Doctor Strange Kontroverse
Szene aus Doctor Strange: The Ancient One fährt die harte Tour! | Foto: Walt Disney
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07. Mär 2017

Sandra Ruppel

Filme

Doctor Strange: Voll das Klischee – oder was?!

Doctor Strange bietet Diskussionspotential

So heiß, wie die Comic-Verfilmung erwartet wurde, so heiß wurden vor allem auch zwei Entscheidungen der Filmemacher im Vorfeld diskutiert.

Erstens: Warum hat man sich entschlossen, mit Tilda Swinton (55) eine weiße Frau für die Rolle des allmächtigen tibetanischen Lehrmeisters "The Ancient One" zu besetzen und damit einem asiatischen Schauspieler die Rolle zu verwehren? Schon seit längerem gibt es eine Debatte um sogenanntes Whitewashing in Hollywood. Die Kritik: Schauspieler/innen asiatischer Herkunft werden kaum besetzt, stattdessen gehen die großen Rollen meist an weiße Kollegen und Kolleginnen.

Und zweitens: Warum hat man den Schauplatz von Tibet nach Nepal verlegt? Um den chinesischen Markt nicht zu vergraulen und den Film auch dort in vollem Umfang promoten und vertreiben zu können? China erkennt Tibet bis heute nicht als unabhängigen Staat an.

Zu beiden Punkten bezieht Scott Derrickson nun eindeutig Stellung. Es stimmt zwar, so der Regisseur, dass "The Ancient One" in den Comics eine tibetanische, männliche Figur ist. Gleichzeitig, so gibt er zu bedenken, ist diese Figur aber auch ein krasser Stereotyp, der im Amerika der 1960er Jahre entstanden ist. Davon wollte Derrickson entschieden Abstand nehmen: "Meine erste Entscheidung war es deshalb, eine Frau für die Rolle zu besetzten – und zwar eine im mittleren Alter. Denn wenn wir eine 28-jährige gecastet hätten, die dann im hautengen Lederanzug kämpft, hätten wir direkt schon wieder das nächste Klischee bedient", so der Regisseur.

Bitte keine Klischees!

Auf Stereotype und Klischees verzichten, so lautet also das Credo des Filmemachers. Deswegen hat er sich auch dagegen entschieden, eine asiatische Schauspielerin für "The Ancient One" an Bord zu holen, wie er sagt. Er habe vermeiden wollen, dass "Doctor Strange" einer dieser Filme wird, in dem ein verzweifelter weißer Typ Hilfe bei einem asiatischen Guru sucht und von diesem lernt, möglichst asiatisch zu sein. "Das wäre alles so unheimlich beleidigend gewesen", findet Derrickson.

Für ihn hat vor allem der Regisseur die Verantwortung, dafür zu sorgen, dass es in einem Film Diversity gibt und Rassismus vermieden wird: "Als Regisseur kannst du bestimmen, wen du im Film haben willst. Die Entscheidungsgewalt liegt bei dir. Ich kann nur sagen, dass ich diese Verantwortung sehr ernst nehme und dass ich für Doctor Strange so bewusst und reflektiert entschieden habe, wie ich nur konnte."

Doctor Strange Scott DerricksonNatürlich kann man Derrickson weiterhin vorwerfen, dass die Besetzung Swintons als "The Ancient One" ein erneuter Fall von Whitewashing in Hollywood ist. Leugnen, dass seine Argumente für die Besetzung der Rolle stichhaltig sind, kann man aber auch nicht. Das Unterfangen, einen ziemlich angestaubten und klischeebeladenen Comic aus den 1960er Jahren in die Gegenwart zu transportieren, ist kein leichtes. Fallstricke lauern an jeder Ecke. Eine weiße Frau zu casten und damit einem asiatischen Kollegen den Zugang zur Rolle zu verwehren, ist nicht optimal. Aber es ist sicher besser, als alte Stereotype weiterhin zu bedienen. Hinzu kommt, dass Derrickson mit seiner Uminterpretation der Rolle des "Ancient One" auch eine starke Frauenrolle geschaffen hat. Gerade diese Parts sind in Hollywood – besonders für Frauen jenseits der 35 – ja bekanntlich eher rar gesät.


Doctor Strange InhaltDarum geht’s in Doctor Strange:

Der erfolgreiche und äußerst arrogante Neurochirurg Dr. Stephen Strange (Benedict Cumberbatch) verletzt seine Hände bei einem Autounfall so schwer, dass er nicht mehr operieren kann. Hilfe sucht er bei der mysteriösen Ältesten "The Ancient One" (Tilda Swinton) in Nepal. Von ihr wird Strange durch hartes Training zum Zauberer ausgebildet und mausert sich schließlich zu einem der mächtigsten Magier überhaupt. Seine neugewonnenen Kräfte muss er dann auch alsbald unter Beweis stellen und die Welt retten, denn der Bösewicht Kaecilius (Mads Mikkelsen) will Leid und Chaos über die Menschheit bringen.

 


Warum Nepal statt Tibet?

Und was ist nun mit der Umverlegung der Schauplätze von Tibet nach Nepal? Alles, um auch auf dem chinesischen Markt ungehindert massig Kohle scheffeln zu können? "Ich weiß, dass mein Co-Autor in einem Podcast einige Sachen gesagt hat, die für jede Menge Aufmerksamkeit gesorgt haben, aber – und das schwöre ich sogar auf das Leben meiner Kinder – das entspricht absolut nicht den Tatsachen", so Derrickson. "Es gab nicht eine einzige Unterhaltung, bei der es um den chinesischen Markt ging." Nein, es sei eine ganz praktische Entscheidung gewesen und eine kreative: "Wir wollten einfach ein weiteres völlig abgegriffenes Bild vermeiden. Nämlich das des gebrochenen Helden, der einen Berg hinaufklettert, um bei einem mystischen, magischen Mönch Hilfe zu suchen. Das haben wir schon tausend Mal gesehen", so der Regisseur.

Nach Locations gesucht habe man in ganz Asien, auf Kathmandu in Nepal sei dann die Wahl deshalb gefallen, weil es einfach eine einzigartige Kulisse sei. "Die endgültige Entscheidung auf Kathmandu ist dann im Übrigen wegen des Erdbebens gefallen. Besonders Benedict hat sich dafür eingesetzt, dass wir dort drehen", verriet der Regisseur. Im April 2015 wurde Nepal von einem schweren Erdbeben getroffen, das Epizentrum befand sich nicht weit von Kathmandu. "Die Stadt ist auf Tourismus angewiesen – so ein Dreh hat dann auch wirtschaftliche Vorteile," gibt Derrickson abschließend zu bedenken.

Wenn man Derrickson so zuhört, wird deutlich: Den Comic "Doctor Strange" im Jahre 2016 für die große Leinwand umzusetzen, war eine große Herausforderung. Dass er reflektiert an die Arbeit gegangen ist und nach Wegen gesucht hat, um einerseits der Vorlage gerecht zu werden und andererseits Klischees und Stereotype zu vermeiden, nimmt man ihm absolut ab. Falls er übrigens gefragt würde, ob er auch noch einen zweiten "Doctor Strange" machen würde, würde er mit Kusshand zusagen. Denn der Regisseur ist Marvel-Fan der ersten Stunde.


UNICUM Film-Tipp

Doctor Strange DVDDoctor Strange

Action, USA 2016

Regie: Scott Derrickson

Darsteller: Benedict Cumberbatch, Tilda Swinton, Mads Mikkelsen, Rachel McAdams

Verleih: Walt Disney

VÖ: 24. Februar 2017 (VoD) / 9. März 2017 (DVD, Blu-ray)

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