabeth Haysom durch ihre Mutter erfahren hat, im Gericht eher nicht thematisiert werden. Richter und Staatsanwalt haben das immer wieder unterbunden.

Der Richter kannte die Familie von Frau Haysom – er hätte den Fall also nie selbst verhandeln dürfen. Später wurde bei Elizabeth eine Borderline-Persönlichkeitsstörung diagnostiziert. Das – zusammen mit dem Missbrauch – gibt ihr ein klares Motiv für den Mord an ihren Eltern. Sie hätte dadurch außerdem mildernde Umstände bekommen müssen. Aber das wurde einfach alles verdrängt.

Wem glauben Sie denn? Wer hat den Mord an den Haysoms begangen?
Karin Steinberger: Ich weiß nicht, wer es war. Außer denen, die dabei waren, kann es auch keiner wissen. Wir wollen einfach deutlich machen, dass es begründete Zweifel an der Richtigkeit des Urteils in diesem Fall gibt. Obwohl Jens sich damals vor Gericht keinen Gefallen getan hat, denn er war schrecklich arrogant. Und sie haben ihn ja sowieso schon nicht gemocht, er war der "Fremde" der "einen von ihnen" umgebracht haben soll.

Dennoch, jeder, der sich wirklich intensiv mit den Fakten auseinandersetzt, dem muss klar sein, dass es so, wie Jens verurteilt wurde, nicht gewesen sein kann. Auch die ehemalige Staatsanwältin Virginias, Gail Marshall, sieht das so und unterstützt Jens. Sie hat die Akten gelesen und gesagt, dass Jens es nicht getan hat.

Ein berührender Fall mit zweifelhaftem Urteil

Warum berührt dieser Fall so sehr?
Marcus Vetter: Ich denke, es ist so berührend, weil es um die erste große Liebe geht. Da passiert so viel, das deinen weiteren Lebensweg total beeinflussen kann. Es ist eine Zeit, in der du sehr verletzlich bist. Eine Zeit, in der du aber auch über dich hinauswächst. Du denkst, du kannst alles besser machen, als die anderen, vor allem die Eltern. Gleichzeitig hast du in dieser Zeit aber auch eine gewisse Überheblichkeit.

Karin Steinberger: Und du hast in dieser Zeit auch keine Angst vor dem Tod. Wenn es wirklich so war, dass Jens für Elizabeth gelogen und ihr ein falsches Alibi verschafft hat, dann hat er gedacht: "Hey, egal, dann sterbe ich eben für sie." Und dann kommt natürlich noch die Ungerechtigkeit des Systems hinzu, die einen bei dieser Geschichte berührt und wütend macht.

Gibt es eine Chance für Jens, dass man seinen Fall nochmal neu prüft und er vielleicht frei kommt?
Karin Steinberger: Juristisch kann der Fall momentan nicht nochmal neu aufgerollt werden. Wenn ein Zeuge auftauchen würde, der den Täter benennt, das wäre ein Grund, klar. Ich hoffe einfach, dass die Zweifel an der Rechtsmäßigkeit des Urteils klar werden, und dass es also nochmal Bewegung gibt in der Sache, vielleicht wird doch noch mal über eine Haftüberstellung nach Deutschland nachgedacht.

Wir hoffen einfach, dass wir mit dem Film was aufrütteln. Wir geben mit "Das Versprechen" keine Antwort, aber wir wollen die Frage aufwerfen: Sitzt dieser Mensch zu Recht in Amerika im Gefängnis, oder nicht? Jeder soll für sich selbst entscheiden, wie er oder sie diese Gerichtsverhandlung beurteilt.

Bleiben Sie weiterhin an dem Fall dran?
Karin Steinberger: Ja. Ich bekomme sowieso fast täglich Briefe von Jens und werde weiter über ihn schreiben. Wenn in dem Fall noch etwas Wesentliches passiert, dann wird auch der Film weiter gehen.


UNICUM Film-Tipp

Das Versprechen 2016Das Versprechen - Erste Liebe lebenslänglich

Dokumentation, Deutschland, USA 2016

Regie: Marcus Vetter, Karin Steinberger

Mit den Stimmen von: Daniel Brühl, Imogen Poots

Verleih: Farbfilm Verleih

Kinostart: 27. Oktober 2016

Die Filmemacher planen außerdem eine mehrteilige Serie für die BBC über Jens Sörings Fall.

Mehr unter: Das-Versprechen.de und facebook.com/DasVersprechen

Artikel-Bewertung:

3.28 von 5 Sternen bei 232 Bewertungen.

Deine Meinung: