Filmicum Oscars 2019
2016 wurde "Spotlight" als bester Film ausgezeichnet. Jetzt hat man überlegt auch den "besten populärer Film" zu küren. | Foto: ABC
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14. Sep 2018

Hella Wittenberg

Filme

Film-News: Großes Hin und Her bei den Oscars 2019

Neu im Kino: "Mackie Messer – Brechts Dreigroschenfilm" und "Styx"

"Mackie Messer – Brechts Dreigroschenfilm" (Kinostart: 13. September 2018) – Als Bertolt Brecht (Lars Eidinger) seine Dreigroschenoper 1928 uraufführt, ist der Applaus groß. Sofort will man sein Werk verfilmen und ins Kino bringen. Doch die Umsetzung wird schwieriger als zunächst gedacht. Denn Brecht will auch für die Leinwand ein außergewöhnliches Kunstwerk schaffen, die Produzenten möchten dagegen viel lieber das nachahmen, was sie am Theater gesehen haben. Ein Interessenkonflikt, der schließlich sogar vor Gericht landet.

In der Rolle des intellektuellen wie sturen Bertolt Brechts geht Lars Eidinger komplett auf. Er bringt die tatsächlich von Brecht gesagten Zitate so hervor, dass man das Drehbuch dahinter völlig vergisst und glaubt, dieser Mann würde das genau so meinen. Die Inszenierung lebt von seiner Präsenz, von seiner charmanten Arroganz. Und durch ihn geht der Diskurs, ob man Kunst schaffen könne, wenn man die Sehgewohnheiten der Menschen bedient, noch weit über den Film hinaus.

"Styx" (Kinostart: 13. September 2018) – Notärztin Rike (Susanne Wolff) möchte sich eine Pause gönnen. Um mal ganz für sich zu sein, startet sie in Gibraltar allein eine Segeltour. Doch nach einem großen Sturm ändert sich ihre Reise gewaltig. Denn sie entdeckt vor der afrikanischen Küste ein kleines, fahrunfähiges Boot mit unzähligen Flüchtlingen darauf. Um zu helfen, ruft Rike die Küstenwache, doch nichts passiert. Letztlich handelt sie selbst und nimmt wenigstens einen der Verletzten auf, den 14-jährigen Kingsley (Gedion Oduor).

Das Thema könnte aktueller nicht sein. Die Flüchtlingskrise hält weiter an, die eine Lösung scheint es nicht zu geben. Also zeigt Regisseur Wolfgang Fischer in seinem dokumentarisch anmutenden Sozialdrama eine Frau, die stellvertretend für die westliche Welt ganz persönlich mit dem extremen Elend konfrontiert wird. Ihre theoretische Weltoffenheit wird auf eine harte Probe gestellt – was nicht zuletzt zu einer höchst emotionalen Wendung führt. Ein Werk, das schwer fällt zu schauen, aber gleichzeitig auch nicht ignoriert werden kann.



Thema der Woche: Großes Hin und Her bei den Oscars 2019 – Was ist da los?

Die Academy Awards haben es schon nicht leicht. In einem Jahr sind sie zu weiß, im nächsten zu männlich. Damit der Vorwurf, die Oscars seien auch noch zu alt, nicht ebenfalls lauter wird, hatte man sich etwas ganz Besonderes ausgedacht. Im vergangenen Monat hieß es plötzlich: Bei der 91. Oscar-Verleihung 2019 würde nun auch ein Preis für den "Besten populären Film" vergeben werden. Kaum hatte diese Neuigkeit die Runde gemacht, setzte sich ein massiver Shitstorm in Bewegung.

Die Frage, die sich mit einem Mal stellte: Ja was soll denn bitte mit "populär" gemeint sein? Würde die Academy damit nur die Blockbuster auszeichnen, die das große Geld an der Kinokasse gemacht hatten? Oder würde es noch um etwas anderes als Scheinchen-zählen in dieser Kategorie gehen? Marvel-Fans freuten sich schon, dass jetzt endlich ihre Helden Iron Man, Thor oder auch Black Panther endlich die Ehre zukommen würde, die sie verdienen. Aber nun kommt doch alles anders als gedacht. Warum? Die Academy hat sich für die Oscars 2019 schon wieder was Neues überlegt: Sie legen diese frisch ausgedachte Idee direkt noch mal auf Eis. Und vielleicht vergessen sie sie dann auch wieder ganz. Ist das nun rückrad- oder einfach nur kopflos?

"Es gab eine Vielzahl an Reaktionen auf die Einführung einer neuen Auszeichnung, und wir erkennen die Notwendigkeit für weitere Diskussionen mit unseren Mitgliedern", lautet die offizielle Ansage von Academy-CEO Dawn Hudson. Die Superhelden müssen damit wohl doch erst mal leer ausgehen. Vielleicht kommt es auch gar nicht zum Trophäen sammeln dieser Art bei ihnen. Aber auf jeden Fall haben die Oscars mit diesem Hin und Her erneut etwas von ihrer Wichtigkeit eingebüßt. Wenn etwas mit diesen Überlegungen deutlich geworden ist, dann wohl, dass es den Oscars momentan vor allem um eine Verjüngungskur geht. Man will mithalten. Mit dem, was den Zeitgeist anspricht. Aber vor allem mit einer um einiges jüngeren Zielgruppe. Und mit den Massen. Und sogar mit denjenigen, die keine sehr hohe Aufmerksamkeitsspanne haben. Denn von vier Stunden hat man die Verleihung mittlerweile auch auf drei heruntergekürzt. Das hält ja sonst auch niemand aus!

Wie diese Einkürzung zustande kommen soll? Die für die breite Öffentlichkeit vermeintlich weniger interessanten Kategorien bekommen ihre Preise einfach in den TV-Werbepausen überreicht. Kleine Zusammenschnitte würden im Nachhinein sicher völlig genügen, oder? Die Überlegungen der Academy lassen an ihrer Glaubwürdigkeit zweifeln. Worauf kommt es bei den Oscars zukünftig denn wirklich an? Geht es nun mehr um Zahlen und darum, wie viele Leute sich die Show im Fernsehen ansehen oder geht es noch darum, diejenigen aus der Filmindustrie zu würdigen, die es verdient haben?

Mehr denn je ist das, wofür die Oscars stehen, nur schwammig erkennbar. Es fehlt an Profil. Mit einem Preis für Popularität hätten sie dieses bestimmt nicht stärken können. Mit klaren Ansagen aber schon. Da können wir nur hoffen, dass ihnen noch etwas in die Richtung bis zum Sonntag, den 24. Februar 2019, einfällt. Denn dann findet die Zeremonie mal wieder im Dolby Theatre in Los Angeles statt.

Rekordverdächtig: 2019 gibt es noch mehr Superhelden im Kino

Hoffentlich haben alle noch richtig Bock auf ein paar Comic-Verfilmungen. Im nächsten Jahr werden nämlich noch mehr Superhelden als sonst über die Leinwand schwirren. Waren es in diesem Jahr noch acht Blockbuster aus dem Genre, wird es 2019 ganze zehn Superhelden-Streifen geben. Die Tendenz: steigend!

Genau genommen rasen da "Captain Marvel", "The Avengers 4", Spider-Man: Far From Home", "Wonder Woman 1984", "Shazam!", ein eigenständiger Joker-Film mit Joaquin Phoenix, "X-Men: Dark Phoenix, "New Mutants", ein "Hellboy"-Reboot und M. Night Shyamalans "Glass" auf uns zu.  

Streaming-Perle: "The Cleaners – Im Schatten der Netzwelt" (Verfügbar bis 18. September 2018 in der ARD-Mediathek)

Social Media beeinflusst längst das Weltgeschehen. Pro Minute entstehen 500 Stunden Videomaterial auf YouTube, 450.000 neue Tweets auf Twitter, 2,5 Millionen Posts auf Facebook. Doch wer entscheidet, was die Welt zu sehen bekommt? Auf den Philippinen arbeiten Zehntausende Content-Moderatoren, die Unmengen an Bildern sichten. Ihre Arbeit wirft Fragen von Zensur auf.



Darauf freuen wir uns: "Wildlife" (Kinostart: 11. April 2019)

Was macht das mit einem Kind, wenn es sieht wie nach und nach die Ehe der Eltern auseinanderbricht, nachdem die Mutter eine Affäre mit einem anderen angefangen hat? In seinem Regiedebüt beschäftigt sich Paul Dano (sonst vor der Kamera, u.a. in "Little Miss Sunshine" zu sehen) genau mit dieser schwierigen Thematik. Der Trailer wirkt bereits ziemlich beeindruckend und intensiv, nicht zuletzt aufgrund des Casts rund um Carey Mulligan, Jake Gyllenhaal und Ed Oxenbould.

Die nächste Ausgabe FILMICUM erscheint am 27. September 2018

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