The End of the Fucking World Netflix
Netflix hat bei "The End of the Fucking World" vor allem auf’s Bauchgefühl gehört | Foto: Netflix
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05. Jul 2018

Hella Wittenberg

Filme

Film-News: Darum geht es bei Netflix nicht nur um Daten

Neu im Kino: "How To Party With Mom" und "Lomo – The Language Of Many Others"

"How To Party With Mom" (Start: 05. Juli 2018) – Deanna (Melissa McCarthy) liebt es Mutter und Hausfrau zu sein. Alles, was sich ihre Tochter Maddie (Molly Gordon) wünscht, lässt sie wahr werden. Denn das ist nun mal alles, was für sie zählt.

Doch dann will ihr Mann Dan (Matt Walsh) überraschend die Scheidung, eine Neue hat er bereits am Start und das gemeinsame Haus will er auch verkaufen. Deanna wird so urplötzlich der Boden unter den Füßen weggezogen. Das einzig Richtige jetzt: Die Flucht nach vorn! Für ihre Ehe und das Kind brach sie einst ihr Studium kurz vor knapp ab – aber genau jetzt wird der Abschluss nachgeholt!

Als Deanna bei Maddie auf dem Campus auftaucht, glaubt man den Ausgang der Geschichte bereits zu kennen. Die Mama wird sich und ihre Tochter vor allen und jeden überall blamieren und schnell will man sich im Kinosessel die Hände vor die Augen halten wollen.

Aber denkste: Hier wird eine Geschichte von einer Frau erzählt, die mit ihrem Sprössling enger zusammenwächst und sich selbst auch noch endlich findet. Da werden junge Männer gedatet, Pauken als sexy dargestellt und Wege gezeigt, wie mit Prüfungsangst umgegangen werden kann. Gar nicht mal so schlecht!


"Lomo – The Language Of Many Others"

"Lomo – The Language Of Many Others" (Start: 12. Juli 2018) – Karl (Jonas Dassler) liebt das Bloggen. Er schreibt über seinen Alltag, über das, was ihn bewegt, über seine Familie. Dazu lädt er Videos hoch, die beispielsweise seine Eltern, die Schwester und ihn beim gemeinsamen Essen zeigen. Harmonisch ist hier schon mal gar nichts. Damit eckt der Blogger auch immer wieder an, gewinnt aber auch die Aufmerksamkeit seiner neuen Mitschülerin Doro (Lucie Hollmann). Und dann verliebt sich Karl in sie – obwohl Doro eher mit ihm spielt, anstatt richtige Gefühle zu hegen. Als Karl das kapiert, ist er wie vor den Kopf gestoßen und mit einem Mal ist ihm wirklich alles egal. Ab jetzt sollen seine Follower entscheiden, wie es weitergeht ...

Was für extreme Situationen aus Kurzschlusshandlungen entstehen können, präsentiert uns der Debütfilm von Julia Langhof ganz deutlich. Das tut schon echt weh mit anzuschauen! Aber natürlich guckt man trotzdem hin (wenn auch mit halb vorgehaltener Hand), denn die Darbietung insbesondere von Jonas Dassler ist regelrecht hypnotisch. Ein Film am Puls der Zeit. Modern inszeniert und klug erzählt.


Thema der Woche: Netflix geht es um mehr als um Daten

Immer, wenn wir Netflix einschalten, stehen bei den Empfehlungen und Neuheiten schon wieder eine ganze Liste von bisher noch nicht geschauten Filmen. Gefühlt gibt es wirklich täglich etwas Neues zu entdecken. Gerade zum ersten Juli wurde das Angebot des Streamingdienstes noch mal ordentlich aufgestockt. Von dem Oscarpreisträger "12 Years A Slave" über den Society-Grusel "Nightcrawler" bis hin zur Neuverfilmung von "Ghostbusters" ist alles dabei. Aber auch die Serien-Diversität kann sich in diesem Sommermonat sehen lassen: Die Girl-Wrestling-Show "Glow" hat eine zweite Staffel bekommen, die englische Krimi-Serie "Broadchurch" geht in die dritte Runde und erstmalig kann man mit "Der Wald" bibbern.

Und wenn wir nicht gerade ein Format nach dem anderen wegbingen, fragen wir uns, wie Netflix eigentlich entscheidet, was als nächstes auf dem Programm steht? Wonach wird ausgesucht, welches Genre bzw. welches Format produziert wird? Tatsächlich überwiegt hier das Bauchgefühl. Die Zahlen sollen laut einem Bericht von Vulture nur an zweiter Stelle stehen. Wer hätte das gedacht? Content-Chef Ted Sarandos geht sogar so weit zu sagen, dass 70 Prozent auf den Bauch und lediglich 30 Prozent auf Datenauswertungen zurückzuführen sind.

Davon kann man sich doch mal eine Scheibe abschneiden! Demnach würden die Projektmodelle, mit denen man Viewerzahlen und Zielgruppen ausmachen könne, nur ein Teil des täglichen Arbeitsprozesses sein. "Die Daten befeuern dabei entweder unsere schlimmsten Befürchtungen oder sie bestätigen nur das, was wir sowieso machen wollten", so Sarandos. Hätte man allein auf die Analysen gehört, wäre eine Serie wie "The End of the Fucking World" daran gescheitert. Übelste Zahlen wurden vorhergesagt – und letztlich avancierte die Serie um ein Teenagerpärchen, bei dem sie einfach nur ihren Dad finden und er sie eigentlich umbringen möchte, zum Überraschungshit der Plattform. Trockene Zahlen können scheinbar wirklich nicht einen Menschen ersetzen. Bloß gut!

Hier geht es zum Trailer von "The End of the Fucking World".

Dass Netflix so viel aus einem Gefühl heraus entscheidet, hätten wir dennoch nicht gedacht. Kaum war "Stranger Things" am Start, wurden wir regelrecht überflutet mit mehr und mehr Sci-Fi-Serien, die aber nie an die Qualität dieser ersten Staffel mit dem extremen Retro-Charme herankamen. Mittlerweile fühlt sich die Masse an Sci-Fi ähnlich zu den zig Crime-Formaten an. Es bleibt also zu hoffen, dass Netflix’ Bauchgefühl auch mal wieder in die Richtung Comedy (nicht nur bei Standup) und Drama geht. Es dürfen auch gerne mehr Dokus sein. Diversität kommt eben leider nicht einfach so aus dem Bauch heraus.

Rekordverdächtig: Wird 2018 das Mega-Kinojahr?

"Avengers: Infinity War", "Deadpool 2" oder auch "Jurassic World 2": In der ersten Hälfte des Jahres haben wir bereits jede Menge starke Filme im Kino sehen können. Und das macht sich auch an den Kassen bemerkbar. Laut Forbes konnten in den USA schon mehr als sechs Milliarden US-Dollar eingespielt werden. Dies deutet einen Trend an: Es könnte das fetteste Kinojahr schlechthin sein. Denn im Überjahr 2016 nahmen US-Kinos insgesamt über elf Milliarden Dollar in den gesamten zwölf Monaten ein.

Da wird wohl 2018 noch mal eine Schippe draufgelegt werden können! Der Grund dafür liegt ganz klar an der Mischung aus vielen riesigen Hits (Marvel will ja gar nicht mehr aufhören) und starken Indie-Produktionen wie beispielsweise "Hereditary" oder "Lady Bird". Und schließlich warten auch noch Blockbuster wie "Ant-Man and the Wasp" sowie "Mission: Impossible – Fallout" darauf, von uns geguckt zu werden. Das gibt am Ende des Jahres sicher schöne, rekordverdächtige Zahlen – auch für Deutschland!


Streaming-Perle: "London Nights" (Netzkino, dauerhaft verfügbar)

"London Nights" (Verfügbar bis zum 30. Juni in der ZDF-Mediathek) – Der verträumte Spanier Axl (Fernando Tielve), die Belgierin Vera (Déborah François) und ein mysteriöser Fremder (Michiel Huisman) suchen in Londons vibrierender Musikszene nach dem ewig verschollenen Vater, dem richtigen Mann beziehungsweise der richtigen Frau für’s Leben sowie nach dem schönsten Liebeslied. Filmriss inklusive.


Darauf freuen wir uns: "Juliet, Naked"

"Juliet, Naked" (Kinostart: 15. November 2018) – Wer einmal Nick Hornbys Romane gelesen hat, kann von seiner leichten, dennoch lakonischen Sprache bestimmt nie genug kriegen. Bloß gut, dass sie immer wieder beständig in Kinofilme umgewandelt werden! So auch jetzt "Juliet, Naked". Der Trailer erlaubt schon einmal einen Einblick in die Welt von Annie (Rose Byrne) und Duncan (Chris O’Dowd), die etwas gelangweilt in England vor sich hinleben. Erst als Superstar-Musiker Tucker Crowe (Ethan Hawke) auf den Plan tritt, regt sich etwas in den Herzen des entfremdet lebenden Ehepaars.

Die nächste Filmicum erscheint am 19. Juli 2018

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