Chantal Fack Ju Göthe 3
Wir wollen mehr Chantal! Wir bekommen mehr Chantal! | Constantin Film Verleih, Matthias Neidhardt
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17. Aug 2017

David Streit

Filme

Film-News: Fans bekommen, wonach sie verlangen

FILMICUM in der KW 31/32 im Überblick:

Neu im Kino

"Tigermilch" (Start: 17. August 2017)
"Das ist unser Land" (Start: 24. August 2017)

Thema der Woche

Über die Bedeutung des Fan-Seins

Streaming-Perle

"Atypical" (Neu auf Netflix)

Darauf freuen wir uns

"Call Me By Your Name" (Start: 01. März 2018)


Neu im Kino

"Tigermilch" (Start: 17. August 2017) – Die Freundinnen Nini (Flora Li Thiemann) und Jameelah (Emily Kusche) starten in die Sommerferien und nehmen sich nicht weniger vor, als den besten Sommer überhaupt zu erleben. Die 14-Jährigen streifen durch Berlin, vertreiben sich sie Zeit mit Scherzen und planen ihre Unschuld zu verlieren. Doch ein Brief vom Ausländeramt lässt die heitere Zweisamkeit zerplatzen.

Jameelah stammt aus einer irakischen Familie und soll nun tatsächlich aus Deutschland abgeschoben werden. Dass sie auch noch ein waschechtes Verbrechen beobachtet hat, macht ihre Lage nicht wirklich besser. Generell wirken die beiden Mädchen auf ihre Außenwelt schon viel älter, als sie tatsächlich sind. Und dieses Gefühl sorgt für einen gehörigen Überforderungsschub. Ihre Antwort darauf ist es aber, nur noch mehr zu rebellieren.


"Das ist unser Land!" (Start: 24. August 2017) – Einen Monat vor der Bundestagswahl startet das französische Politdrama bei uns im Kino. Der Film entlarvt die Selbstinszenierung populistischer Parteien, indem er zeigt, mit welchen Strategien eine nationalistische Kandidatin aufgebaut wird. Im Mittelpunkt steht die Krankenschwester Pauline (Émilie Dequenne), die sich aufopferungsvoll um ihren Vater kümmert und damit voll in den konservativen Wertekanon passt.

Die Bürgermeisterwahl dient dabei als Schablone für die ganz große Politik. Denn obwohl es hier meistens nur um Lokalpolitik geht, zeigt der Film doch allgemeingültige Mechanismen der Stimmungsmache und des Populismus. Selbst wenn Pauline mit für sich nachvollziehbaren Ideen antritt, so wird sie doch schneller von der Partei vereinnahmt, als sie "Gesinnungswandel" sagen kann.


Thema der Woche

Schon seit Jahren bin ich großer Fan von Alexander Matzkeit und seinem Film-Blog "real virtuality". Nun hat er vor wenigen Tagen einen Artikel zum Thema Fan-Sein geschrieben. Kurz und knapp kommt er zu dem Schluss, dass Fans zu sehr abhängig sind von den Kreativen, und er in seiner Rolle als Journalist froh über eine gewisse Neutralität ist. Ich finde diesen Gedanken spannend und habe selbst einmal nachgedacht, inwiefern sich das Marketing in Zeiten von immer mehr Fortsetzungen und immer größeren Filmserien verändert. Das Ergebnis: Fans haben immer mehr Macht zur Mitbestimmung!

Die meisten Menschen gehen ins Kino, ohne viel darüber nachzudenken, was sie dazu motiviert hat, sich genau heute genau diesen Film anzuschauen. Dabei sieht die Realität so aus, dass sie höchstwahrscheinlich einer gewissen Zielgruppe entsprechen, die vorab vom Verleih und der Promo-Agentur als Wunschpublikum definiert wurde. Mit viel Geld erkaufen sie sich eine kanalübergreifende Präsenz und begleiten einen somit in den Wochen vor Kinostart durch den Alltag. Dieser Prozess ist sehr mühsam choreographiert und natürlich teuer. Und genau darum starten auch gefühlt immer mehr Fortsetzungen erfolgreicher Filme im Kino. Denn die haben bereits bewiesen, dass ihre Zielgruppe zum Ticketkauf inspiriert werden konnte.

Die logische Konsequenz ist, dass ein Besucher aus Teil 1 sich höchstwahrscheinlich auch Teil 2 anschauen wird, weil er wissen möchte, wie es weiter geht. Oder noch besser: Weil er sich in der Zwischenzeit richtig mit der Materie beschäftigen konnte. Die Darsteller wurden auf Instagram gefolgt, Bücher zum Thema verschlungen und Konferenzen besucht, auf denen man die Macher persönlich sprechen konnte. Ein neuer Fan ist geboren! Und dieser Fan ist für den Verleih ungleich leichter zu erreichen. Denn er geht selbstständig auf Recherche und saugt jede News wissbegierig auf.

Nach und nach vergrößert sich damit auch der Einfluss von Fans auf die Künstler und die Geschichten, die sie erzählen. Manche stellen sich schon heute ganz in den Dienst des Publikums. Nach dem Erfolg von "Fack Ju Göhte" fragten Regisseur Bora Dağtekin und Hauptdarsteller Elyas M'Barek beispielsweise die Fans nach der gewünschten Ausrichtung des Komödien-Sequels. Die anschließende Klassenfahrt der Chaosschüler war das Ergebnis der ausgedehnten Marktforschung. Der kreative Freiraum steckt dann nur noch im Detail.


Als Begrifflichkeit ist "der" Fan schwer zu greifen, da er in vielen Ausprägungen auftreten kann – von der Like-Schleuder über eine Cosplay-Leidenschaft bis hin zur wandelnden Wikipedia. Doch zumindest sein Einfluss auf die Popkultur ist unbestritten. Als lautstarke Masse bekommen Fans, wonach sie verlangen: Mehr vom selben. Ernüchterung ist erst in Sicht, wenn die überzogene Erwartungshaltung mit den Ergebnissen bricht. Dann können wir uns wieder umsehen und entdecken vielleicht schon bald das nächste Highlight.

Wie zum Beispiel in dem Moment, wenn wir auf Netflix eine Serie beendet haben und uns wirklich frei für etwas komplett Neues entscheiden können.


Streaming-Perle

"Atypical" (Neu auf Netflix) – Vor einem Monat haben wir dir in der FILMICUM-Kolumne erst die Autismus-Doku "Life, Animated" vorgestellt. Nun gibt es bereits den nächsten Inhalt, den wir dir unbedingt ans Herz legen wollen. Denn mit "Atypical" ist auf Netflix die erste Serie mit einer autistischen Hauptfigur angelaufen.

Darin begleiten wir den 18-jährigen Sam (Keir Gilchrist), wie er die erste Liebe erlebt und immer unabhängiger wird. Nicht ganz so gut kommt damit allerdings seine überfürsorgliche Mutter Elsa (Jennifer Jason Leigh) klar, die ihn am liebsten komplett vor den Irrungen und Wirrungen des Lebens beschützen möchte. Mit einer Spielzeit von nur 3,5h schafft man die Serie super innerhalb eines Tages wegzubingen.


Darauf freuen wir uns

"Call Me By Your Name" (Start: 01. März 2018) – Bereits jetzt scheint der erste große Oscar-Kandidat für die Verleihung Anfang des nächsten Jahres gefunden zu sein. In "Call Me By Your Name" erzählt Regisseur Luca Guadagnino ("A Bigger Splash") von einer leidenschaftlichen Affäre zwischen zwei jungen Männern.

Wir schreiben das Jahr 1983. Elio (Thimotée Chalamet) nutzt den Sommer in Italien, um es sich gut gehen zu lassen. Die meiste Zeit verbringt er allein in einer mondänen Villa. Sein Vater (Michael Stuhlbarg) ist Archäologe und als solcher die meiste Zeit mit antiken Statuen beschäftigt. Als er dort den Amerikaner Oliver (Armie Hammer) zu sich einlädt, wird Elios Gefühlshaushalt gehörig durcheinander gewürfelt.


Die nächste Ausgabe FILMICUM erscheint am 31. August 2017

Artikel-Bewertung:

3.49 von 5 Sternen bei 70 Bewertungen.

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